Olympia 2026: „Vierfach-Gott“ Ilia Malinin stürzt ab

Er habe keine Gegner in diesem Wettbewerb, hatte es geheißen. Doch am Freitagabend sah alle Welt, dass das nicht stimmte. Ilia Malinin wurde von sich selbst besiegt. Zwei Stürze, Fehler reihte sich an Fehler, nach der Hälfte des Programms klatschte das Publikum in gesundheitsschädlicher Lautstärke. Nicht weil sie das sahen, was sie erwarteten.

Sondern weil vor ihren Augen ein 21 Jahre alter Hochbegabter vor den Augen der ganzen Welt ein nicht enden wollendes Augenblicksversagen erlebte. Der Beifall sollte ihn aufmuntern. Der Beifall sollte den Sturz dämpfen. Der Absturz des „Vierfach-Gotts“ kam daher wie der Stoff aus einer griechischen Sage. Ikarus war einst der Sonne zu nah gekommen. Ilia Malinin wollte abheben und wurde immer wieder auf das Eis gezogen.

Vor dem Aufwärmen auf dem Eis hatten die Kameras Malinin im Aufwärmraum eingefangen, im Tanktop vor der Hantelbank. „Quad God“ stand auf dem Shirt. Malinin ist kein Mann, der vor dem Zurschaustellen seines Selbstbewusstseins zurückschreckt. Die Stimme des „Spoken Word“-Teils der Musik zu seinem Programm spricht – Ilia Malinin. Ilia Malinin läuft also zu Ilia Malinin.

Ein Mann auf der Flucht vor sich selbst

Am Freitagabend konnte die Welt dabei zuschauen, wie Ilia Malinin begann, zu Ilia Malinin zu laufen und schnell, viel zu schnell sah alle Welt, wie Ilia Malinin versuchte, vor Ilia Malinin davonzulaufen. Ein Mann auf der Flucht vor sich selbst, während aus den Lautsprechern die eigene Stimme zu ihm sprach. War das noch eine Athleten-Tragödie oder schon eine Athleten-Dystopie?

„Ich habe gedacht, ich müsste nur den Abläufen vertrauen, wie bei jedem Wettbewerb“, sagte Malinin anschließend, als er, beim Versuch vor sich selbst davon zu laufen gescheitert, sich selbst bewundernswert schnell gefangen hatte. Als er erklären sollte, was gerade geschehen war. „Aber das ist hier nicht wie bei jedem Wettbewerb, das ist Olympia. Den Druck, die Nerven, das merkt man erst hier. Das hat mich überwältigt und ich habe gespürt: ich habe keine Kontrolle.“

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Als sich der beste Eisläufer der Welt um elf Minuten vor elf an diesem Abend im Forum vor den Toren Mailands zum wichtigsten Wettkampf seines Lebens aufstellt, so erzählt er es hinterher, schießen ihm plötzlich Gedanken in den Kopf. „Sowas von überwältigend: All diese negativen Gedanken, alle dramatischen Punkten in meinem Leben fluteten auf einmal meinen Kopf, so viele negative Gedanken, die eingeflossen sind und damit bin ich nicht klarkommen.“

Um zu verdeutlichen, was die Zuschauer von Malinin zu sehen bekommen würden, ist wichtig, was sie bis dahin gesehen hatten. Schauspieler Jeff Goldblum war da und hatte dem Ukrainer Kyrylo Marsak, dessen Vater an der Front kämpft und der ebenfalls einen Abend zum Vergessen erlebte, trotzdem stehend applaudiert. Simone Biles, die beste Turnerin der Welt, hatte im Interview die tiefschürfende Erkenntnis zum Besten gegeben, dass ein wesentlicher Unterschied zwischen Sommer- und Winterspielen sei, dass es im Winter kälter ist.

Auf den Rängen hatte sich eine merkwürdige Stimmung breitgemacht. Der olympische Eiskunstlaufwettbewerb der Männer, das muss man so sagen, hatte ein Qualitätsproblem, dass diejenige, die in solchen Momenten für Qualität zuständig sind, nicht behoben, sondern verschärft hatten.

Eine Sternstunde für den kasachischen Sport

Aus der Gruppe der letzten, der besten Sechs hatte nur der Kasache Michail Schaidorow eine wirklich überzeugende Kür gezeigt. In der Halle waren aus Fans des Russen Pjotr Gummenik plötzlich Anhänger des Kasachen geworden, sie jubelten mit den Flaggen des Landes, als hätte, Stichwort Höhenflüge und Abstürze, Alexander Winokurow die Tour de France gewonnen.

Der Sieger: Michail Schaidorow aus Kasachstan
Der Sieger: Michail Schaidorow aus Kasachstandpa

Der kasachische Sport erlebte eine Sternstunde am Freitagabend in Assago. Fünf Vierfach-Sprünge gestanden, ein fehlerfreier Auftritt. 198,64 Punkte für die Kür, 291,58 insgesamt. Niemand sollte auch nur in die Nähe dieser Leistung kommen. Seit fünf vor halb elf saß Schaidorow, der kommende Olympia-Sieger auf dem Sessel, in den der Führende gezwungen wird und wusste nicht, wie ihm geschah.

