Frankreich will bei der Digitalisierung nicht von den USA abhängig sein – Wirtschaft

Eigentlich müsste er sich beim US-Präsidenten Donald Trump bedanken. „Für mein Geschäft ist der Trump-Effekt toll“, sagt der Mitbegründer und Chef der französischen IT-Firma Leviia, William Méauzoone, und lacht. Aber sogleich wird er ernst und fügt hinzu: „Persönlich machen mir diese Entwicklungen Angst. Aber dieser Trump-Effekt bewirkt wirklich etwas, ein Push vom Diskutieren zum Tun.“

Seit zwei, drei Monaten wird die IT-Firma mit Sitz nahe Paris von Anfragen geradezu überrollt. Leviia ist in Frankreich Partner von Nextcloud, einem Unternehmen mit Sitz in Stuttgart, das eine vollständig auf Open-Source-basierte Kollaborationsplattform anbietet. Die Daten bleiben auf den eigenen Servern oder bei einem der lokalen Cloud-Partner wie Leviia, das Speicherzentren in Marseille und Lyon betreibt – was Nähe und Kontrolle gewährleistet. Die Daten fließen also nicht in die USA ab oder werden zum Training von KI-Modellen genutzt.

Seit Donald Trump in Washington sein Amt angetreten hat und sich die Bosse der Techkonzerne um den US-Präsidenten scharen, ist das Misstrauen nicht nur bei französischen Unternehmen und Behörden gewachsen. Besteht ein Risiko, dass der US-Präsident Cloud-Anbietern aus geopolitischen Erwägungen vorschreiben könnte, ihre Dienste in Europa abzuschalten? Was ist, wenn aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen einfach der Zugriff auf Daten verweigert wird? Oder die eigenen Daten anderweitig benutzt werden?

Bisher sei es bei Fragen, ob US-Produkte zum Einsatz kommen und wo die Daten gespeichert werden, „vor allem um Ideologie gegangen“, sagt Leviia-Chef Méauzoone. „Aber jetzt beginnen auch große, sehr große französische Unternehmen, Angst zu bekommen. Und sie wollen rasch Lösungen haben.“ Er schätzt, dass mehr als ein Dutzend der an der Pariser Börse im Aktienindex CAC gelisteten führenden 40 Unternehmen konkrete Umstiegsmöglichkeiten prüft oder schon konkrete Schritte veranlasst hat. Namen dürfe er keine nennen. „Viele sind vom ersten Tag an Microsoft-Kunden, fragen sich aber jetzt, ob sie dort noch Sicherheit haben.“

William Méauzoone, Chef und Mitbegründer von Leviia.
William Méauzoone, Chef und Mitbegründer von Leviia. (Foto: Leviia)

Kräftig unterstützt wird diese Weg-von-den-USA-Bewegung in Frankreich durch die Regierung. Der Leviia-Chef sieht hier einen Wechsel, „der durch die Politik gefördert wird“. Präsident Emmanuel Macron setzt sich, wie beim Treffen der EU-Staats- und Regierungschefs an diesem Donnerstag, für eine Verringerung der technologischen Abhängigkeit von den USA und China ein. Französische Behörden scheuen sich auch nicht, gegen Elon Musk vorzugehen. Ermittler durchsuchten vergangene Woche das Pariser Büro seiner Plattform X, Musk wird für den 20. April vorgeladen. Die Pariser Staatsanwaltschaft ermittelt gegen X wegen des Vorwurfs, dass Algorithmen in dem sozialen Netzwerk verändert worden sein sollen, um rechtsextremen Inhalten mehr Aufmerksamkeit zu bescheren. Es gibt auch außerdem Vorwürfe wegen Holocaustleugnung und sexualisierter Abbildungen.

Die französische Regierung will sensible Daten nicht außerhalb Europas speichern

Während anderswo noch diskutiert wird, macht Paris Ernst mit seinem Vorgehen gegen US-Techkonzerne und setzt das um, was in Brüssel gefordert wird: mehr digitale Souveränität. Konkret heißt das: Die französische Regierung will Zoom und Teams nicht mehr nutzen. Zum Einsatz kommt künftig nur noch Visio, eine mit französischer Technologie entwickelte quelloffene Software. „Wir können nicht das Risiko eingehen, dass unser wissenschaftlicher Austausch, unsere sensiblen Daten und unsere strategischen Innovationen nicht europäischen Akteuren ausgesetzt werden“, sagte David Amiel, Minister für den öffentlichen Dienst. Er sieht darin „eine Versicherung gegen zukünftige Bedrohungen und eine Chance für unsere Unternehmen“. Bis Ende 2027 soll dieser Wechsel vollzogen sein.

Weiter ist man da schon in der Region Île-de-France. Die Revolution in Frankreich hat diesmal in den Schulen begonnen. Vor eineinhalb Jahren startete die Verwaltung im Großraum Paris damit, Microsoft-Software schrittweise durch Angebote französischer Firmen zu ersetzen. Französischen Unternehmen wie Wordline und Docaposte kümmern sich um die Verwaltung von E-Mails und Schülerdaten, die auf den Servern von Leviia gespeichert sind.

