

Die Wissenschaft sieht sich gegenwärtig so vielen Anfeindungen und Angriffen ausgesetzt wie schon sehr lange nicht mehr. In den Vereinigten Staaten hat die staatliche Ressourcenverteilung als Abrissbirne eine blühende Wissenschaftslandschaft in kurzer Zeit folgenreich verwüstet und Forschungsförderung unter Kuratel teils bizarrer Ideologie gestellt. Auch hierzulande gibt es Drohungen, bestimmte Forschungsrichtungen abzuschaffen oder finanziell auszutrocknen. Das ist nicht nur eine wissenschaftliche, sondern für eine freiheitliche Demokratie auch eine politische Herausforderung.
Ein Abdriften freiheitlicher politischer Ordnungen ins Autoritäre findet heute nur noch selten durch einen Staatsstreich statt. Meist sind es inkrementelle Entwicklungen, die Institutionen formal bestehen lassen, aber ihre Funktionserfüllung durch feindliche Übernahme verändern. Ein mächtiger Hebel dazu ist es, sich eines Anspruchs auf Wahrheit zu bemächtigen. Die Deutung der Welt wird identitär zur bloßen Ansichtssache pervertiert, die man mit den weltanschaulich passenden Inhalten füllen kann. Das ist nicht neu. Eine Politisierung der Wissenschaft unter Preisgabe ihrer Richtigkeitsansprüche und unter radikaler Fragmentierung von Erkenntnis nach essenzialisierter Gruppenzugehörigkeit beschrieb Robert Merton bereits 1938 als Proprium totalitären Denkens. Die Semantiken, mit denen man damals die sich rasant modernisierende Wissenschaft und ihre rationalistische Weltdeutung bekämpfte, um an deren Stelle einen Kult des Ursprünglichen und Fragmentarischen zu setzen, ähneln teils in erschreckender Weise plumpen Mustern, die in manchen antiuniversalistischen Sekten postmoderner Academia auch heute noch gepflegt werden.
Vulnerabel für feindliche Übernahmen
Demokratien sind – epistemologische Grundsatzdebatten beiseitegeschoben – um ihrer selbst willen auf eine Wahrheit angewiesen, die sich politischem Zugriff entzieht. Das fängt beim institutionellen an. Wenn die Frage, wer eine Wahl gewonnen hat, nicht durch Auszählung objektiviert beantwortet werden könnte, sondern Ansichtssache bliebe, müsste man nicht angestrengt putschen, um Macht auf Zeit zu verstetigen. Demokratie kann ganz allgemein ihren Anspruch, die Welt zu verändern und sozial relevant zu sein – so Arendt –, nur aufrechterhalten, wenn sie sich einer unverfügbaren Wirklichkeit außerhalb politischer Konstruktionen stellt.
Verfahrenswirklichkeit (von der Gesetzgebung bis zur Verwaltung) beruht zwar auf spezifischen Konstruktionsleistungen, kann aber die Welt nicht beliebig konstruieren, wie sie einem gerade passt. Politik verfehlt ihren sozialen Sinn, wenn sie zeitabhängiges Wissen ignoriert. Den Klimawandel durch Mehrheitsbeschluss abzuschaffen, ist nicht Apex politischer Befreiung von den (manchen zu) schweren Ketten der Wirklichkeit, sondern schlichter Klamauk. Dass dies gleichwohl immer wieder versucht wird, ist freilich nicht neu. Gerade in Deutschland gab es seit dem Kaiserreich eine unheimliche Allianz zwischen romantischer Wissenschaftsskepsis, Rechtsextremismus und Esoterik. Linksdrehende Natürlichkeitssehnsucht und Antiszientismus gesellten sich später dazu.
Wahrheit können politische Institutionen nicht selbst generieren, gerade weil sie früher oder später der Versuchung erliegen, sich die Welt manipulativ zurecht- zubasteln. Demokratie benötigt eine kritische Gegenöffentlichkeit, die unabhängig und unvoreingenommen Wissen produziert, das nach objektiven Kriterien überprüfbar ist. Demokratie braucht damit auch ein freies, vom staatlichen Zugriff auf die Wahrheit hinreichend abgeschirmtes Wissenschaftssystem. Politik muss ihre epistemischen Grenzen akzeptieren. Wissenschaft darf sich wiederum nicht korrumpieren lassen und versuchen, selbst zum politischen Akteur zu werden. Wer wissenschaftliche Autorität als Plattform für Aktivismus missbraucht, diskreditiert die Wissenschaft und macht sie zur leichten Beute einer Politik, die Erkenntnisstreben gerne den eigenen Spielregeln unterwerfen würde. Politisierte Wissenschaft einer akademischen Boheme, die Objektivität und Universalität selbstgefällig als bloße Ideologie zu entlarven meint, macht epistemisches Verramschen noch leichter. Der performative Widerspruch, zugleich die Wissenschaft mit bis zur Weltfremdheit überzeichneter Ideologiekritik sturmreif zu schießen, sich selbst aber auf die Wissenschaftsfreiheit zu berufen, wenn es um eigene Interessen geht, fällt nicht jedem auf. Demokratische Politik kann wiederum die Wissenschaft vulnerabel für feindliche Übernahmen machen, wenn beharrlich versucht wird, den Wert von Forschung und Lehre an gesellschaftlichen Kriterien (von Nachhaltigkeit über Diversität bis zu Batterien für den Industriestandort) zu messen, die kurzfristig politischen Nutzen versprechen, aber keinen originär epistemischen Wert haben.
