Cockpit-Ausstand: Streik trotz 10.000 Euro Rente – Bei den Lufthansa-Piloten eskaliert der Klassenkampf

Am heutigen Donnerstag streiken die Cockpit- und Kabinen-Besatzungen der Lufthansa. Seit Monaten streiten die Piloten für eine bessere Altersversorgung, doch tatsächlich geht es um die Zukunft des Konzerns – und um einen Machtkampf der Gewerkschaften.

Vier Monate nach der Urabstimmung der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) machen die Lufthansa-Piloten nun ernst. Am Donnerstag treten die Flugzeugführer in den Ausstand. Von Mitternacht bis Mitternacht wollen sie zahlreiche Flüge von Lufthansa Airlines und Lufthansa Cargo nicht durchführen und damit, so die offizielle Forderung, eine bessere Altersversorgung durchzusetzen.

Beim Streik mit dabei sind auch Flugbegleiter der Kabinengewerkschaft Ufo, die vor einigen Monaten mit den Cockpit-Kollegen ein strategisches Bündnis gebildet hatte. Der Schulterschluss der Lufthanseaten dies- und jenseits der Cockpittür weist auf den wahren Grund des Streiks hin. Denn tatsächlich steckt hinter dem Arbeitskampf mehr als nur ein Ringen um variable Ruhestandsbezüge, sondern ein tiefgreifendes Zerwürfnis innerhalb des Lufthansakonzerns, bei dem auch nicht alle Piloten und Flugbegleiter auf derselben Seite stehen.

Dass die Männer und Frauen in den Cockpits von Lufthansa-Jets nach Ende ihres Berufslebens in Altersarmut zu versinken drohen, ist nicht zu befürchten. Je nach Berufserfahrung, erhalten sie monatlich etwa 10.000 Euro Ruhestandsbezüge, von denen der weitaus größte Teil auf einer Betriebsrente der Lufthansa basiert. Was den Unmut der Piloten erregt, ist lediglich die aus ihrer Sicht enttäuschend ausgefallene Verzinsung der Altersrücklagen am Kapitalmarkt.

Für das Gros der deutschen Rentner dürfte die Auseinandersetzung nach einem Luxusproblem klingen. Dass sich dennoch die große Mehrheit der 4800 Pilotinnen und Piloten von Lufthansa und Lufthansa-Cargo bei der Urabstimmung für einen Streik aussprachen, liegt an einem seit Jahren angewachsenen Unmut des fliegenden Personals beim größten Luftverkehrsunternehmen Europas.

Was die Kranich-Flieger auf die Barrikaden bringt, sind nicht ein paar Prozentpunkte bei den Altersbezügen, sondern die Gesamtstrategie von Lufthansa-Vorstandschef Carsten Spohr. Dieser ist – obschon selbst ausgebildeter Verkehrspilot – bei den eigenen Piloten nicht mehr sonderlich beliebt. Die Kollegen aus den Cockpits werfen ihm vor, ihre Stellung im Konzern systematisch zu untergraben.

Spohr hat in den vergangenen Jahren durch die Gründung neuer Flugbetriebe sozusagen eine konzerninterne Billigkonkurrenz aufgebaut. Immer mehr frühere Lufthansa-Strecken werden nun von Tochter-Airlines wie Lufthansa Discover oder Lufthansa City bedient.

350.000 Euro Jahresgehalt bei der Hauptmarke Lufthansa

Die Veränderung soll für den Fluggast kaum spürbar sein, doch umso mehr in den Kassen des Konzerns. Denn während Lufthansa-Piloten auch im Branchenvergleich Spitzengehälter beziehen und über die Zeit sehr gute Arbeitsbedingungen herausgehandelt haben, ist das fliegende Personal bei den Tochterbetrieben schlechter gestellt. Die Folge ist eine Mehr-Klassengesellschaft innerhalb des Konzerns.

Wie existenziell sich die Bedrohung aus Sicht des fliegenden Personals darstellt, zeigt die Beteiligung der Flugbegleiter, die keine potenziellen Altersbezugseinbußen ins Feld führen, sondern real drohende Jobverluste. Bei der Lufthansa-Kerngesellschaft sowie der alten, mehr oder weniger in Abwicklung befindlichen Regionaltochter Cityline seien durch die Konzernstrategie 800 Jobs bedroht, so Ufo. Hinter den Konzernzielen, nach mehr Produktivität und Flexibilität zu streben, steckten tarifliche Verschlechterungen, die sich unmittelbar auf die Arbeitsbelastung und eine eingeschränkte Planbarkeit des Privatlebens auswirkten.

Spohr begründet seine Strategie mit der schwachen Performance der Hauptmarke. Die Lufthansa Airlines hatte zuletzt finanziell regelmäßig deutlich schwächer performt als die hauseigene Touristik-Airline Eurowings. Erfahrene Eurowings-Piloten mit Jahresgehältern von vielleicht 150.000 Euro mussten mit ihrer Arbeit die große Lufthansa quersubventionieren, bei der langjährige Piloten auch schon mal 350.000 Euro nach Hause bringen sollen.

