Zum vierten Mal nacheinander haben Tobias Wendl und Tobias Arlt bei Olympischen Spielen das Treppchen betreten. Und als sie das weiße Hermelin-Plüschtier in Empfang genommen hatten und die Medaillen vom Hals baumelten, nahmen sie die Plakette in die Hand und schauten noch einmal genau hin: Sie hatten einen recht ungewöhnlichen Bronze-Schimmer. Das siebte Gold ihrer Karriere haben Wendl/Arlt, beide 38 Jahre alt, die erfolgreichsten männlichen deutschen Olympiaathleten, am Mittwoch im Eiskanal von Cortina verpasst.
Andererseits: Sie haben Bronze erobert im zweiten und finalen Lauf, weil sie in furioser Manier noch vom fünften auf den dritten Platz rauschten. Und eine perfekte Kurvenfahrt, das haben sie stets betont, ist, unabhängig vom Resultat, stets das Ziel. „Diese Bronzemedaille bedeutet uns fast mehr als die anderen, weil es so wichtig war“, sagte Wendl. Sie ist wie Gold für uns“, bestätigte Arlt.
Sie hatten bei allen Trainingsläufen Probleme mit der Bahn, vor allen mit ihrem Material, mit der Schiene. „Wir hatten keinen Zug drauf“, sagte Arlt. Noch am Tag vor dem Wettkampf tüftelten sie bis 22 Uhr am Schlitten, anderntags vor dem Rennen ebenso. Wenigstens einen sauberen Lauf wollen sie zeigen.

:Sie hat den Drachen besiegt
„Man braucht Rückschläge, um sich weiterzuentwickeln“: Vor vier Jahren stürzte Rodlerin Julia Taubitz als Favoritin im Olympiafinale, diesmal gewinnt sie Gold – und denkt auch an ihre Teamkollegin, die eine Medaille verpasst.
Das gelang, und am Ende eines hochspannenden Wettkampfs, in dem die besten sechs Teams vor dem Finale nur Sekundenbruchteile trennten, hatten die Berchtesgadener Wendl/Arlt 0,09 Sekunden Rückstand auf die Italiener Emanuel Rieder und Simon Kainzwaldner. Zweite wurden die Österreicher Thomas Steu und Wolfgang Kind. Und so sicherten sich die Olympiasieger im Doppel und im Team der Jahre 2014, 2018 und 2022 noch eine weitere Fahrt im Mannschaftswettbewerb am Donnerstag.
Eine bittere Enttäuschung erlebte das zweite deutsche Duo: Toni Eggert wurde mit Florian Müller Rückstand Vierter. „Schade, das waren schöne Läufe, eigentlich die besten dieser Woche“, sagten beide: „Die Tobis haben es gut gerockt.“
Der Bob- und Schlittenverband für Deutschland hat somit in vier Wettbewerben schon vier Plaketten erobert. Nach den Olympiasiegen der Solisten Max Langenhan und Julia Taubitz steht die Ausbeute des BSD in Verbindung mit dem Verband der DDR, mit dem er 1990 fusionierte, seit 1964 bei allein 40 olympische Rodelgoldmedaillen. Ein Goldspeicher, auf den Donald Duck neidisch sein könnte. Am Mittwoch kam neben Männer-Bronze noch eine glänzende Silberplakette dazu.
Für Italien hat sich der Bau des neuen Cortina-Eiskanals am Mittwoch ausgezahlt
Denn Dajana Eitberger, 35, und Magdalena Matschina, 21, glückten zwei brillante Läufe durch den Eiskanal. Erstmals überhaupt – nach 62 Jahren Rodlerei – hatte das Internationale Olympische Komitee die Bahn für die Frauen im Doppelsitzer freigegeben. Bei der Premiere steuerten Eitberger/Matschina den Schlitten mit der zweitbesten Zeit durch die Kurven, nur die Italienerinnen Andrea Vötter/Marion Oberhofer waren schneller. Aber das italienische Team kannte jeden Quadratzentimeter der Bande aus zahlreichen Trainings- und Testfahrten in der neuen Heimstatt. Für Italien hat sich der Bau des neuen Cortina-Eiskanals am Mittwoch ausgezahlt.
Italiens Heimvorteil stand die Erfahrung von Dajana Eitberger entgegen, die schon vor acht Jahren Olympiazweite in Pyeongchang war, damals im Einsitzer hinter Natalie Geisenberger. 2023, inzwischen Mutter eines kleinen Sohnes, war sie noch einmal WM-Dritte im Sprint geworden, dann entschied sie sich, im Schlitten umzusatteln. „Diese Silbermedaille schreibt ihre eigene Geschichte“, sagt sie.
Mit der 14 Jahre jüngeren Magdalena Matschina bildet sie erst im zweiten Winter ein Team. Das Duo aus Routine und Quirligkeit hatte sich in der internen deutschen Ausscheidung gegen die WM-Zweiten Jessica Degenhardt/Cheyenne Rosenthal durchgesetzt. Mehr als ein Team pro Nation ließ das IOC, anders als bei den Männern, nicht zu. „Wir dachten schon, dass die Qualifikation das Härteste ist, was wir in dieser Saison erlebten“, sagte Eitberger. Aber dann war es entscheidend, den zweiten Platz nach dem ersten Lauf zu verteidigen; denn die Erwartung sei im Rodelland Deutschland „ziemlich groß, wenn nur ein Doppelsitzer am Start ist und wir im Eiskanal eine Übermacht sind“.
Der Tag begann mit „Bauchweh und Herzklopfen“ und schloss mit Glückstränchen. Nach den letzten beiden Weltcuprennen im Frühjahr verlässt Eitberger endgültig die Welt der Eiskanäle. Aber vorher wird sie am Donnerstag mit den Kollegen Wendl/Arlt, mit Julia Taubitz und Max Langenhan im Teamwettbewerb versuchen, eine weitere Plakette zu erjagen.
