Macht braucht nicht immer Gewalt. Manchmal genügt die Müdigkeit. Wo jede Woche einen neuen Skandal bereithält, wird Empörung zur Routine – und Routinen erschöpfen. Müdigkeit wird dann von einer privaten Empfindung zu einem kollektiven Zustand. Und wie sehr dieser den Herrschenden nützt, ist eine der zentralen Beobachtungen in Rafael Manuels Spielfilmdebüt „Filipiñana“.
Basierend auf seinem gleichnamigen Kurzfilm entwirft der philippinische Regisseur einen scheinbar unpolitischen Mikrokosmos eines Country Clubs in Manila. Dort ist es allerdings nicht die mediale Dauererregung, sondern die gnadenlose Monotonie der Arbeit, verrichtet in unerträglicher Hitze, die jeden Anflug eines Aufbegehrens schon im Ansatz erstickt. Die schwüle Luft liegt wie ein permanenter Druck über der weitläufigen Anlage, verlangsamt Körper und Gedanken – und stabilisiert eine Ordnung, die gerade deshalb so reibungslos funktioniert, weil niemand die Kraft hat, sie infrage zu stellen.
Kühlung wird unter diesen Bedingungen zur seltenen Ressource – und Klimaanlagen zum Klassenmerkmal. Reserviert sind sie für privilegierte Golfspieler zwischen sattgrünem Rasen, künstlichen Teichanlagen und ordentlich aufgeschütteten Sanddünen; für die gutsituierten Gäste aus China, die aus Reisebussen in die Hotellobby strömen; und vielleicht noch für einige wenige Vorgesetzte. Nicht jedoch für die Heerscharen weiblicher Arbeiterinnen auf dem Golfplatz.
„Filipiñana“:
15. 2., 19.15 Uhr, Bluemax Theater
16. 2., 16 Uhr, Cubix 9
17. 2., 22.30 Uhr, Cubix 8
19. 2., 13 Uhr, Colosseum 1
19. 2., 20 Uhr, Sinema Transtopia
20. 2., 14.15 Uhr, Cubix 9
Eine von ihnen ist die siebzehnjährige Isabel (Jorrybell Agoto), durch deren Blick der Film dieses künstliche Paradies, seine sorgsam gehüteten Hierarchien und die Mechanismen dahinter vermisst, deren Symbolkraft freilich weit über den Country Club hinaus verweist. Um davon zu erzählen, setzt Rafael Manuel nicht auf eine effektvolle Handlung, wie man sie aus kapitalismuskritischen Komödien wie „Triangle of Sadness“ oder aus Hochglanzsatiren à la „The White Lotus“ kennt.
Zwischen Abschlag und Stillstand
Stattdessen entwirft „Filipiñana“ ein visuelles Protokoll der Absurditäten aus sorgsam komponierten Bildern und präzise choreografierten Abläufen, die sich in ständiger Wiederholung verdichten. Als „Tee-Girl“ besteht Isabels Aufgabe etwa darin, immer wieder einen Ball auf ein kleines Holzstäbchen („Tee“) zu legen, am Abschlagplatz („Tee Box“) drapiert wie ein Requisit, während die Männer im Gleichklang ihre Schläger schwingen. Eine lange Einstellung zeigt sie in babyblauer Uniform, gefilmt durch die gespreizten Beine des Club-Präsidenten Dr. Palanca (Teroy Guzman). Er wird zum Rahmen ihres Bildes, während nur Zentimeter entfernt der Metallkopf des Schlägers an dem ihren vorbeizischt.
„Filipiñana“ verlässt sich für seine Machtkritik beinahe ausschließlich auf eine derart sprechende Mise-en-Scène und zeigt so Golf weniger als Sport denn als sinnloses Ritual, das vor allem der Bestätigung der sozialen Vorrangstellung seiner Spieler dient. Entsprechend sind die Gesichter der Reichen nur angeschnitten, aus weiter Distanz oder gar nicht zu sehen – als gehörten sie einer anderen Realität an.
Den Arbeiterinnen hingegen folgt „Filipiñana“ in all ihren Abläufen: In rar gesäten Pausen sieht man die „Tee-Girls“ gemeinsam mit den wiederum rosagekleideten Caddies im Speisesaal sitzen, wie sie über verkochtem Fisch mit gedämpftem Lachen über die Zudringlichkeiten eben jenes Dr. Palanca sprechen; wie sie durch das Gebüsch kriechen, um verlorene Bälle zu bergen, oder dicht aneinandergedrängt unter Wellblechdächern schlafen.
Odyssee über das Gelände
Bewegung entsteht erst, als Isabel damit beauftragt wird, Dr. Palanca seinen Golfschläger zu bringen, und dafür eine kleine Odyssee über das Gelände unternimmt – vorbei an überdimensionierten Kuchenbuffets am Pool, an einer Tanzprobe für die Abendunterhaltung und durch den exklusiven Spa-Bereich. Mit ihrem indirekten Aufeinandertreffen äußert sich der Film ausnahmsweise auch direkt im Text politisch: Es geht um Landraub, Vertreibung und koloniale Besitzlogiken, die bis in die Gegenwart fortwirken.
Die koloniale Dimension erhält mit Clara (Carmen Castellanos) eine beiläufig eingeflochtene Beobachterfigur: Die mittlerweile in den USA lebende junge Frau besucht ihren Onkel für ein paar Tage auf dem Golfplatz, erkennt das Machtgefälle, stört sich an seinen Mechanismen – und verharrt doch im Komfort ihrer Position.
Hier verdichtet sich, was den Film insgesamt prägt: „Filipiñana“ verweigert laute Eruptionen, konzentriert sich stattdessen auf das Passive und leicht zu Übersehende und verdeutlicht damit umso konsequenter die verhängnisvolle Logik der leisen Abnutzung. Die Leichtigkeit der Privilegierten mag das Resultat minutiös organisierter Anstrengung sein, doch die Arbeiterinnen bleiben austauschbar – wie die importierten Pinien am Rand des Platzes: Stirbt eine, wird schlicht eine neue gepflanzt.
Das Bild ist einfach und unerbittlich: Zu erschöpft, um aufzubegehren; das System zu eingespielt, um ins Wanken zu geraten. Am Ende bleibt weniger die Frage, wer hier Täter ist, als jene, die unangenehmer nachhallt: Wer macht sich mitschuldig, indem er einfach weiterspielt?
