Die Klassiker
Frage am 14. Februar: Was gibt es Wichtigeres im Leben als die Herzdame? Darauf hat die Welt der klassischen Kartenspiele viele unromantische Antworten. Pik zum Beispiel kann wichtiger sein oder Kreuz, bis hin zu den Assen und Königen. Immerhin geht es in der Geringschätzung gerecht zu, denn auch der Herzbube ist in keiner Disziplin eine herausragende Karte. Auf den großen Spaß, den die großen Klassiker machen, hat das alles natürlich keine Auswirkung. Und angenehm leicht ist schon der Anfang des jeweiligen Spiels, denn man braucht nicht viel. „Karten raus!“ – und los geht’s. Schafkopf, Skat oder Doppelkopf? Die Frage stellt sich bei vielen gar nicht, denn mit der Karten-Sozialisierung verhält es sich oft wie beim Fußballverein: Dem ersten bleibt man treu. Gelegentliche Abwechslung ist am Spieltisch dennoch möglich, denn wer eine der traditionellen Varianten beherrscht, lernt auch schnell die anderen: Die Grundprinzipien (Trümpfe, Stiche, Augen zählen) sind gleich.

Skat steht dabei für größtmögliche Seriosität, das Spiel wird „gekloppt“ und von den Anhängern als Sport bezeichnet, wachsam beäugt vom Internationalen Skatgericht. Schafkopfen ist geselliger, allein schon, weil man es zu viert spielt. Man sollte sich allerdings auch in der fröhlichsten Runde gut merken, wer welche Karten gespielt hat. Denn anders als Poker sind die deutschen Klassiker (auch juristisch) keine Glücksspiele – ein klarer Kopf ist also hilfreich, weshalb wahrscheinlich der Bayerische Philologenverband zu den Organisatoren des „Weltschafkopftages“ gehört. Das mit dem Merken der Karten ist beim Doppelkopf schon etwas schwieriger, weil es mit 48 statt mit 32 Karten gespielt wird. Die eigentliche Herausforderung ist hier, sich erst mal auf die Regeln zu einigen. Mit oder ohne Neuner, wann wird der Fuchs zum Schwein, wann sticht die zweite Herz-Zehn, Armut, Hochzeit, Charlie oder Karlchen? Das sind die großen Fragen, dem Laien völlig unverständlich, und selbst für Kenner kann, bis man sie endlich geklärt hat, der Abend schon fast vorbei sein.
Das Blatt
Wie so viele Vergnügen der westlichen Welt wurde auch das Kartenspiel vermutlich in Asien erfunden, sehr wahrscheinlich in China. Ziemlich sicher waren die ersten Partien vor etwa tausend Jahren reine Glücks- und Trinkspiele. Geändert haben sich mit den Jahrhunderten nicht nur die Regeln, sondern auch die Karten. Am weitesten verbreitet ist heute das Französische Blatt mit den Farben, also den Symbolen Kreuz, Pik, Herz und Karo. Diese Entwicklung war allerdings kein Selbstläufer, denn im 14. Jahrhundert wurde auch in Italien und Spanien das Spielen immer populärer – dort etablierten sich Kelche, Münzen, Schwerter und Stäbe als Motive. Die Hofgesellschaft spielte auch gerne mal mit Ente, Falke, Hund und Hirsch.

