Die Ortschaft Waterloo ist vom Messegelände Brüssels nicht so weit entfernt, dass man einfach darauf verzichten könnte, auf die Geschichte zurückzugreifen. Am Donnerstag hielt dort die europäische Fußballunion Uefa ihren 50. Kongress ab; ihr Präsident Aleksander Ceferin nahm natürlich Bezug auf die Schlacht, die Napoleon verlor, auf die Fragilität der Einheit, auf die immer stärkere Polarisierung, die gegenwärtig zu spüren sei. Ceferin tat das in allgemeinen Worten, nicht hinsichtlich des Mannes, der soeben selbst eingestanden hatte, ein Waterloo erlebt zu haben: Florentino Pérez, 78, Präsident von Real Madrid. Auch er erklärte nun seine Totgeburt von 2021, die europäische Super League, für tot.
Selbst in Medien, die Pérez und Real Madrid wohlwollend bis devot begegnen, wurde Pérez‘ spät eingestandene Pleite nicht kaschiert: „Das Ende der Reise nach Nirgendwo“, titelte am Donnerstag die Zeitung Marca. Real Madrid hatte am Vorabend ein Kommuniqué veröffentlicht, das wortgleich auch von der Uefa verbreitet wurde. Demnach hätten sich Uefa, die Interessenvertretung der europäischen Fußballklubs (EFC) sowie Real Madrid „zum Wohle des europäischen Klubfußballs“ auf eine Grundsatzvereinbarung geeinigt, die das Ende der seit 2021 währenden Streitigkeiten bedeute. In anderen Worten: Real Madrid gibt das offiziell bis zuletzt weiterverfolgte Projekt Super League auf.

:Verlieren sollen bitte die anderen
Der König von Madrid ist nicht der König, sondern der Präsident des Fußballklubs Real. Seit einem Vierteljahrhundert besteht er auf dem Recht des Stärkeren. Könnte aber sein, dass seine Ära nun in Gefahr gerät.
Die Details der Übereinkunft wurden nicht öffentlich ausgeführt. In einer Pressekonferenz im Anschluss an den Uefa-Kongress bewahrte Ceferin Diskretion – und verwies auf die gemeinsame Stellungnahme des Vortags. Darin hatte es einerseits geheißen, dass „der Grundsatz des sportlichen Verdienstes“ geschützt bleibe; Real Madrid hatte bei seinem Super-League-Projekt von einer elitären, geschlossenen Liga für die reichsten Klubs des europäischen Fußballs geträumt. Andererseits war zu lesen, dass der Deal „den Schwerpunkt auf die langfristige Tragfähigkeit der Vereine sowie die Verbesserung des Fan-Erlebnisses durch den Einsatz technologischer Hilfsmittel“ lege. Angesichts derart bürokratischer Wendungen war wohl umso wichtiger, Emotionen zu wecken. Und Friedensschalmeien ertönen zu lassen.
Das wiederum darf wohl als Zeichen der Größe der Uefa (und ihres Präsidenten Ceferin) interpretiert werden. Pérez war schon länger zu einer quichottesken Figur geworden, zu einem einsam gegen Windmühlen kämpfenden Ritter von trauriger Gestalt. Seine Einsamkeit, sie wurde erst am Samstag größer, als Pérez von seinem Sancho Panza verlassen wurde. Denn auch der FC Barcelona erklärte öffentlich den Rückzug aus der Super League. Die anderen Mitstreiter hatten ihre Abkehr vor noch längerer Zeit vollzogen. Neun von zwölf Gründungsmitgliedern – unter denen weder deutsche noch französische Klubs waren – verließen die Super League schon Stunden nach der Gründung; Juventus Turin desertierte Mitte 2023.
Neben Real Madrid zieht sich auch der FC Barcelona von den Planungen zurück
Dass Real Madrid und Pérez ausgerechnet am Mittwoch kapitulierten, wirkte dennoch überraschend. Zwar hatte Pérez schon länger nicht mehr beansprucht, den Fußball vor dem Untergang retten zu wollen; das Kriegsbeil schwang er gleichwohl auf heftige Art und Weise. Javier Tebas, Chef des spanischen Ligaverbandes und Pérez-Intimfeind, erinnerte in einem via „X“ verbreiteten Statement genüsslich daran, wie Pérez erst Ende November trotz seiner augenscheinlichen Isolation um sich geschlagen hatte.
So hatte Pérez bei der Jahreshauptversammlung von Real Madrid voller Entrüstung erklärt, dass die Uefa von seinem Verein doch glatt verlange, in die ECF zurückzukehren, und damit: in eine Organisation, die „von der Uefa kontrolliert“ werde und „weit davon entfernt ist, den Klubs zu erlauben, in Freiheit zu arbeiten“. Unter anderem verlange die ECF, Rechtsansprüche gegen die Uefa fallen zu lassen. „Das hieße potenziell, auf tausende Millionen Euros zu verzichten, die wir (an Schadenersatz) verlangen werden“, sagte Pérez seinerzeit. Real Madrid sah damals auf der Basis von Urteilen insbesondere der spanischen Justiz und des Europäischen Gerichtshofs nicht bloß eine Grundlage, sondern fast schon die Garantie, der Uefa mehr als vier Milliarden abknöpfen zu können. Als Entschädigung für die Einnahmen, die Real angeblich entgangen waren, weil die Uefa die Super League torpediert hatte. Ansprüche meldete auch die vom deutschen Medienmanager Bernd Reichart geführte Firma A22 an, die mit der Umsetzung des Super-League-Konstrukts befasst war.
Real Madrid und A22 hatten Ende November entsprechend vor der spanischen Justiz die obligatorische Vorstufe eines förmlichen Schadenersatzverfahrens gezündet, indem sie einen Schlichtungsmechanismus aktivierten. Am Mittwoch brachten sich beide, Real Madrid und A22, in Position, um eine formvollendete Rolle rückwärts aufzuführen: Die Vereinbarung mit der Uefa solle perspektivisch auch „die rechtlichen Streitigkeiten im Zusammenhang mit der European Super League beilegen“, hieß es in dem Kommuniqué.
Welchen Hintergrund das hat? Aus dem Umfeld von A22 ist zu hören, dass man der Uefa die eigenen Ziele dargelegt habe – und nun eine gute Perspektive sehe, um diese im Kontext der Vereinbarung vom Mittwoch auch anzugehen. In eine ähnliche Richtung gehen Medien, die durch die Reform der Champions League und die Steigerung der Einnahmen für die Teilnehmer doch glatt einen Teilerfolg von Pérez sehen. Womöglich haben Real Madrid und Pérez aber auch nur spät eingesehen, dass sich allein keine Liga gründen lässt.
