Als Ende Januar wegen eines Sturms in Nuuk der Strom ausfiel, dachten viele, jetzt kommen die Amerikaner. Im Angel- und Jagdgeschäft Orsiivik sind die Pakete mit Notverpflegung für eine ganze Woche ausverkauft. Auch Campingkocher und Munition seien derzeit gefragt, sagt Rasmus Nilssen, der den Laden führt. Hinten an der Wand hängen Gewehre. Die habe ohnehin fast jeder hier zu Hause, und das oft mehrfach, sagt Nilssen. Sein junger Verkaufsgehilfe, der noch zur Schule geht, hat sechs davon.
Das Geschäft befindet sich im Industriehafen der grönländischen Hauptstadt in einem großen roten Haus am Wasser. Im Hintergrund sind die schneebedeckten Berge zu sehen, die Nuuk umrahmen. Dort beginnt die Wildnis, dorthin gehen die Grönländer zum Jagen. Vögel, Robben und Rentiere schießen sie, manchmal auch Eisbären. Bei der Frage, ob sie einen Waffenschein brauchen und wie sie die Gewehre zu Hause lagern, lachen die Verkäufer nur. Eine Lizenz braucht keiner, jeder von zwölf Jahren an kann sich ein Repetiergewehr kaufen. Gelagert werden die Waffen im Flur, an den Wänden, wo auch immer.
Wenns ernst wird, flüchten sie in den Fjord
Die Grönländer trauen Donald Trump nicht. Die Krise sei nicht vorbei, sagen viele in Nuuk. Vielleicht habe sie auch erst begonnen. Der amerikanische Präsident will Grönland besitzen, dieses „Stück Eis“. Das hat er oft wiederholt. Lange schloss er selbst den Einsatz militärischer Gewalt nicht aus. Später dann doch. Aber vielleicht entscheide er sich wieder um, sagen die Leute in Nuuk.

Viele bereiten sich deswegen weiter auf das Äußerste vor. Horten Vorräte, kaufen Stromgeneratoren. Wollen in ihre Sommerhütten in den Fjorden fahren, wenn es ernst wird. Zugleich führt die Angst vor den Amerikanern dazu, dass sich das Land mehr an Dänemark lehnt, von dem es doch eigentlich wegkommen wollte. Dass über das dänische Unrecht, das hier begangen wurde, nicht mehr gerne gesprochen wird. Eine Unabhängigkeit rückt so in weite Ferne.
Es sei eine verrückte Zeit, alle sprechen ständig über die Bedrohung, die Kinder hätten oft vor Angst nicht schlafen können, sagt Christian Elsner. Wir treffen den Musiker im Musikgeschäft seiner Eltern in Nuuk. Es ist ein grünes Holzhaus, an den Wänden hängen nicht Gewehre, sondern Gitarren.
Elsner hat mit seinem Bruder zusammen Nanook gegründet, eine der bekanntesten Bands des Landes. Sony hatte ihnen einst einen Vertrag angeboten, wenn sie auf Englisch singen, aber sie blieben beim Grönländischen. Ihre Musik gilt als Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins ihres Landes. In ihren Liedern beschwören die Brüder die Liebe der Grönländer zur rauen Natur.
Der Kolonisator blickt weiter über den Fjord
Die ist in Grönland allgegenwärtig. Das Land ist rund 50-mal so groß wie Dänemark. Aber in Grönland leben nur rund 57.000 Menschen, überwiegend in kleinen Siedlungen an der Westküste, wo das Land nicht durchgehend mit Eis bedeckt ist. Die meisten Orte sind nur per Boot oder Flugzeug zu erreichen. Der allergrößte Teil des Landes ist eisbedeckt, teilweise ist das Eis kilometerdick.
Jetzt, im Winter, sieht man im Meer rings um Nuuk riesige hellblaue Eisstücke treiben. Am Strand unten am Kolonialhafen, dem historischen Herzen der Hauptstadt, sammeln sie sich. Manchmal knacken sie laut, manchmal bricht ein Teil von ihnen ab und rauscht ins Wasser. Hier ist die ansonsten sehr raue arktische Stadt idyllisch: bunte Holzhäuschen im Schnee, eine kleine Kirche, darüber auf dem Fels eine Statue des norwegisch-dänischen Missionars Hans Egede, der über den Fjord blickt.