Das Deutsche Blatt, mit dem heute etwa Schafkopf gespielt wird, zeigt die Farben Eichel, Gras (manche sagen Laub), Herz und Schellen. Statt Buben und Damen gibt es Unter und Ober. In der Vergangenheit waren Figuren wie Könige mit dem ganzen Körper zu sehen, erst im 18. Jahrhundert setzte sich die Praxis durch, die Bilder in der Mitte zu teilen und zu spiegeln, damit man die Karten vor Spielbeginn nicht erst drehen muss. Auch der Zahlenwert, genannt Index, in den Ecken kam erst später hinzu. Dass sich am Ende vor allem das Französische Blatt durchgesetzt hat, hat mehrere Gründe. Frankreich war über viele Jahrhunderte das kulturelle Zentrum Europas, außerdem ließen sich die vergleichsweise einfachen Symbole gut unterscheiden und drucken.
Die Mischung
Perfektionistisch veranlagte Menschen sollten um Zeitschriften wie American Mathematical Monthly lieber einen Bogen machen. Dort bekommen Skat- oder Skip-Bo-Fans nämlich vorgerechnet, dass sie immer Fehler machen. Nicht beim Legen, sondern dem Mischen, der zweiten großen Disziplin bei jedem Kartenspiel. Eine echte Zufallsverteilung erfordert nämlich gute Technik und viel Zeit, meist hat man beides nicht. Ganz schlecht ist ausgerechnet die Überhand-Technik, jene beliebte Amateur-Methode, die letztlich darin besteht, aus dem Stapel in der Hand ein paar Karten herauszuziehen und anschließend an anderer Stelle irgendwie wieder hineinzuschieben.

Andere Disziplinen wie Bogenmischen, das sogenannte Riffeln, und das bei Kindern beliebte Durcheinanderwühlen auf der Tischplatte sind effektiver. Wer es sich einfach machen will, kauft eine Mischmaschine, es gibt sie in automatischer Ausführung oder als simple Variante mit Handkurbel, etwa von Ass Altenburger.
Der Zweikampf
In drei Filmen durfte (manche sagen: musste) James Bond mit einem BMW die Welt retten, was manchen Puristen nicht besonders gefallen hat. Beim Kartenspiel haben sich die Drehbuchautoren aber nicht zu einer bayerischen Variante durchgerungen, sondern ließen 007 stets Baccara oder Texas Hold’em spielen. Meistens geht es um Poker, wenn vor der Kamera die Karten ausgepackt werden – so auch in „Casino Royale“ bei der ikonischen Nervenschlacht zwischen Daniel Craig und dem Bösewicht-Darsteller Mads Mikkelsen.

Schon John Wayne, Paul Newman oder Steve McQueen spielten das eigentlich immer gleiche Männer-Drama aus steigenden Einsätzen, anschwellenden Emotionen und anschließender Schläger- oder Schießerei. Viel schöner die Variante auf dem Raumschiff Enterprise, wo Frauen und Männer, Klingonen und Androiden gemeinsam pokern, hinter ihnen ziehen die Galaxien vorbei, es gibt kein Geld, die Welt ist eine bessere. Am Ende der Serie gesellt sich auch der Captain (Picard, nicht Kirk) zu seiner Crew, teilt die Karten aus und setzt den Ton für eine Zukunft voller Hoffnung: „Der Himmel ist das Limit.“
Das Ritual
Würden die Deutschen zur Rauke immer noch Rauke und nicht Rucola sagen, würden sie das Kreuzblütengewächs wahrscheinlich nicht mit so viel Begeisterung auf ihre Pizzen werfen. Ein guter Name ist alles, und was für den Salat gilt, kann beim Spielen auch nicht verkehrt sein. Das hat sich wohl auch im Jahr 1971 der Friseur Merle Robbins gedacht, als er das Spiel Uno entwickelte, und zwar nicht, auch wenn das Wort so schön nach Mittelmeer-Urlaub klingt, in Spanien und auch nicht in Italien, sondern in Milford in Ohio.

Heute gibt es in Deutschland wahrscheinlich kaum einen Haushalt ohne die blauen, grünen, gelben, roten und schwarzen Karten. Kinder lernen beim Uno-Spielen Lektionen über Gemeinheiten (plus zwei, plus vier) und Vergeltung (Richtungswechsel, plus zwei, plus vier). Sie lernen, dass es im Leben unbequeme Regeln gibt („Du hast nicht Uno gesagt!“), wie man sich trotzdem durchschummeln kann („Hab ich doch!“) und notfalls eine Exit-Strategie entwickelt („Jetzt habe ich keine Lust mehr!“). Wer glaubt, Uno sei eine simple Angelegenheit, hat es noch nie mit Kindern gespielt.