Dass nun die konzernweit am besten gestellte Berufsgruppe für bessere Konditionen streikt, weckt auch unternehmensintern nicht nur solidarische Gefühle. Der aktuelle Arbeitskampf ist auch Kampf zwischen konkurrierenden Gewerkschaften um die Lufthoheit im Konzern.

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hat zuletzt deutlich an Einfluss gewonnen und ist bei den Tarifverträgen von Eurowings sowie vieler anderer Airlines tonangebend. Ähnlich wie etwa bei der Bahn fürchten die kleinen Gewerkschaften um ihren Einfluss. Um ihre Position zu stärken, hatten die VC-Kollegen deshalb mit den anderen reinen Luftfahrtgewerkschaften – der erwähnten Unabhängigen Flugbegleiter Organisation (Ufo) sowie der für das Bodenpersonal zuständigen Arbeitnehmergewerkschaft im Luftverkehr (Agil) – eine Allianz namens „We are Aviation“ gegründet.

In Richtung Lufthansa-Konzern ist dieser Zusammenschluss auch eine Drohung, denn durch den Zugriff auf quasi alle Bereiche des Flugbetriebs kann die Allianz der Kleinen diesen quasi nach Belieben lahmlegen. Ein knackiger Streik kommt als Machtdemonstration da gerade recht.

Doch je länger der Streikdrohung keine Taten folgten, desto mehr stellte sich bei der Lufthansa die Frage, wie groß die Macht der Kranich-Flieger in Wirklichkeit noch ist. In Kreisen des Top-Managements wurde wiederholt geunkt, dass die Piloten selbst in den eigenen Reihen keine große Mehrheit hätten. Die Forderungen zu den Altersbezügen ließ der Vorstand einfach abtropfen – und es passierte nichts.

„Nach der Urabstimmung Ende September haben wir der Lufthansa bewusst mehrere Monate Zeit eingeräumt, um doch noch zu einer verhandlungsfähigen Lösung zu kommen“, erklärt VC-Präsident Andreas Pinheiro und wies der Lufthansa die Verantwortung für den nun folgenden eintätigen Streik zu. „Wir hätten eine Eskalation sehr gerne vermieden.“ Besonders kampfeslustig klingt das nicht.

Verstärkung bekommen die Piloten nun von den Kollegen aus der Kabine, die unter anderem beklagen, die Lufthansa reduziere die Kabinen-Besatzung auf ihren A350-Langstreckenjets von bislang zwölf auf elf. Um dies zu ermöglichen, müsste von den beiden bislang exklusiv der First Class vorbehaltenen Flugbegleitern jeweils einer in der Economy aushelfen. Der Branchendienst „Aerotelegraph“ zitierte aus einem internen Schreiben der Personalvertretung, in dem von Reisenden die Rede sein soll, die „stundenlang vor ihrem leergegessenen Tablett hocken“. Die Geschäftsleitung sei, so soll in dem Schreiben der Kabinen-Vertreter stehen, „mittlerweile beratungsresistent.“

Für Lufthansa-Chef Spohr ist der Streik eine heikle Sache, und das nicht nur wegen der unschönen Außenwirkung inmitten der Feierlichkeiten zum 100. Konzernjubiläum. Die mit Streiks verbundenen Mindereinnahmen und Kompensationszahlungen sind extrem kostspielig. Die Streikwelle des vorvergangenen Jahres verursachten der Lufthansa Kosten von rund 450 Millionen Euro und waren eine wesentliche Ursache der finanziellen Unterperformance der Kernmarke.

Spohr hat auf einer Kapitalmarktveranstaltung im Herbst einen tief greifenden Reformprozess angekündigt, in dessen Zuge bis 2030 in der Konzernadministration 4000 Stellen abgebaut werden sollen. Ziel der Maßnahme namens „Matrix Next Level“ ist es, redundante Strukturen abzubauen und die Profitabilität der Netzwerk-Airlines zu erhöhen. Mit der Umstrukturierung wollte der Konzernchef möglicherweise auch nach innen ein Signal setzen, dass nicht nur am fliegenden Personal in den Flugbetrieben gespart wird, sondern auch beim Management.

Besänftigt zu haben scheint die Botschaft die Kranich-Flieger nicht – zumindest nicht die von VC und Ufo. Denn tatsächlich gestreikt wird am Donnerstag offenbar nur bei Lufthansa und Cityline. Die Wettbewerber Ryanair, Easyjet und Condor fliegen. Und neben ihnen auch andere Airlines aus dem Lufthansa-Konzern wie Swiss, Austrian, Ita, Brussels, Eurowings und Discover.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ geschrieben.

Steffen Fründt ist Wirtschaftskorrespondent der WELT-Gruppe und berichtet über Unternehmen aus Luftfahrt, Tourismus und Sport-Industrie.