Die Statue wurde schon öfter beschmiert. Egedes historische Rolle ist umstritten, er leitete die Kolonialherrschaft ein, sprach abfällig über die Inuit. Lange war Grönland dänische Kolonie, Dänemark schottete die Insel bis Anfang der Fünfzigerjahre ab, behandelte die Grönländer als Menschen zweiter Klasse und beging Unrecht wie im Falle der Zwangsverhütung Tausender junger Frauen und Mädchen.
1979 wurde die Selbstverwaltung eingeführt, 2009 erhielt Grönland weitgehende Autonomie, nur die Außenpolitik und die Verteidigung blieben in der Hand Kopenhagens. Doch die Unabhängigkeitsbestrebungen gingen weiter. Die dominierenden Parteien, wie Siumut, Inuit Ataqatigiit und Naleraq, streben weiter eine Eigenständigkeit an. Allerdings hält nur Naleraq am Ziel einer raschen Loslösung vom dänischen Königreich fest. Der Druck Trumps hat Grönland mit Dänemark wieder zusammengeschweißt.
„Grönland kann nie allein überleben“
Aqqaluk Lynge war einst Parteivorsitzender von Inuit Ataqatigiit und hat lange für Grönlands Unabhängigkeit gekämpft. Diese sei nur ein Traum, sagt der Achtundsiebzigjährige heute. „Völlig unrealistisch. Grönland kann nie allein überleben. Es wird nie einen weiteren unabhängigen Staat im Norden geben.“ Die jetzige Situation mit einer weitgehenden Autonomie im Arm des dänischen Königreichs sei ideal, besser werde es nicht.

Lynge ist eine der prägendsten Figuren der jüngeren grönländischen Geschichte. Er war Sozialarbeiter, Aktivist, Politiker und Autor. Wir treffen ihn in seinem hellen Holzhaus im Nordwesten Nuuks, ganz vorn am Wasser, wo der Blick weit über den Fjord geht und über die großen Eisstücke, die in Richtung offenes Meer treiben. Lynge sagt, Grönland versuche, Trump zu entkommen. Aber die Krise habe vermutlich erst begonnen.
Verhandler Dänemarks, Grönlands und der Vereinigten Staaten hatten sich zuletzt getroffen, um im Rahmen einer Arbeitsgruppe eine Einigung zu erzielen. Der Stand ist unklar. Unklar ist auch, ob eine Einigung überhaupt möglich ist, welche die territoriale Integrität Grönlands wahrt. Die dänische Seite hat wiederholt deutlich gemacht, dass die Souveränität die „rote Linie“ sei.
Grönland kostet den Dänen viel Geld
Lynge ist skeptisch, dass es zu einer Einigung kommt. Bis zum Ende von Trumps Präsidentschaft würden sich die Dinge kaum beruhigen, vermutet er. Er ist auch skeptisch, dass bald mehr Bodenschätze abgebaut werden. Selbst wenn das Eis langsam schmelze, bleibe es extrem teuer, auf der Insel nach Ressourcen zu graben. Grönland werde nie in der Lage sein, vom Abbau der Ressourcen die rund acht Milliarden Kronen zu erwirtschaften, welche die Staatseinnahmen umfassen, sagt Lynge.
Bisher überweist Dänemark fast die Hälfte davon (umgerechnet etwa 570 Millionen Euro) jährlich als „Blockzuschuss“. Hinzu kommen weitere Zahlungen etwa im Bereich Polizei, Justiz, Verteidigung. Im Herbst gab es zudem Finanzzusagen, getroffen auch unter dem Druck Amerikas, im Bereich der Gesundheit und Infrastruktur. Am Dienstag unterzeichneten der grönländische Ministerpräsident und der dänische Finanzminister eine Vereinbarung, wonach Dänemark die Kosten für die Behandlung von grönländischen Patienten trägt, die dorthin geflogen werden.
Grönland komme ihrem Land teuer zu stehen, sagen Dänen in Nuuk. Viele Dinge würden gar nicht berechnet. So stellt etwa Dänemark einen Teil der Polizei. Denn die grönländische Polizei hat nur rund 200 Mitarbeiter – im gesamten Land. Dafür werden extra Polizisten aus Dänemark nach Grönland geschickt.
