Der Titel „Reflexion“ mag nicht sonderlich sexy klingen. Schließlich ist zu befürchten, dass die Sache schnell ins allzu Theoretische ausufert. Doch in der Pinakothek der Moderne wird man keineswegs mit Traktaten aus der Optik behelligt, ohnehin halten sich die Erklärungen in Grenzen. Es funktioniert auch so, bereits der erste Blick in die Ausstellung zeigt: Es wird sinnlich. Und wie!
Das beginnt gleich damit, dass der quadratische Schausaal („Temporär 1“) im Erdgeschoss durch Heimo Zobernigs überdimensionalen Spiegel an Tiefe gewinnt – das sind die hier ganz simpel gefakten Räumlichkeiten, die in der Realität immer fehlen. Zumal sich nun schon zum zweiten Mal alle vier Museen zusammengetan haben und man wieder bemerkt, welches Potenzial in deren Sammlungen steckt.
Zu bald jedem Thema könnten Ausstellungen entwickelt werden, problemlos und ohne Leihgaben. Diesmal ist es die Trias aus Licht, Spiegel(ungen) und Transparenz, die einem einzeln und selbst im Verbund dauernd begegnet: in der Graphik, in der Fotografie, der Malerei, im Design und in der Architektur. Zobernigs sehr animierende Spiegelfolie ist jedenfalls kein Solitär.
Am Odeonsplatz einfach mit dem Auto durchbrettern?
Das Künstlerinnen-Duo Haubitz und Zoche lässt in seiner Video-Installation „High Tide“ gleich zwei Metropolen wellenrauschend aufeinandertreffen: New York und Mumbai liegen an gewaltigen Ozeanen. Wie sehr das an sich faszinierend schillernde Wasser zeitweise über die Küstenzone fegt, haben die beiden schon vor über zehn Jahren irritierend vor Augen geführt. Durch ein Sonnenschutzglas spiegelt sich alles zigfach – und das Publikum steht mittendrin. Genauso im Klimawandel.
Wo die Grenzen einer Stadt liegen, hätte auch das Projekt von Hermann Grub und Petra Lejeune demonstrieren können. Das Architektenpaar, das sich u. a. für die Wiedervereinigung des Englischen Gartens einsetzt, wollte am Odeonsplatz direkt vor die Feldherrnhalle einen Superspiegel bauen. Trotz öffentlicher Förderung hatte die Polizei den Versuch nicht genehmigt. Das ist schon verständlich, nicht nur für das heilige Blech bestand Gefahr. Und grübeln kann man dennoch über den 60, 70 Jahre alten Irrsinn der sogenannten autogerechten Stadt.
Selfies? Dann mit selbstironischer Zutat!
Es gibt erfreulichere Spiegelungen, gerade in den Straßenaufnahmen Lee Friedlanders oder Shigeo Fukudas witzig gedoppelten Plakatentwürfen. Und selbst Rosemarie Trockels Woll-Rorschach-Bild kann man noch in diese Kategorie einordnen. Es geht auch ohne die ständige „Spieglein, Spieglein“-Selfie-Selbstvergewisserung. Und wenn doch, dann fehlt nicht die selbstironische Zutat – zum Beispiel durch eine Schaufensterpuppe, die in der Fotomontage Herbert Bayers von 1932 für einen gewissen Grusel sorgt.

© Die Neue Sammlung / (A. Laurenzo)
von Die Neue Sammlung / (A. Laurenzo)
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Wieder sind es in der 4-Museen-Schau Exponate der letzten 100 Jahre. Die Neue Sammlung feiert weiter, nach der Gründung 1925 folgte 1926 die erste Präsentation mit Plakaten und internationalen Industrieobjekten, damals noch im Bayerischen Nationalmuseum. Aus dieser Zeit stammt der Entwurf eines kühn geometrisierenden Wandteppichs von Ivan da Silva Bruhns. Mit sich doppelt spiegelndem Muster.

