

„Da bin ich!“, sagt der Lärm – unüberhörbar. Was also machen Menschen logischerweise, wenn sie „Da sind wir!“ sagen wollen? Lärm! Mehr müsse man nicht wissen, um das Prinzip der Fasnacht zu verstehen, behaupten Pappnasen-Boykotteure. Dabei ist Lärm doch das Polster, das die Last des Lebens leichter macht. Das wissen sogar Schweizer Banker, die ihre nadelgestreifte Zivilisiertheit bis zum Aschermittwoch vergessen und als Schneewittchen verkleidet von Fasnachtsbeiz zu Fasnachtsbeiz durch Luzerns Gassen torkeln und dabei grölen, als hätten sie den Tarzanschrei soeben ins Schweizerdeutsche übersetzt.
Zusammen mit Tausenden anderen Kostümierten sind sie am Schmutzigen Donnerstag schon in aller Frühe unterwegs, um den Urknall nicht zu verpassen. Diese ohrenbetäubenden Detonationen über dem Luzerner Seebecken geben um Punkt 5 Uhr das Startsignal, mit dem das Treiben in Luzerns Straßen beginnt. Auf den Plätzen regnet es kiloweise Konfetti herab, die Gassen kochen, sprühen Funken, dröhnen und explodieren.
Der Andrang zur Luzerner Fasnacht, die zu den traditionsreichsten Festen der Schweiz gehört und bis in das 14. Jahrhundert zurückreicht, ist alljährlich riesengroß. 2025 erlebten rund 350.000 Menschen ein prall gefülltes Programm, das vom Orangenwerfen am Kapellplatz bis zu den berüchtigten Monstercorso-Paraden reicht, und stellten einen neuen Besucherrekord auf. Auch in diesem Jahr wird sich die gesamte Altstadt in ein einziges Festgelände verwandeln. Da ist es nicht schwer, unter den vielen Hotspots seinen persönlichen Lieblingsort zu finden. Zur Fasnachtsbar in die Buobenmatt-Markthalle, zur großen Party im Hotel Schweizerhof, lieber ins Café La Suisse – Doorzögli, eine der letzten echten Fasnachtskneipen –, oder doch ins Cara Mia zur traditionellen Holdrioschlacht, bei der keine Fäuste, sondern süße Fasnachtsgebäcke durch das Lokal fliegen?
Am Sonntag ist der Place-to-be auf jeden Fall die Hofkirche St. Leodegar, wo eine Gugger-Mäss gefeiert wird. So ein Narrengottesdienst, bei der kirchliche Liturgie und Fasnacht verschmelzen, ist eine wunderbare Tradition. Bei der trifft die Kirchenorgel auf die schön-schräge Musik der Gugge, wie die Cliquen aus Trommlern und Blechbläsern genannt werden.
Historisch geht die Tradition der Guggenmusik auf vorchristliche Riten und mittelalterliche Bräuche zurück, bei denen mit Kuhhörnern, Schellen und Rasseln erzeugter Lärm dazu diente, symbolisch die Geister des Winters zu vertreiben. Organisierte Blasmusikgruppen, die ihre Auftritte mit speziellem Kostümen und Masken visuell verstärkten, entwickelten sich dann ab dem 19. Jahrhundert. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte die Guggenmusik in der Schweiz einen enormen Aufschwung und etablierte sich als fester Bestandteil der Fasnachtskultur.
Als klanglicher Motor von Umzügen, Platzkonzerten und Fasnachtsgottesdiensten stellen die Guggen Spektakel und kollektive Energie über Präzision und erinnern daran, dass selbst in der ordnungsliebenden Schweiz nicht immer alles glatt und wohltönend verläuft. Mit Absicht so musizieren, dass es wie unabsichtlich falsch gespielt klingt, immer knapp neben der Melodie, aber noch erkennbar – das ist die Kunst der Guggen. Ihr Repertoire reicht von Volks- und Jazzstücken über bekannte Popsongs bis zu eigens komponierten Medleys. Wenn auf Sousaphon, Steeldrum, Posaune, Dudelsack und selbst gebastelten Lärminstrumenten das Lied „Runaway“ von Bon Jovi gespielt wird, ist das keine akustische Streicheleinheit. Auf den knallvollen Kirchenbänken der Luzerner Hofkirche wird dennoch euphorisch geklatscht und im Takt gewippt, und der gesangsfreudige Pfarrer bringt seine Gesellschaftskritik auch schon mal mit einem Ständchen unter die Gemeinde. Die Fasnacht schafft zwar keine Niedertracht und keine Krisen aus der Welt, aber sie mildert die Verzweiflung darüber, und das gibt dem ganzen Unsinn einen wohltuenden Sinn.