Dänische Soldaten sollen Trump abschrecken
Die Kooperation der beiden Länder ist dem Vernehmen nach nicht immer einfach. Die gemeinsame Vergangenheit ist schwierig, die kulturellen Unterschiede sind groß. So akzeptieren die Grönländer die Dänen. Aber sie schätzen sie nicht. Die Dänen wiederum klagen, dass alles weniger ordentlich laufe als zu Hause und sehr viel langsamer. Wenn mal etwas bis zum kommenden Tag fertiggestellt sein müsse, antworten die Grönländer demnach „immaqa“. Das heißt „vielleicht“ auf Grönländisch.
Auch Soldaten schickt Dänemark derzeit in großer Zahl nach Grönland. Man sieht sie in Nuuk auf den Straßen, auch rings um das blaue Holzhaus des Arktischen Kommandos, und man sieht die Marineschiffe draußen auf dem Fjord. Verkündet hat Dänemark die Entsendung, als der amerikanische Druck am stärksten war. Offiziell gilt sie dem Training im Rahmen der Übung „Arctic Endurance“. Faktisch aber, das erzählen einem viele in Nuuk, dient sie dazu, den Preis hochzutreiben, damit die Amerikaner nicht Grönland annektieren. Vielleicht hat es gewirkt. Vorerst zumindest.

Dass Dänemark so viel Einsatz für Grönland in der Krise zeigt, dafür würde man sich von dänischer Seite einige Worte des Dankes wünschen, heißt es. Aber Grönlands Regierungschef Jens Frederik Nielsen schweigt lieber. Dankbarkeit gegenüber der früheren Kolonialmacht? Schwierig. Für Aufsehen sorgte in Grönland schon, dass Nielsen auf dem Höhepunkt der Krise das Selbstverständliche öffentlich aussprach: Grönland gehöre zum dänischen Königreich. Kopenhagen wiederum sucht Grönland seit Längerem zu umgarnen und als Partner auf Augenhöhe zu präsentieren – um die Unabhängigkeitsbestrebungen zu bremsen.
Angetrieben werden diese durch das Unrecht, das Dänemark in Grönland begangen hatte. Für dieses hat sich Ministerpräsidentin Mette Frederiksen im vergangenen Jahr entschuldigt. Mindestens jeder dritten Frau im gebärfähigen Alter wurde in den Sechziger- und Siebzigerjahren eine empfängnisverhütende Spirale eingesetzt. Bei jungen Mädchen erfolgte das meist ohne Zustimmung der Eltern, teils sogar ohne das Wissen der Betroffenen. Außerdem wurden 22 Kinder als „Experiment“ aus ihren Familien gerissen und nach Dänemark gebracht, wo sie zu Dänen erzogen werden sollten.
Aktivist: Rolle Dänemarks überwiegend positiv
Aqqaluk Lynge, der lange für die Loslösung von Dänemark kämpfte, hält die Fälle für aufgebauscht. In Grönland gebe es eine „Kampagne“ gegen Dänemark, geschürt von grönländischen „MAGA-Leuten“. Damit meint er Politiker der Partei Naleraq, die eine rasche Unabhängigkeit und eine Annäherung an Amerika anstreben.
Die Rolle Dänemarks beschreibt Lynge als überwiegend positiv. Grönland habe etwa bei der Bildung stark profitiert. Als einzige arktische Gesellschaft hätten die Grönländer mit der einstigen Kolonialmacht sprechen und einen Prozess zur Dekolonialisierung beginnen können. Andere Inuit-Völker hätten ihre Sprachen verloren, die Grönländer nicht.
Lynge wuchs in Aasiaat auf, einem kleinen Ort an der Westküste, der sich in seiner Jugend rasant wandelte und industrialisierte. Mit 13 Jahren ging er so wie viele junge Grönländer als Schüler nach Dänemark. In seinem Fall war das freiwillig. „Komm nicht ohne Abschluss wieder“, hätten seine Eltern ihm zum Abschied gesagt. Er studierte später in Kopenhagen – seine besten zehn Jahre, wie er heute sagt.
