Warum Gisèle Pelicots Buch uns alle angeht

Fast achtzehn Prozent aller Frauen in Deutschland haben sexuelle Gewalt erlebt, doch nur ein Bruchteil davon wird angezeigt. Die neue Dunkelfeldstudie der Bundesregierung beschreibt nicht nur das Ausmaß, sondern auch den Grund: Scham. Sie hält die Opfer davon ab, zur Polizei zu gehen. Deshalb ist Gisèle Pelicots Satz „Die Scham muss die Seite wechseln“ keine hohle Phrase, sondern eine ernst gemeinte juristische und moralische Aufforderung. Er benennt einen Mechanismus, der zuverlässig funktioniert. Verantwortung dorthin zu schieben, wo sie am wenigsten Widerstand findet: in die Anonymität.

Sicher, mitunter kann Anonymität schützen, aber sie kann auch verletzen. Denn wenn Opfer unerkannt bleiben müssen, nicht aus Vorsicht, sondern aus Furcht vor Gerede oder Schadenfreude, dann ist Anonymität kein Schutz mehr, sondern eine zweite Verurteilung. Wenn am Dienstag Gisèle Pelicots Buch „Eine Hymne an das Leben“ in mehr als zwanzig Sprachen erscheint, auf Deutsch bei Piper, kehrt die Erinnerung an das monströse Verbrechen im südfranzösischen Mazan zurück.

Der Wunsch, das Ungeheuerliche in eine Akte zu bannen

Zehn Jahre lang wurde die heute 73 Jahre alte Französin von ihrem Ehemann hunderte Male narkotisiert und dann von ihm sowie von fünfzig weiteren Männern vergewaltigt. Als der Fall 2024 in Avignon vor Gericht kam, tat Gisèle Pelicot, wovon ihr alle abrieten. Sie behielt ihren Namen und trug ihn in die Öffentlichkeit – obwohl die Justiz ihr dringend empfahl, sich hinter einem Anfangsbuchstaben und geschlossenen Türen zu verstecken. Dieser Name, der heute in den Protokollen von Avignon steht, ist daher weit mehr als ein Eintrag im Personenstand. Er ist eine Entscheidung.

Indem Gisèle Pelicot dem Antrag auf Ausschluss der Öffentlichkeit widersprach, verwandelte sie ein Verfahren, das sonst fast immer im Halbdunkel verschwindet, in einen hell ausgeleuchteten Raum. Einen Raum, in dem eine Gesellschaft sich selbst beim Wegsehen zusehen musste. Der Prozess, der am 2. September 2024 begann und bis zum 19. Dezember dauerte, richtete sich gegen ihren Ex-Mann Dominique Pelicot und dessen zahlreiche Mittäter. Am Ende gab es 51 Schuldsprüche. Dominique Pelicot wurde zu zwanzig Jahren Haft verurteilt.

Schutz durch Aufmerksamkeit

Besänftigen können diese Zahlen und Fakten nicht. Sie sind präzise und notwendig, aber unzureichend. Sie geben Form, aber keinen Trost. Vor allem stillen sie den Wunsch, das Ungeheuerliche in eine Akte zu bannen, die man rasch schließen kann. Gisèle Pelicots Entscheidung ist deshalb so verstörend. Indem sie sich gegen das Verbergen sperrte, suchte sie nicht die Öffentlichkeit, sondern entzog ihr das Wegsehen.

Wer sie über Wochen vor dem Gericht ankommen sah, sah in den Fernsehbildern keine Pose, keine Inszenierung, keine trauerumflorte Heldin. Man sah eine schmale Frau mit rötlichem Haar von erstaunlicher Gefasstheit. Ihr Mut war nicht von Pathos umweht, sondern beschrieb ein paradoxes Tauschgeschäft. Gisèle Pelicot nahm sich selbst den Schutz der Unsichtbarkeit, um anderen etwas zu geben, das ihr wichtiger war als Privatsphäre: Schutz durch Aufmerksamkeit. In der Logik sexualisierter Gewalt ist es ja meist so, dass die Opfer kleiner werden. Sie senken die Blicke und ziehen unsichtbare Linien um ihren Körper. Gisèle Pelicot tat das Gegenteil. Sie hob den Schleier und verlangte Anpassung – nicht von sich, sondern von uns.

Öffentlichkeit kann in Voyeurismus kippen

Darin liegt die politische Sprengkraft dieses öffentlichen Prozesses. Er nötigte uns, die Ausreden der Täter in Echtzeit zu hören. Männer, die eine schlafende Frau vergewaltigten, während der Ehemann zusah und alles filmte. Gisèle Pelicots Öffentlichkeit war deshalb auch keine Bühne, auf der Gefühle voyeuristisch ausgestellt wurden. Sie war ein Prüfstand für Vorstellungen von Einverständnis, für das Selbstbild „ganz normaler“ Männer und für die Frage, wie viel Unwissen man sich leisten darf.

Öffentlichkeit ist riskant. Sie kann in Voyeurismus kippen, in schmutzige Details, in als Transparenz getarnte Unterhaltung. Gisèle Pelicot nahm sogar in Kauf, dass Videoausschnitte der Vergewaltigungen im Gerichtssaal gezeigt wurden. Darin liegt die Provokation ihres Handelns. Sie erinnerte die Institutionen an ihre eigenen Maßstäbe. Und indem sie ihren Namen sagte, hat sie auch die Frage gestellt, warum so viele andere ihn nicht sagen können. Damit hat sie die Perspektive verschoben. Aus diffuser Gewalt wurde ein konkretes Geschehen, das in keiner Dunkelfeldstudie verschwindet.

Nach dem Urteil sagte Gisèle Pelicot, dass sie es nicht bereue, die Türen geöffnet zu haben. Die Gesellschaft solle sehen, was geschieht. Der Satz ist keine Selbsterhöhung, sondern eine Zumutung an uns: Wer hinsieht, kann sich nicht herausreden. Vielleicht ist das die eigentliche Erkenntnis dieses beispiellosen Falls. Dass Gisèle Pelicot dem Rechtsstaat keine Gefühle abverlangt hat, sondern Konsequenz. Ihr Name steht nun in den Akten. Und er steht, unauslöschlich, als Frage an uns: Wer soll sich schämen?