Wie Blockflöten aus 3D-Druckern die Branche aufmischen

Ein Wintertag vor zehn Jahren, Joachim Kunaths Telefon klingelt: „Hallo, wir hätten morgen gern Ihre Kontrabassblockflöte in London.“ Der Flötenbauer hält das für einen Scherz. Die Lieferzeiten für seine Instrumente betragen bis zu sechs Monate. „Unmöglich“, sagt Kunath und will schon wieder auflegen. „Schade“, sagt der Mann am Apparat. Die Flöte solle auf einer Welttournee gespielt werden, vor Millionenpublikum. Dann fällt der Name: Hans Zimmer. Einer der berühmtesten Filmkomponisten, der in Frankfurt geboren und in Hollywood zum Weltstar wurde.

Spätestens jetzt begreift Kunath, dass das Ganze wohl doch kein Witz ist. Der Mann am Telefon entpuppt sich als Mitarbeiter aus Zimmers Team. „Okay, Sie können meine haben“, sagt Kunath. Und zögert nicht lange: Ein Kurier bringt die Flöte über Nacht nach London, rechtzeitig zu den Proben. Dem Soloflötisten Richard Harvey gefällt sie, er spielt sie auf sämtlichen Konzerten.

Auch der Fachwelt fällt das ungewöhnliche Instrument auf. „Die Konzerte haben uns international Aufwind gegeben“, sagt Kunath, der nach eigenen Angaben größte Bassflötenhersteller in Deutschland. Die Flöte, um die es geht, ist eine Innovation: Sie kommt nicht aus der Drechselbank, sondern aus dem 3D-Drucker.

Zwischen Handwerk und Hightech

Überall rattert, rauscht und surrt es. Der Flötenbauer „Jo“ Kunath, langes, graues Haar, runde Brille, lässiges Firmenshirt, schlängelt sich durch seine Werkstatt in einem ehemaligen Tegut-Supermarkt am Stadtrand von Fulda. Vorbei an Dutzenden Drechselmaschinen für Holzflöten und solchen, die sich wie Roboterspinnen aus einem Science-Fiction-Film bewegen. Sie stellen 3D-Teile für die Kontrabassblockflöten her. Retro und futuristisch zugleich, ein geschäftiges Nebeneinander. Kunaths 13 Mitarbeiter reparieren, überwachen, programmieren. Zwischen Handwerk und Hightech.

Am Stadtrand: Seinen Sitz hat Kunaths Unternehmen in einem früheren Tegut-Supermarkt.
Am Stadtrand: Seinen Sitz hat Kunaths Unternehmen in einem früheren Tegut-Supermarkt.Frank Röth

Die Werkstatt des 63 Jahre alten Flötenbauers mutet an wie ein geheimes Maschinenlabor. Die 3D-Drucker, 33 Stück, stehen abgeschirmt in einer großen Garage, die Kunath die „Druckerfarm“ nennt. Zutritt nur für Mitarbeiter. „Topsecret“, sagt er. Sein Betrieb sei schon zum Angriffsziel für Industriespionage geworden, einmal seien Leute gekommen, die seltsame Fragen gestellt hätten und sich sogar Zugang zur Garage verschaffen wollten. Dort wird seine neueste Erfindung, die Tenorblockflöte Sigo, produziert.

Der Stoff, aus dem die Flöten sind: Sogenanntes Filament, feine Fäden, die auf Spulen gedreht werden, füttern den 3D-Drucker.
Der Stoff, aus dem die Flöten sind: Sogenanntes Filament, feine Fäden, die auf Spulen gedreht werden, füttern den 3D-Drucker.Frank Röth

In der für Besucher zugänglichen Werkstatt entsteht das Material, das Resona heißt. Auch wenn es aussieht wie Plastik, es ist eine Mischung aus Holzpartikeln und Pflanzenstärke. „Ein Naturprodukt“, sagt Kunath. Und obwohl es schwer kompostierbar ist und der 3D-Druck Energie verbraucht, seien Material und Herstellung nachhaltiger als bei klassischen Flöten. Deren Holz stamme häufig aus tropischen Wäldern und erzeuge einen höheren Verschnitt. In seiner Werkstatt werden Holzabfälle für den 3D-Druck wiederverwendet, berichtet Kunath. Vor allem Birnbaumholz, das aus Österreich komme, verwende er. Es duftet nach würzigem Öl und frischem Holz.

Das Resona wird geschmolzen, zu feinen Fäden, dem Filament, gezogen und auf Spulen gedreht. Missglückte Drucke kräuseln sich wie verdrehtes Kassettenband. Macht nichts, das werde wiederverwertet, „Inhouse-Recycling“, nennt Kunath das. Deshalb seien die Flöten schwarz, kleine Verunreinigungen fallen so nicht auf.

Die Filamente füttern die 3D-Drucker. Das ist weniger mysteriös, als man es sich vorstellt: „Die 3D-Drucker funktionieren wie eine Heißklebepistole“, erklärt Kunath. Der Werkstoff wird erhitzt und nach einem Bauplan aus dem Computer Schicht für Schicht auf die Druckplatte aufgetragen.

Musik spielte in Kunaths Familie immer eine große Rolle

Am Ende werden die angerauten Flöten mit Leinöl eingerieben. So entstehen im Schnitt 50 Sigo-Flöten pro Tag. Das Wort ist eine Mischung aus „Si“, italienisch für „Ja“, und „Go“, englisch für „Los, geht’s!“ Doch wie ging es bei Kunath eigentlich los?

