GNTM-Folge 1: Welche Männer wollen Topmodel werden?

Zum Start einer Staffel „Germany’s Next Topmodel“ hält sich ProSieben, der Spartensender für profeministische Model-Dokus, zu Details stets bedeckt. Was durchsickert, geht mit Spoiler-Alerts wie „Auch Philipp Plein ist wieder mit dabei“ zumeist eher in Richtung: Naja. Auch die erste Top-News zum Jahrgang 2026 treibt den Champagnerkorkenverbrauch nicht in Rekordhöhen. Zumindest nicht bei denen, die noch über vollständiges Hörvermögen verfügen: „Heidi Klum singt den Titelsong ‚Red Eye‘ zur 21. Staffel GNTM.“

Attraktiver wäre nur noch: „Gil Ofarim liest aus seinem Buch ‚Das Schweigen Dilemma‘“. Nach den Megahits „Chai Tea with Heidi“ (mit Snoop Dogg) und „Sunglasses at Night“ (mit Tiësto) assistiert der Florence Foster Jenkins der Model-Moderatorinnen dieses Mal Star-DJ Diplo (Lieblingssüßigkeit: Hanita). Klum klingt dabei wie Blümchen auf Valium, alles wie immer.

Kristian Schuller teilt bereits im Vorspann aus

Im Vorspann faltet Kristian Schuller, Klums zweitliebster Lieblingsfotograf nach Rankin, erstmal irgendein Mädchen zusammen: „Was mir fehlt, ist, dass du mir einen Charakter gibst!“ Etwas übergriffig, von blutjungen Models zu erwarten, seine Charakterlosigkeit auszugleichen. Aber für Kritik bleibt keine Zeit, denn Heidi Klum startet ihren Männertag. Der hieß früher „Family and Friends“, brachte aber nur Reality-Stars hervor. Boyfriend Honey schaffte es sogar bis ins Dschungelcamp. Grüße an Legendensiegerin Kim Hnizdo an dieser Stelle. Die läuft inzwischen international, hostet Podcasts, arbeitet als Schauspielerin und hat ihre erste Single auf dem Markt. Honey hingegen… Naja.

Anders als Kim Hnizdo wird auch Heidi Klum nicht jünger: Leicht bekleidete Männer, die sie umgarnen, das hatte sie früher jedes Wochenende. Heute muss sie die MMC Studios in Köln anmieten. Dort hocken „viele hundert Männer“, die ihrem Casting-Aufruf gefolgt sind. Eine ganze Halle voller Träume, da ist die Chance überschaubar, der neue Moritz Rüdiger zu werden. Oh, noch nie gehört, den Namen? GNTM-Sieger von 2025. Egal. Schnell ist man sich im Vorhof zur Castinghölle sicher: „Die Konkurrenz ist groß.“ Manche sogar über 1,95 Meter.

Und auch Klum ist schnell auf Zoten-Flughöhe. Fotoanwärter Minu fragt sie: „Aber eine Unterhose hast du schon drunter?“ Der schaut kurz nach, gibt dann aber Entwarnung: „I have Unterhose!“ Da ist auch Gastjuror Jean-Paul Gaultier erleichtert: „Congratulations!“

Jean Paul Gaultier und Heidi Klum
Jean Paul Gaultier und Heidi KlumDaniel Graf/ProSieben

Ob Mitbewerber Kevin ausreichend intimbedeckt ist, verrät er nicht. Dafür aber: „Ich bin der Beste der Besten!“ Das sind gute Voraussetzungen. Vor allem, wenn man Innenverteidiger werden möchte. Stolz ergänzt er: „Ich habe einen Körperfettanteil von unter fünf Prozent.“ Man könnte also sagen, er ist die FDP der Anti-Adipositas. Neben fünf Prozent Körperfett bringt Kevin aber auch null Prozent GNTM-Tauglichkeit mit. Für ihn ist Schluss, noch bevor ich das erste Mal wehmütig an Thomas Hayo denke. Das kommt erst, als ein weiteres Doch-nicht-Model seine Enttäuschung als „Scheibendreck“ kommentiert. Angenehm teutonisch, nachdem wir jahrelang zwangsanglifiziert wurden. Wenn er jetzt noch den Bus nach Hause verpasst, kann man wirklich nur noch sagen: „Scheißkleister!“

Kandidat Oscar hingegen darf bleiben. Und das, obwohl er mit seiner Gesichtssymmetrie hadert: „Seit mein Weisheitszahn gezogen wurde, sieht meine Jawline rechts schlechter aus als links!“ Da ist erstmal Panik bei den Kulturschaffenden an den TV-Geräten: Hat er gerade „Jew-Line“ gesagt?