„Für uns ist vor allem Datenschutz sehr wichtig, da geht es um sensible Informationen von Minderjährigen. Wir wollten bewusst in Schulen andere Produkte als die von Microsoft anbieten“, sagt Bernard Giry, Leiter der digitalen Transformation der Region Île-de-France (Großraum Paris). Mit der Umstellung wurde aber noch etwas anderes bezweckt: „Wir wollten die Arbeitsmöglichkeiten zwischen Lehrern und Schülern verändern und leicht zugängliche, kollaborative Plattformen.“

Bernard Giry ist für digitale Transformation im Großraum Paris zuständig.
Bernard Giry ist für digitale Transformation im Großraum Paris zuständig. (Foto: IDF)

Inzwischen arbeiten bereits etwa 550 000 Schülerinnen und Schüler, Lehrer und Beschäftigte der Schulverwaltung mit Monlycée, einer gemeinsamen Plattform, die alle Dienste integriert. Auf den ersten Blick sieht die Oberfläche wie ein Angebot von Microsoft aus: Mit der von Nextcloud entwickelten und von Leviia eingeführten Software können Schüler im Großraum Paris auf dieser Lernplattform gemeinsam Dokumente bearbeiten und teilen, Lehrer können Unterrichtsmaterialien hochladen.

Microsoft von einem auf den anderen Tag abschalten, das geht nicht

Die Open-Source-Software ist modular aufgebaut und über Handy oder Tablet genauso nutzbar wie auf einem Laptop. „Unser Ziel ist es, ein bekanntes Nutzererlebnis ohne jeglichen Komfortverlust zu bieten“, sagt Leviia-Chef Méauzoone. Er verhehlt auch nicht, dass damit ein pädagogischer Effekt angestrebt wird: dass sich Kinder an andere Produkte als jene aus den USA gewöhnen.

Auch Giry, der für die IT-Infrastruktur des Großraums Paris zuständig ist, sieht einen Trump-Effekt: „Tatsächlich gibt es in Frankreich diesen Effekt, wir wollen nicht mehr so abhängig von den Amerikanern sein. Baustein für Baustein bauen wir Alternativen auf. Aber wir haben schon vor zwei Jahren, also vor Donald Trump, zu planen begonnen.“ Denn man könne nicht so von einem Tag auf den anderen Microsoft-Programme abschalten, die Migration der Daten dauert. Er selbst nutzt für das Interview auch noch Teams. „Es ist auch nicht so, dass alle Lösungen schon existieren. Wir müssen schrittweise vorgehen. In unserem Bereich gibt es aber die Notwendigkeit, dass alles funktioniert, 365 Tage im Jahr.“

Bisher läuft alles in den Schulen im Großraum Paris. Die Umstellung gilt als Vorzeigebeispiel, weitere Regionen und Kommunen in Frankreich wollen folgen. Auch Chamonix, Grenoble, Ville-la-Grand und Lyon ersetzen in der Verwaltung Microsoft Office schrittweise durch freie und quelloffene Software. Das französische Energie- und das Bildungsministerium sind ebenfalls dabei umzustellen.

Das 2016 in Stuttgart gegründete Unternehmen Nextcloud sieht ein deutlich wachsendes Interesse in ganz Europa, wenngleich Deutschland noch im Rückstand ist. Einzig Schleswig-Holstein ist gerade dabei, auf Open-Source-Anbieter umzustellen. Frankreich oder auch Österreich, wo das Wirtschaftsministerium auf Nextcloud setzt, sind da schon weiter. 2025 haben sich die Anfragen im Vergleich zum Jahr davor verdreifacht, sagt Unternehmenschef Frank Karlitschek und spricht ebenfalls von einem „Trump-Effekt“, der die Unabhängigkeitsbestrebungen beschleunige. „Vor allem der öffentliche Sektor sowie generell Organisationen, die sensible Daten verarbeiten oder besonders strengen Anforderungen in ihrer Datenverarbeitung unterliegen, suchen nach besseren Lösungen.“

Frank Karlitschek, Chef von Nextcloud.
Frank Karlitschek, Chef von Nextcloud. (Foto: Nextcloud)

Der Pariser Behördenvertreter Bernard Giry sieht aber noch einen anderen Grund: Kostendruck. Verwaltungseinrichtungen in Frankreich wie auch Unternehmen sehen sich mit Kostensteigerungen durch Preiserhöhungen etwa bei Microsoft konfrontiert und fühlen sich letztlich auch ausgeliefert. Nach Angaben des für die öffentliche Verwaltung zuständigen Ministeriums führt die Abschaffung kostenpflichtiger Softwarelizenzen zu „erheblichen Einsparungen“. Schätzungen zufolge kann rund eine Million Euro eingespart werden, wenn 100 000 Nutzer auf ein Lizenzprodukt verzichten. In der Region Île-de-France werden nach Angaben von Giry pro Jahr 140 Millionen Euro für die IT nur in Schulen ausgegeben.

In Frankreich gilt das Projekt Île-de-France als wegweisend im Kampf gegen die Vorherrschaft der US-Techkonzerne. Für Leviia-Chef Méauzoone ist es „ein großartiger Anwendungsfall“, weil man mit mehr als einer halben Million Nutzern zeigen könne, dass es auch ohne Microsoft und Co. geht. Und so ist er sich sicher: „Wir haben eine große Zukunft vor uns.“