Belén Garijo rückt an die Spitze von Sanofi

Sanofi hat einen überraschenden Chefwechsel angekündigt. Der Verwaltungsrat des französischen Pharmakonzerns erklärte am Donnerstag, das Mandat des Vorstandsvorsitzenden Paul Hudson nicht zu verlängern. Der Brite, 58 Jahre alt und seit 2019 an der Spitze von Sanofi stehend, wird sein Amt demnach am 17. Februar niederlegen. Seine Nachfolgerin soll die 65 Jahre alte Spanierin Belén Garijo werden. Sie steht bislang dem deutschen Pharmakonzern Merck vor, wobei sie im vergangenen September ihren Rücktritt angekündigt hat. Ihr neues Amt antreten soll sie nach der Sanofi-Hauptversammlung am 29. April.

Die Hintergründe zu diesem Personalwechsel bleiben unklar. Sanofi hielt sich dazu am Donnerstag vollständig bedeckt. Man danke Hudson „für seinen bedeutenden Beitrag zur Transformation und Entwicklung des Konzerns in den vergangenen sechs Jahren“, hieß es in einer Pressemitteilung. Doch allein der Umstand, dass der Brite nicht einmal bis zur Hauptversammlung auf seinem Posten bleibt, deutet nicht auf Harmonie hin. In der Zwischenzeit soll Olivier Charmeil, seit 2011 Vorstandsmitglied bei Sanofi, den Konzern führen.

Fokus auf Impfstoffe und Immuntherapien

An schlechten Zahlen kann es nicht gelegen haben, dass Sanofi Hudson vor die Tür setzt. Erst Ende Januar hatte der Konzern eine deutlich gesteigerte Profitabilität für das Gesamtjahr 2025 präsentiert. Nach Abzug aller Kosten verblieben 7,8 Milliarden Euro an Reingewinn. Kassenschlager von Sanofi war einmal mehr Dupixent. 15,7 Milliarden Euro Umsatz generierten sie 2025 mit dem zur Behandlung von Asthma und Neurodermitis verwendeten Medikament.

Seit 2019 an der Spitze von Sanofi: Paul Hudson.
Seit 2019 an der Spitze von Sanofi: Paul Hudson.Reuters

Hudson hatte kurz vor der Corona-Pandemie die Geschäftsführung von Sanofi übernommen. Er hat die Abkehr von rezeptfreien Arzneimitteln vollzogen und den Konzern auf innovative Impfstoffe und Immunologie spezialisiert. Bei der Bilanzpressekonferenz Ende Januar zeigte sich Hudson erfreut, zahlreiche behördliche Zulassungen erhalten, die Pipeline dank mehrerer positiver Phase-3-Ergebnisse gefüllt und 2025 insgesamt drei neue Medikamente und Impfstoffe auf den Markt gebracht zu haben. „Diese Dynamik spiegelt unsere Entwicklung zu einem biopharmazeutischen Unternehmen wider“, sagte er. Der Verkauf der Mehrheitsanteile der Sanofi-Sparte für rezeptfreie Arzneimittel war Teil dieser Strategie. Sie birgt größeres Wachstumspotential, aber auch hohe Risiken, Milliardenbeträge für Forschung und Entwicklung falsch zu investieren.

Erste Frau, die Dax-Unternehmen allein führt

Da die Pharmakonkurrenz eine ähnliche Strategie verfolgt, spricht viel dafür, dass Garijo keinen Kurswechsel bei Sanofi einschlägt. Wer mit ihr spricht, erlebt eine Frau mit herbem Charme, die sich in jeder Sekunde unter Kontrolle hat. Verbale Ausrutscher erlebt man bei ihr sehr selten. Ihre Auftritte sind sachlich, nüchtern, bestimmt und schnörkellos. Gerne präsentiert sie sich als Kämpferin gegen Barrieren und eingefahrene Strukturen – und das schon seit Universitätszeiten.

Garijo studierte Medizin an der Universität Alcalá de Henares, wo sie auch promovierte. Nach sechs Jahren als Ärztin wechselte sie in die Pharmaindustrie. Dort war sie unter anderem für Abbott und Sanofi in internationalen Führungspositionen tätig. 2011 kam sie als Geschäftsführerin für den Bereich Biopharma zu Merck. Im Mai 2021 wurde sie Vorsitzende der Geschäftsleitung in Darmstadt – als erste Frau, die ein Dax-Unternehmen als alleinige Chefin führt. Das Magazin „Forbes“ zählt sie zu den 100 mächtigsten Frauen der Welt. Bei Merck machte man lange ein Geheimnis um Garijos weitere Karriere. „Ich denke nicht an meinen Vertrag“, sagte sie 2024 im Gespräch mit der F.A.Z. Es gehe ihr wie der Eigentümerfamilie um die langfristige Sicht. „Es ist unsere Aufgabe, das Unternehmen an die nächste Generation zu übergeben, in einem nachhaltigen und sogar in einem besseren Zustand. Und das ist, was ich anstrebe.“

Noch kein Gedanke an den Ruhestand

In einem Beitrag für die F.A.Z. hatte sich Garijo vor Kurzem zu ihren Einschätzungen für 2026 geäußert. Da war schon längst klar, dass das Jahr einen persönlichen Einschnitt für sie selbst bringt – mit der Übergabe des Merck-Spitzenpostens nach fünf Jahren an ihren Kollegen Kai Beckmann. Doch öffentlich thematisieren wollte die Spanierin anscheinend andere Dinge.

Für sie sollte 2026 das Jahr sein, in dem politische Absichten in Taten umgesetzt werden: „Ich bin fest davon überzeugt, dass Deutschland weiterhin eine globale Führungsrolle in wichtigen Sektoren wie Pharma, Biotechnologie und erneuerbaren Energien einnehmen kann.“ Im Rückblick gewinnt das Wörtchen „Führungsrolle“ eine schöne persönliche Bedeutung: Schon da dürfte die Managerin keine Zweifel gehabt haben, dass sie auch mit 65 Jahren noch lieber lenkt und leitet, anstatt sich in den Ruhestand zurückzuziehen.

Als ihren Vorsatz für 2026 gab sie an: „Hoch motiviert zu bleiben und aktiv daran mitzuwirken, ein starkes und wettbewerbsfähiges Europa zu gestalten.“ Nun eben nicht aus Deutschland heraus, wie man jetzt weiß, sondern aus Frankreich.

Geschäftlich verlässt Garijo ihre deutsche Wirkungsstätte mit einem positiven Ausblick – das machte sie auf ihrem letzten Kapitalmarkttag im Herbst vergangenen Jahres klar. Ausführlich zählte sie auf, warum sie Merck gut gerüstet sieht. Im Pharmageschäft (Healthcare) hat sie die milliardenschwere Übernahme des Krebsspezialisten Springworks verantwortet – mit der Hoffnung auf neue Wachstumsmöglichkeiten auf dem Gebiet der seltenen Erkrankungen. Der Deal soll, nach Misserfolgen in der Entwicklung, für Entspannung in der Pharmapipeline sorgen.