Wie Jeffrey Epstein reich wurde

Jeffrey Epstein war in der Welt der Superreichen zuhause. Er pflegte Kontakte zu Multimilliardären wie Elon Musk und Bill Gates. Ihm gehörten zwei Karibikinseln, mehrere Privatjets und eine Reihe von Luxusimmobilien, darunter ein opulentes Haus an der New Yorker Upper East Side. Zum Zeitpunkt seines Todes im August 2019 soll das Vermögen des verurteilten Sexualstraftäters einen Wert von rund 600 Millionen Dollar gehabt haben – eine ansehnliche Summe, wenngleich er damit nicht annähernd so reich war wie manche Vertreter der Wirtschaftselite, mit denen er sich umgab. Für jemanden, der seine berufliche Karriere nach abgebrochenem Studium als Mathematik- und Physiklehrer begann, hat es Epstein zu einem immensen Reichtum gebracht.

Wie ihm das gelungen ist, bleibt bis heute etwas undurchsichtig. Klar ist aber, dass er als Vermögensverwalter für Reiche auftrat und zwei seiner Kunden eine herausragende Bedeutung für ihn hatten. Einer von ihnen war Leslie „Les“ Wexner, der heute 88 Jahre alte Gründer eines Handelsimperiums, zu dem zwischenzeitlich Ketten wie Victoria’s Secret und Abercrombie & Fitch gehörten. Der andere war Leon Black, der 74 Jahre alte Mitgründer der Beteiligungsgesellschaft Apollo Global Management, den Epstein auch „Mr. Big“ nannte. Wexners Vermögen wird von der Zeitschrift „Forbes“ heute auf mehr als neun Milliarden Dollar geschätzt, Blacks Reichtum auf mehr als 13 Milliarden Dollar. Von beiden hat Epstein im Laufe der Jahre für seine Dienste dreistellige Millionenbeträge erhalten, was aus Sicht vieler Beobachter rätselhaft hohe Summen sind.

An der noblen Upper East Side. Das vierstöckige Anwesen gehörte Epstein.
An der noblen Upper East Side. Das vierstöckige Anwesen gehörte Epstein.picture alliance/dpa

Beide tauchen jetzt wiederholt in den Dokumenten auf, die vom amerikanischen Justizministerium veröffentlicht worden sind. Wexner wird darin sogar als möglicher „Mitverschwörer“ Epsteins beschrieben, wenn auch mit der Einschränkung, es gebe nur „begrenzte Beweise“ für eine Verwicklung in Straftaten. Sowohl Wexner als auch Black haben sich von Epstein distanziert. Nachdem er im Juli 2019 mit dem Vorwurf angeklagt wurde, Dutzende minderjähriger Mädchen sexuell missbraucht zu haben, beteuerten sie, nichts von solchen Verfehlungen gewusst zu haben. Wenige Wochen nach der Anklage wurde Epstein tot in seiner Gefängniszelle in New York aufgefunden, zu einem Prozess kam es nie.

Renommierte Schule engagierte ihn auch ohne Abschluss

Epstein stammte aus einfachen Verhältnissen. Er ist in Coney Island im New Yorker Stadtbezirk Brooklyn geboren und aufgewachsen. Er studierte Mathematik an zwei Universitäten in seiner Heimatstadt, ohne aber jemals einen Abschluss zu machen.

Trotz mangelnder formeller Qualifikation wurde er an der renommierten Dalton-Schule an der Upper East Side als Lehrer für Mathematik und Physik angestellt. Deren Direktor soll Wert darauf gelegt haben, unkonventionellen Kandidaten eine Chance zu geben, die nicht die üblichen Voraussetzungen erfüllen.

Dies sollte nur das erste von vielen Beispielen dafür sein, wie es Epstein gelang, Menschen für sich einzunehmen, die ihn voranbringen konnten. Nach weniger als zwei Jahren verließ er die Schule wieder, nach einem Bericht der „New York Times“ waren seine Kollegen mit seiner Arbeit als Lehrer unzufrieden.