Die männlichen Model-Anwärter stellen sich vor.
Die männlichen Model-Anwärter stellen sich vor.Daniel Graf/ProSieben

Zum Glück erläutert dann ein weiterer neuer Markus Schenkenberg seine Qualifikationshighlights: „Ich habe die Voraussetzungen, vor der Kamera zu sprechen!“ Das passt optimal, denn GNTM steht ja für „Germany’s Next Tagesschau Moderator“. Außerdem hört man Sätze wie: „Ich mache in meiner Freizeit gerne Selfcare.“ Hier kurz für alle, die keine Zeit für Überlebenstipps von der TikTok-Akademie haben: Selfcare ist im Prinzip das Gegenteil von Volksfürsorge, also Selbstfürsorge.

Münsters schönster Männerexport Ibo positioniert sich derweil als Staffel-Philosoph: „Die Grenze ist nicht die Grenze, nur weil man sich das so einredet!“ Wow, will man ihm da zurufen: Take it easy, Schopenhauer. Aber Ibo ist nicht zu stoppen: „Ich bin Allrounder, ich will meine Nische finden!“ Ja, wer kennt ihn nicht, den Nischen-Allrounder? Viel Glück dabei, Ibo. Neben ihm stürmt Martin eine Runde weiter. Der sieht aus wie ein überblondierter Jürgen Drews in den Klamotten von Cindy aus Marzahn und arbeitet „als Coach!“ Aber das ist Heidi Klum zu pauschal. Coaches gibt es viele. Fußballcoach, Businesscoach, Fitnesscoach. Also verrät Martin sein Spezialgebiet: „Einfach so, du kannst alles machen, was du willst“ Da strahlt Klum und notiert: Termin beim Du-Kannst-Alles-Machen-Was-Du-Willst-Coach buchen.

Schon in den ersten zwei Stunden der neuen Staffel sind exotischere Berufe dabei als in acht Staffeln „Was bin ich?“. Darunter zertifizierter Kuhbesamer, Baumkletterer, Profi-Modellautofahrer und Leistungssport-Seilspringer. Mit den Jobbeschreibungen der männlichen GNTM-Kandidaten könnte man die Bundesagentur für Arbeit monatelang lahmlegen.

Aber es wird noch besser. Plötzlich steht ein älterer Mann auf der Bühne, von dem man zunächst glaubt, er suche das „Der Pate Reloaded“-Filmset. Aber der Marlon Brando für Baumarkteröffnungen sucht tatsächlich Klum und macht ihr ein Angebot, das sie nicht ablehnen kann: „Ich bin Mossi und ich habe eine Maultrommel dabei!“ Huch, denkt man da – Maultrommel? Hat Oliver Pocher sich auch beworben? Leider nein. Dafür steht neben Mossi noch Vivi, und auch der ist mit interessanter Jobbeschreibung angereist: „Ich bin Software-Entwickler, so wie 80 Prozent aller Inder. Darum wollte ich es anders machen und Model werden!“ Das finde ich originell. Warum nicht mal den umgekehrten Weg gehen? Viele ehemalige GNTM-Models sind heute ja Software-Entwickler.

So verfliegt der Premierentag der 21. Staffel „Germany’s Next Topmodel“ wie ein lauschiger Nachmittag im Jobcenter. Aber keine Sorge, schon morgen gesellen sich die weiblichen Runway-Glücksritterinnen dazu. Ich bin schon ganz gespannt, welche Erwerbstätigkeiten dann über den Laufsteg schweben. Vielleicht eine Tatortreinigerin? Eine Golfballtaucherin? Oder eine Alpaka-Therapeutin? Das lasse ich mir nicht entgehen.