© Foto: Die Neue Sammlung / (A. Laurenzo), Copyright VG Bild-Kunst, Bonn 2026
von Foto: Die Neue Sammlung / (A. Laurenzo), Copyright VG Bild-Kunst, Bonn 2026
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Dann geht die Reise bis in die Gegenwart, und da dürfen Kassenschlager wie Jeff Koons Luftballonhündchen, diesmal aus poppig bunten Leuchtdioden, und auch die ersten Apple-PCs mit ihrer Retro-Durchsichtigkeit nicht fehlen. Ganz zu schweigen vom generationenüberdauernden Reiz der Kunststoffmöbel, die noch um die Jahrtausendwende mit einem gewissen James-Bond-Chic dahergekommen sind. Zumindest beim flämischen Gestalter Maarten Van Sveeren.
Ein PET-Kleid aus dem 3D-Drucker schillert als Fassade
Transparenz ist sowieso ein Zauberwort. Der Münchner Glaspalast hat sie plötzlich in die hiesige Architektur gebracht. 234 Meter lang war diese Kathedrale aus Glas und Gusseisen, 67 Meter breit und 25 Meter hoch. Ohne tragendes Mauerwerk! Und ganz neumodisch kamen die vorgefertigten Eisenteile mit dem Zug aus Nürnberg. Die Firma Cramer-Klett war bei dieser Technik führend, das Gebäude trotz seiner Ausmaße ratzfatz „bezugsfertig“.

© Archiv Ann und Jürgen Wilde, Zülpich / VG Bild-Kunst, Bonn 2025
von Archiv Ann und Jürgen Wilde, Zülpich / VG Bild-Kunst, Bonn 2025
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Oben in der Rotunde, also im Satelliten-Teil der „Reflexionen“, hängt eine extrem leichte Wandverkleidung aus recycelten PET-Flaschen. Die Idee der Architekten Moritz Mungenast und Luc Morroni ist ähnlich zukunftsweisend, die Module können immer wieder eingeschmolzen, das Material neu durch den 3D-Drucker gejagt werden. Die Platten wirken übrigens, als hätte sich ein Modemacher wie Paco Rabanne eine Hausfassade ausgedacht.
Durchsichtigkeit für die junge Demokratie der Nachkriegszeit
Mit dem Brand des Glaspalasts 1931 und der Vernichtung vieler Kunstwerke – damals waren gerade Romantiker wie Caspar David Friedrich ausgestellt -, begann dann schon bald ein düsteres Kapitel des Bauens und der Geschichte überhaupt. Das Elegant-Leichte wurde für Jahre verbannt, das von Paul Ludwig Troost 1933 entworfene Haus der Deutschen Kunst und damit die im Aufbau vergleichbare Version aus mächtigen Steinquadern ist das beste Beispiel dafür.

© Georg Pollich, 1958, Architekturmuseum der TUM
von Georg Pollich, 1958, Architekturmuseum der TUM
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Dass sich die junge Demokratie der Nachkriegszeit bewusst davon distanzieren musste und wollte, lag auf der Hand. Offizielle und staatliche Gebäude wie der 1958 errichtete Deutsche Pavillon in Brüssel zählen zu den erfreulichsten Würfen der deutschen Architekturgeschichte. Egon Eiermann und Sep Ruf waren am Werk, Ruf hat 1964 dann auch den Kanzler-Bungalow geplant, der ebenso Offenheit und die Transparenz politischer Entscheidungsprozesse symbolisieren sollte.
In der wohligen Wärme der bösen Glühbirnen baden
Man wird zwischendurch wehmütig vor diesen luziden Einfällen, vor der sichtbar gewordenen Energie des Aufbruchs, die man nur zu gerne in die Gegenwart holen würde. Was nicht heißen muss, dass da kein Schatten ist. Gerhard Richter hat ihn in den Schweizer Alpen gefunden, die Sonnenplätze wechseln. Nur Licht ist halt auch fad. Außer man versenkt sich vor den bösen alten Glühlampen und badet ein bisschen in deren wärmendem Schein.
„Reflexion – Licht, Spiegel, Transparenz“ bis 31. Mai 2026 in der Pinakothek der Moderne, Barer Straße 40, Di bis So 10 bis 18, Do bis 20 Uhr