Daniel Grassl, dem Südtiroler, der im Jahr 2023 zu Eteri Tutberidse nach Moskau gegangen war, weil sie, wie er nach dem Kurzprogramm gesagt hatte, mit „den Frauen so erfolgreich war“, und dortblieb, bis er drei Doping-Tests verpasst hatte, ging die Kraft aus. Noch in der Mixed Zone stützte er sich auf den Knien ab beim Sprechen.

Aufgrund der Doping-Manipulationen, einem in manchen Ländern nicht oder nur unzureichend existierenden Kontrollsystem und teilweise bislang nicht nachweisbaren verbotenen Substanzen übernimmt die Redaktion keine Gewähr für die Richtigkeit der Angaben. Eingefrorene Proben dürfen zehn Jahre lang nachkontrolliert werden. Mit dem endgültigen Ergebnis ist erst nach Ablauf der Verjährungsfrist 2036 zu rechnen.

Adam Siao Him Fa lieferte eine sneak preview“auf das, was Malinin in einigen Augenblicken widerfahren würde: Der Franzose stolperte über das Eis, er stürzte, krachte in die Bande. Nur der Rückwärtssalto, der gelang: „Ja, der Rückwärtssalto. Ist gelungen. Aber das ist doch nur ein kleiner Teil und alles andere…“ Von allem anderen gelang so gut wie nichts.

Yuma Kagiyama, der vor vier Jahren in Peking schon die Silbermedaille gewonnen hatte, trat etwas solider auf, was aber gegen Fa spricht als für Kagiyama. Er stürzte beim Vierfach-Flip und stolperte beim Vierfach-Toeloop. Kagiyama erlief sich die sechstmeisten Punkte für diese Kür und gewann damit Silber. Sato Shun war nur Neunter nach dem Kurzprogramm gewesen und lief mit der drittbesten Kür des Abends noch zur Bronzemedaille. Ein Athlet nach dem anderen hatte sich selbst überfordert. So ein Abend war das.

„Der Hype ist riesig um ihn“

Und entsprechend groß war die Unruhe, als Malinin auf das Eis trat. Das Publikum überspielte sie mit lautem Geschrei. Jetzt, jetzt würden die Zuschauer zu sehen bekommen, worauf sie warteten. Lukas Britschgi, Europameister 2025, hatte am früheren Abend schon voller Vorfreude gesteckt, voller Vorfreude, überflügelt zu werden von Malinin. „Der Hype ist riesig um ihn“, hatte Britschgi nach seiner Kür gesagt. „Ich finde das richtig schön, weil es das Eiskunstlaufen in den Fokus bringt. Mit ihm im Mittelpunkt, klar, aber das ist sehr cool. Er ist meine Konkurrenz, aber ich bin ehrlich: Er ist auf einem anderen Level. Wenn er gut läuft, kann niemand auch nur anhäherungsweise mithalten. Er ist unser Superstar. Ich weiß nicht, von wo der ist, aber er ist nicht vom Planet Erde. Der bringt das alles mit so einer Leichtigkeit aufs Eis.“ Er werde sich das in der Halle anschauen. „Ich will ihm zugucken. Diese Atmosphäre hier ist so geil.“

Und während nun alle, Zuschauer wie Konkurrenten, darauf warten, wie Ilia Malinin, 21 Jahre alt, aus Virginia, diesen Abend retten wird, schießt in den Kopf des Eiskunstläufers, der seit fast drei Jahren nicht mehr besiegt wurde, eine Springflut negativer Gedanken.

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Der Vierfach-Flip gelang. Beim Vierfach-Axel, dem Sprung, den nur Ilia Malinin beherrscht, landete er nach einfacher Drehung. Der Vierfach-Rittberger gelingt nur doppelt. Der Sturz beim Vierfach-Lutz ruiniert die Kombination mit dem dreifachen Toeloop. Und aus dem Vierfach-Salchow, der mit dem Dreifach-Axel kombiniert werden soll, gelingt nur ein Doppel-Salchow, der mit einem Sturz endet.

„Wenn man der Goldfavorit ist, muss man mit einem Haufen Dingen klarkommen“, sagte Malinin anschließend noch. „Vor allem in meinem Alter. Ich muss noch eine Menge verarbeiten. Ich weiß nicht, was in den Momenten auf dem Eis passiert ist. Ich weiß nur, dass das nicht mein bester Auftritt war und ich das nicht so erwartet habe. Es ist gelaufen. Ich kann nicht zurückgehen und es ändern. Auch wenn ich das gerne machen würde.“

Eine Million Mal habe er alles trainiert. „Ich wollte hier machen, was ich immer mache. Was wir geplant hatten. Einfach rausgehen, und machen, was ich immer mache. Das ist nicht passiert.“ Den Rückwärtssalto, mit dem er zur Sensation geworden war, mit dem er die Kinder vor die Bildschirme lockt, hatte Malinin auf einem Bein gelandet. Es interessierte niemanden. So ein Abend war das.

Und als spät am Abend die Pressekonferenz der Medaillengewinner eröffnet wird, bekommt der Reporter der russischen TASS die erste Frage. Er will vom Sieger Schaidorow wissen, was er zu Malinin zu sagen habe, das sei doch ein enttäuschender Auftritt gewesen. „Ich habe ihn angefeuert“, antwortet Michail Schaidorow. „Natürlich habe ich ihn angefeuert, er ist ein so wichtiger Sportler in der Geschichte des Eiskunstlaufs. Aber das Eis ist rutschig.“