Als Frauen und Mädchen in Grönland Spiralen eingesetzt wurden, war Lynge Sozialarbeiter. Damals habe es so viele Kinder gegeben, die Sozialstruktur sei zusammengebrochen. Schwangere Vierzehnjährige seien zu ihm gekommen, die Eltern hätten nicht gewusst, wie es passiert sei, hätten gesagt, sie könnten sich kein weiteres Kind leisten. Verhütung sei richtig gewesen, sagt Lynge. Grönländische Institutionen hätten mit darüber entschieden. Auch wenn es Fälle gebe, wo Unrecht geschehen sei.
„Die Gefahr einer Invasion besteht weiterhin“
Über dieses wurde lange geschwiegen. Naja Lyberth brach 2017 das Schweigen und ging als eine von mehreren betroffenen Frauen an die Öffentlichkeit. Als Jugendliche wurde ihr ohne ihre Zustimmung eine Spirale eingesetzt. Heute will sie wie die anderen Frauen nicht mehr darüber sprechen. „Wir möchten nicht, dass der Spiralfall als Spielball der großen Politik missbraucht wird“, teilen sie mit.
Die Spiralensache werde „missbraucht, um einen Keil zwischen Dänemark, Grönland und die USA zu treiben“. Kolonialisierung sei niemals gut, aber die derzeitige dänische Regierung strenge sich an, die Menschenrechtsverletzungen von damals aufzuklären. Mit Entsetzen sähen sie hingegen, „wie die Ureinwohner oder die Schwarzen in den USA behandelt werden“.

Natürlich habe Dänemark Verbrechen in Grönland begangen, „eine koloniale Macht ist eine koloniale Macht, egal welche Größe und Flagge sie hat“, sagt Kuupik Kleist dazu. Den früheren Ministerpräsidenten Grönlands (2009 bis 2013) treffen wir in einem Café. Der Siebenundsechzigjährige ist kürzlich auf dem Eis gestürzt, am rechten Unterarm trägt er einen Gips. Kleist wurde als Sohn eines dänischen Telegrafenmeisters und einer Inuit-Frau in Qullissat geboren.
Als dort die Kohleminen versagten, wurden viele Anwohner zwangsumgesiedelt, das prägte ihn. Als aktiver Politiker hat Kleist für die Unabhängigkeit gekämpft. Jetzt will er über das Thema am liebsten nicht reden. Auch nicht über die Verbrechen Dänemarks. „ Jetzt ist dafür nicht die Zeit“, sagt er. „Die Krise ist nicht vorbei“, so Kleist mit Blick auf die amerikanischen Ambitionen. „Die Gefahr einer Invasion besteht weiterhin.“
Es fehlt an Geld, Institutionen und Personal
Fragt man ihn, ob Grönland irgendwann als eigenständiger Staat überleben könne, antwortet Kleist: „Wir können überleben. Das haben die letzten tausend Jahre gezeigt.“ Ob das auch für die Zukunft als eigenständiger Staat gelte? Wer weiß. Aber bevor man über eine Unabhängigkeit spreche, müsse Grönland erst seine Gesellschaft und Institutionen aufbauen.
Kleist sagt, dass Grönland sich in deutlich weniger Bereichen selbst verwalte, als es laut dem mit Dänemark 2009 beschlossenen Gesetz möglich wäre. Der Grund: Es fehlt an Geld, Institutionen und Personal. Überwinden muss Grönland aus Sicht Kleists auch andere Probleme. Die Rate der Schulabbrecher ist immens, ebenso die Jugendarbeitslosigkeit, Alkoholismus ist weitverbreitet, die Suizidrate ist eine der höchsten weltweit. „Wie alle indigenen Völker leiden wir an der gleichen Krankheit“, sagt der frühere Regierungschef.
Kleist wurde als Elfjähriger nach Dänemark geschickt, kam auf einen Bauernhof mit 1000 Schweinen und einigen Kühen. In der Schule in Dänemark sei er als Grönländer rassistisch behandelt worden, sagt er. Der örtliche Pfarrer setzte sich für ihn ein, danach hörte es auf. Später kam Kleist zurück. Warum? Wegen der Nähe zur Natur, sagt er, und wegen des Jagens und Fischens.