Wechsel ins Investmentbanking

Aber die Schule verschaffte ihm noch einen wertvollen Kontakt, der ihm den Sprung in die Finanzwelt ermöglichen sollte. Der Vater eines Schülers brachte ihn mit Alan „Ace“ Greenberg in Verbindung, einem Top-Manager der Investmentbank Bear Stearns. Greenberg kam es bei der Einstellung von Bankern nicht in erster Linie auf den akademischen Hintergrund an. In einer berühmt gewordenen internen Nachricht beschrieb er die idealen Voraussetzungen einmal so: „Arm, gescheit und mit einem sehnlichen Wunsch, reich zu werden.“ Epstein passte offenbar bestens in dieses Anforderungsprofil und wurde zu einer Art Protegé von Greenberg. Ihm wurde auch schnell verziehen, als herauskam, dass er seinen Lebenslauf um nicht existierende Hochschulabschlüsse angereichert hatte. Epstein arbeitete sich bei Bear Stearns schnell nach oben, nach vier Jahren war er nur noch eine Stufe davon entfernt, Partner zu werden.

Er fiel aber der „New York Times“ zufolge auch mit einigen Fehltritten auf. So soll er seiner damaligen Freundin bei einer Geschäftsreise in die Karibik auf Firmenkosten Schmuck und Bekleidung im Wert von mehr als 10.000 Dollar gekauft haben, und er soll ihr auch privilegierten Zugang zu Aktien von Unternehmen verschafft haben, an deren Börsengang Bear Stearns mitwirkte. Epstein verließ die Bank schließlich, nachdem sie interne Untersuchungen eingeleitet hatte. Was beide Seiten nicht davon abhalten sollte, später wieder Geschäfte miteinander zu machen.

Finanzberater – aber nur für Milliardäre

Nach seinem Abschied von Bear Stearns machte sich Epstein selbständig. Er gründete J. Epstein & Co. und bot sich damit als Vermögensverwaltung für reiche Kunden an. Er versprach finanzielle Universalbetreuung, von Steuer- und Nachlassplanung über Anlageberatung bis zu Unterstützung wohltätigen Engagements. Er soll gesagt haben, er wolle ausschließlich mit Milliardären arbeiten. Über viele Jahre hinweg war allerdings Les Wexner der einzige Milliardär, der als Kunde von Epstein bekannt war. Wexner lernte Epstein Mitte der 1980er Jahre kennen und heuerte ihn nach einiger Zeit als Finanzberater an. 1991 unterschrieb er eine Vollmacht, die Epstein weitreichende Befugnisse gab und ihm zum Beispiel erlaubte, in seinem Namen Kredite aufzunehmen und Immobilien zu kaufen oder zu verkaufen.

Les Wexner überwarf sich mit dem Finanzier.
Les Wexner überwarf sich mit dem Finanzier.Imago

Epstein machte von dieser Autorität offenbar auch reichlich Gebrauch. Wie Wexners Anwälte 2019 gegenüber Staatsanwälten sagten, hatte er sein Haus in New York von Wexner gekauft, und zwar laut einem jetzt publik gewordenen Dokument der Staatsanwaltschaft zu einem „erheblichen Preisnachlass“. Ebenfalls weit unter Marktpreisen habe er eines von Wexners Privatflugzeugen erworben. Es handelte sich dabei um eine Boeing-Maschine des Typs 727, die als „Lolita Express“ berüchtigt wurde, weil sie dazu genutzt worden sein soll, Minderjährige zwischen verschiedenen Wohnorten Epsteins hin- und herzufliegen. „Forbes“ zufolge soll Epstein für seine Dienste von Wexner im Laufe der Jahre 200 Millionen Dollar bekommen haben.