Hohe kognitive Eintrittshürde
Nun möchten auch diejenigen, die mit dem Autoritarismus flirten, in der Regel den Anspruch nicht gänzlich aufgeben, auf rationaler Grundlage zu handeln. Eine perfide Strategie besteht daher darin, politische Esoterik in äußere Formen und Semantiken des Wissenschaftlichen zu hüllen. Ein Referenzfall hierfür ist der amtierende US-amerikanische Gesundheitsminister, der seine irrlichternden Thesen aus der Glaubenswelt der Impfgegner nicht offen parareligiös begründet, sondern sich einfach parawissenschaftliche Berater sucht, die Unfug in die Form von Papieren bringen, und evidenzaffine Störenfriede willkürlich feuert. Dem unabhängigen Rest dreht man den Geldhahn zu. Entwissenschaftlichung erfolgt dann von innen.
Unwissenschaftliches in äußere Formen der Wissenschaft zu camouflieren, ist ein Merkmal so genannter Pseudowissenschaft. Solche Deformationen sind schwer zu stellen, weil man sie auf einer fachwissenschaftlichen Ebene falsifizieren muss. Bereits die Frage, was Pseudowissenschaft ausmacht, ist erkenntnistheoretisch umstritten und zudem historisch aus dem sedimentierten Wissen der Zeit zu beurteilen. Das ist zwar innerwissenschaftlich meist nicht schwer. Der politischen Öffentlichkeit, die von komplexen Fragen etwa der Immunbiologie, der Infektiologie, der Klimaphysik oder der Ökotoxikologie nichts versteht, wird hingegen ein Bild vermittelt, dass eben etwas wissenschaftlich umstritten sei. Und in der Tat gehört es zu den Funktionsbedingungen von Wissenschaft, dass Erkenntnisse nur vorläufig sind, überprüfbar und gegebenenfalls falsifizierbar bleiben, sich damit aber immer auch Gegenpositionen stellen müssen.
Dieses Erbe des Kritischen Rationalismus lässt sich politisch instrumentalisieren. Warum sollte nicht der heutige Außenseiter rückblickend einmal einen Paradigmenwechsel bewirkt haben? Oft war heutiges Wissen früher ausgegrenzt, satirisch jüngst ein Editorial im „Laborjournal“ (9/2025), einem Nachrichtenmagazin der Life Sciences: „Galileo, Heisenberg, Prusiner und jetzt eben der YouTuber mit dem Chakra-Diagnosegerät.“ Epistemische Offenheit bedeutet jedoch nicht, dass jeder Unfug geeignet wäre, wissenschaftliche Evidenz oder Theorien zu erschüttern. Auch Wissenschaft gründet auf gesellschaftlicher Arbeitsteilung. Die extreme Komplexität, die in den meisten Feldern moderner Wissenschaften erreicht ist, errichtet eine hohe kognitive Eintrittshürde. Wer etwas anzweifelt, muss sich mit den Begründungen bisheriger Annahmen auf wissenschaftlichem Niveau auseinandersetzen und Gegenargumente am etablierten Stand der Wissenschaft messen. Einfach etwas eben anders zu sehen, reicht für den politischen Meinungskampf, nicht als wissenschaftliches Argument.
„Evidenz“ posaunen auch Homöopathen und Klimawandelleugner. Nicht jeder kann aber gleichermaßen beurteilen, was wissenschaftlich evident ist. Fachwissen lässt sich nicht zusammengoogeln. Wer interdisziplinär arbeitet, weiß dies. Das wichtigste Indiz, ob jemand überhaupt kompetent ist, etwas wissenschaftlich zu beurteilen, ist immer noch fachliche Qualifikation. Eine Virologin versteht nun einmal mehr von viraler Zellinfektion als ein Finanzwissenschaftler oder ein Astrophysiker, die auf diesem Feld auch nur Laien sind. Die hohen fachlichen Eintrittshürden müssten der Öffentlichkeit auch journalistisch vermittelt werden. Werden wissenschaftliche Argumente erkennbar vorgetragen, um damit konkrete politische Ziele zu erreichen, muss dies nicht unredlich sein, gebietet aber besondere Vorsicht und kritische Überprüfung. Man sollte Aktivisten nicht pauschal abkaufen, konsequent ihre Rollenfunktionen zu trennen, wenn sie in ihrem Aktionsraum wissenschaftlich forschen. Genaues Hinsehen lohnt sich.
Resilienz gegen politische Anfechtungen muss auch aus dem Wissenschaftssystem selbst aufgebaut werden. Wer mit Forschungshut selbst im politischen Streit mitmischt, um sich Einfluss und Machtteilhabe zu sichern, beschädigt epistemische Glaubwürdigkeit. Wissenschaftliche Institutionen sollten Aktivismus nicht auch noch belohnen. Zu oft werden innerhalb des Wissenschaftssystems immer noch Medienpräsenz und Dauergebläse auf X oder Bluesky mit Bedeutsamkeit verwechselt. Die Wissenschaften werden ihre gesellschaftliche Relevanz am wirkungsvollsten verteidigen, wenn sie einen mutigen Teilrückzug in den Elfenbeinturm wagen.