Leon Black kommt Epstein zu Hilfe

2007 kam es zum Bruch zwischen den beiden Männern. Zu dieser Zeit gab es schon Ermittlungen gegen Epstein in Florida wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen, die 2008 zu einem Schuldeingeständnis und einer Verurteilung führten. Die Wexners fanden außerdem nach eigener Darstellung heraus, dass Epstein erhebliche Summen aus ihrem Vermögen veruntreute. „Epstein hat oft Immobilien im Namen der Wexners gekauft und sie dann für einen Bruchteil der Kosten an sich weiterverkauft,“ heißt es in dem Dokument der Staatsanwaltschaft. Um „unnötige Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit“ zu vermeiden, sei dann ein „privater Vergleich“ zwischen den beiden Parteien ausgehandelt worden. Epstein habe sich bereit erklärt, 100 Millionen Dollar zu zahlen, und Wexner habe alle Verbindungen zu ihm abgebrochen. Wexner hat gesagt, es sei ihm „peinlich“, von Epstein getäuscht worden zu sein.

Leon Black zahlte Epstein Millionen-Honorare.
Leon Black zahlte Epstein Millionen-Honorare.Getty

Der Verlust von Wexner als Kunden war offenbar sehr schmerzhaft für Epstein, gerade in einer Zeit, in der auch die Finanzkrise und seine Verurteilung sein Geschäft belasteten. Wie „Forbes“ unter Berufung auf Gerichtsdokumente schrieb, stürzten die Umsätze seines Unternehmens ab. Dann aber kam ihm Leon Black zu Hilfe. Ihn kannte er schon seit den 1990er Jahren, zu jener Zeit übernahm er auch einen Sitz in Blacks Familienstiftung. 2012 heuerte Black Epstein auch als Finanzberater an, ähnlich wie dies Jahre zuvor Wexner getan hatte. Auch von Black wurde Epstein fürstlich entlohnt, er bekam über einen Zeitraum von fünf Jahren insgesamt 170 Millionen Dollar.

Streit um Bezahlung führte zum Bruch

Die üppige Bezahlung wurde 2021 im Rahmen einer Untersuchung publik, die eine Anwaltskanzlei für Apollo durchführte. „Forbes“ zufolge stand Black zeitweise für den größten Teil seines Einkommens. Black rechtfertigte diese Bezahlung, in dem Bericht der US-Kanzlei Dechert hieß es, er habe den Wert von Epsteins Arbeit für ihn auf eine bis zwei Milliarden Dollar geschätzt. Die jetzt vom Justizministerium veröffentlichten Dokumente suggerieren zum Beispiel, dass Black mit Epsteins Hilfe Teile seiner umfangreichen Kunstsammlung als Sicherheit für Kredite einsetzte, darunter Werke berühmter Maler wie Pablo Picasso, Claude Monet oder Paul Cézanne. Dieses Manöver versprach erhebliche Steuerersparnisse.

Black sah sich auch selbst Vorwürfen sexuellen Missbrauchs gegenüber und wurde von mehreren Frauen verklagt. Darunter war ein früheres Model aus Russland, mit der er nach eigener Darstellung nur eine einvernehmliche Affäre hatte. Mit ihr schloss er 2015 einen Vergleich, der Zahlungen in Millionen-Dollar-Höhe und eine Vertraulichkeitsvereinbarung enthielt. Ihre Klage wurde später abgewiesen, eine Klage einer anderen Frau wurde wieder zurückgezogen. Black hat jegliche Vorwürfe sexuellen Missbrauchs bestritten.

Das Verhältnis zwischen Black und Epstein kühlte sich um 2016 herum ab, beide Männer fingen an, sich um Epsteins Bezahlung zu streiten. Nach Angaben in dem Bericht der Anwaltskanzlei Dechert floss 2017 zum letzten Mal Geld von Black an Epstein, im Jahr danach brach der Kontakt ganz ab. Kurz nach der Veröffentlichung des Berichts 2021 gab Black seine Führungspositionen bei Apollo ab. Auch seine Aufgabe als Vorsitzender des Aufsichtsgremiums im New Yorker Museum of Modern Art legte er nieder.

Verbindungen zur Rockefeller-Familie und Tech-Bossen

Neben Wexner und Black hatte Epstein noch einige andere namhafte Kunden, wenngleich es bei ihnen um weitaus niedrigere Summen ging. In den jetzt veröffentlichten Dokumenten findet sich ein Vertrag aus dem Jahr 2015 zwischen Epstein und Ariane de Rothschild, der Vorstandschefin der Genfer Privatbank Edmond de Rothschild. Darin heißt es, Epsteins Unternehmen solle 25 Millionen Dollar für seine Arbeit an einer „Vielzahl strategischer Geschäftsangelegenheiten“ bekommen. Eine andere Kundin von Epstein war Elizabeth Johnson aus der Gründerfamilie des Gesundheitskonzerns Johnson & Johnson.

Ein Bild aus 2019: Die Zorro-Ranch von Jeffrey Epstein in New Mexico
Ein Bild aus 2019: Die Zorro-Ranch von Jeffrey Epstein in New Mexicopicture alliance / ASSOCIATED PRESS

Epstein pflegte auch Kontakte zu David Rockefeller aus der Rockefeller-Familie, die einst mit dem Ölimperium Standard Oil zu sagenhaftem Reichtum kam. Eine Zeit lang saß er im Aufsichtsgremium der Rockefeller University. Wie die „New York Times“ einmal schrieb, hat Epstein oft mit seinen Verbindungen zur Rockefeller-Familie geprahlt. Er habe auch behauptet, er arbeite als Finanzberater für sie, obwohl dies nicht wahr gewesen sei.

Die neuen Dokumente des Justizministeriums haben auch unterstrichen, wie intensiv der Kontakt zwischen Epstein und der Technologiewelt war. Unter den E-Mails, die jetzt publik wurden, tauchen prominente Milliardäre wie Elon Musk, Bill Gates, Peter Thiel und Reid Hoffman als Adressaten auf. Epstein selbst hat in einer E-Mail geschrieben: „Ich habe viele Freunde im Silicon Valley.“ Er investierte auch rege in der Branche. Aus den Dokumenten geht hervor, dass er 2014 für drei Millionen Dollar einen Anteil an der Kryptoplattform Coinbase kaufte. Vier Jahre später stieß er die Hälfte dieser Aktien mit großem Gewinn wieder. Wie die „New York Times“ schon im vergangenen Jahr schrieb, hat Epstein auch 40 Millionen Dollar in Beteiligungsgesellschaften von Peter Thiel investiert.

Neben seinen Verbindungen zu einflussreichen Kreisen hat Epstein offenbar einen erheblichen Teil seines Reichtums auch großzügigen Steuerbehörden zu verdanken. Er siedelte seine zwei Unternehmen Financial Trust Company und Southern Trust Company auf den amerikanischen Jungferninseln an, zu denen auch seine beiden Inseln gehören. Dort nahm er ein Programm in Anspruch, das unter bestimmten Voraussetzungen erhebliche Steuervergünstigungen versprach. Nach einem Bericht von „Forbes“ hatte dies den Effekt, dass er zwischen 1999 und 2018 nur einen durchschnittlichen Steuersatz von vier Prozent zahlte und damit 300 Millionen Dollar sparen konnte.

Nach Epsteins Tod wurden viele seiner Vermögenswerte wie die Inseln oder das Haus in New York verkauft. Seine Nachlassverwalter zahlten mehr als 120 Millionen Dollar an einen Entschädigungsfonds für Frauen, die von ihm sexuell missbraucht wurden. Mehr als 100 Millionen Dollar erstritten sich die Jungferninseln im Rahmen eines Vergleichs, unter anderem als Rückzahlung der von Epstein in Anspruch genommenen Steuererleichterungen. Heute, mehr als sechseinhalb Jahre nach seinem Tod, wird der Wert seines Nachlasses noch immer auf rund 120 Millionen Dollar geschätzt.