Begeisterte den Hans-Zimmer-Flötist: die 3D-gedruckte Kontrabassflöte, neben solchen aus Sperrholz.
Begeisterte den Hans-Zimmer-Flötist: die 3D-gedruckte Kontrabassflöte, neben solchen aus Sperrholz.Frank Röth

Musik spielte in seiner Familie immer eine große Rolle, seine Mutter war Dirigentin und Organistin, der Vater brachte das Geld für Instrumente nach Hause, erzählt Kunath. Flöten, Klaviere, Trompeten, Saxofone – Kunath hat alles ausprobiert. Aber vor allem: „Gitarren, irre viele Gitarren.“ Er spielt auf Festivals, schreibt Songs. Den Rockstar-Traum erfüllt sich Kunath aber im Instrumentenbau.

Gelernt hat er bei dem Fuldaer Traditionsbetrieb Mollenhauer, den es seit über 200 Jahren gibt. Nicht umsonst wird Fulda die „Hauptstadt der Blockflöten“ genannt, den Titel hat ihr Mollenhauer eingebracht. In der Stadt finden sich überall Spuren: das Mollenhauer-Haus etwa, ein gotischer Fachwerkbau, von 1892 bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts Sitz des Unternehmens, mit einem Modegeschäft im untersten Stock. Etwas weiter abseits entdeckt man verblichene Schriftzüge von Mollenhauer an prächtigen Patrizierhäusern, in die Kosmetikstudios eingezogen sind. Altes und Neues existieren in der Stadt nebeneinander. So wie bei Kunath.

Seit 2007 ist er selbständig. In seinem Keller baut er zunächst Holzflöten für Waldorfschulen. Dann entwirft sein älterer Sohn, ein Ingenieur, Objekte für den 3D-Drucker. Da kommt Kunath die Idee für seine kleine Blockflöten-Revolution: Warum nicht eine Flöte aus dem 3D-Drucker herstellen?

2015 fertigt er zunächst die Bassblockflöte „Paetzold by Kunath“ an, die der Soloflötist Richard Harvey auf der Hans-Zimmer-Tournee spielte. Zehn Jahre später folgt die Sigo, die sich als Alternative zur Sopranblockflöte zudem an Einsteiger richtet. Ein Alleinstellungsmerkmal für Kunath. Während Moeck und Mollenhauer aktuell Markführer in Deutschland sind, ist Kunath nach eigenen Angaben der drittgrößte Blockflötenhersteller. Zurzeit verkaufe er mehr Sigos als Holzflöten, sagt er.

Vom Erfolg überrumpelt

Die Sigo kostet 139 Euro und ist damit deutlich günstiger als Tenorblockflöten aus Holz, für die man mindestens 700 Euro zahlt. Viele Jahre haben Kunath und sein Team, darunter sein jüngerer Sohn, der bei ihm in die Lehre ging, und der Schweizer Blockflötenbauer Geri Bollinger, der die Sigo designte, getüftelt. Seit April 2025 haben sie weltweit 14.000 3D-Blockflöten verkauft. Der Umsatz insgesamt: rund zwei Millionen. Das meiste investiert Kunath in seine Maschinen, Mitarbeiter und die noch nicht ganz abbezahlte Werkstatt.

Vom Erfolg seien er und sein Team völlig überrumpelt worden. Kunath glaubt, den Grund für den Trend zu kennen. „Die quietschende Sopranblockflöte ist nicht so gut für den Schulgruppenunterricht geeignet.“ Der Tinnitus der Blockflötenstunden begleitet manche ein Leben lang. Das soll mit der Tenorblockflöte anders werden, sie klingt eine Oktave tiefer und wärmer als die Sopranflöte. Das gefaltete Innere formt den Klang.

Geschwungen: das Mittelstück einer 3-D gedruckten Bassblockflöte
Geschwungen: das Mittelstück einer 3-D gedruckten BassblockflöteFrank Röth

Für seine Zielgruppe, Schüler und ältere Menschen, sei auch die Ergonomie wichtig: insgesamt größer, robuster, aber leichter als die klassische Blockflöte; mit großen, s-förmigen Tonlöchern und einem abgewinkelten Mundstück. Kinder und Senioren könnten die Flöte besser greifen, meint Kunath.

Ein Test mit dem fünfjährigen Kind: Sie gellt nicht wie die Holzblockflöte zu Hause, Respekt vor der großen, schwarzen Flöte, die an ein „sprechendes Rohr aus dem Weltall“ erinnert, bleibt trotzdem. Ein Instrument wie aus einem Science-Fiction-Film. Die meisten fänden es „optisch cool“, sagt Kunath, andere präferierten Holzhandwerk, „Geschmackssache“. Die Sigos sollen die klassischen Modelle nicht ersetzen, nur ergänzen, sagt Kunath.

So stehen im Eingangsbereich der Werkstatt Massivholzflöten und Sigos sowie Kontrabass-Flöten aus 3D und Sperrholz zum Verkauf. Kunaths Frau „Katze“, raspelkurzes Haar, schlank, dicke Fellstulpen, leitet den Laden. Eigentlich heißt sie Silke, aber alle nennen sie „Katze“, ihr Künstlername steht sogar im Personalausweis. Kein Wunder, dass da die Vitrinen voller Katzenfigürchen sind, hinter dem Tresen winkt ein großes, goldenes Exemplar den Kunden zu. „Katze“ muss los, ihr Mann zeigt im Büro noch signierte Bilder von Richard Harvey auf dem Hans-Zimmer-Konzert.

Wie klingt die 3D-Blockflöte, gespielt von einem Profi? Ein Besuch in der Frankfurter Musikakademie Dr. Hoch’s Konservatorium. In Zimmer 4037 wartet Bernhard Stilz. Auf seinem Tisch liegen historische Flöten – und die schwarze Sigo. Der Spezialist für Alte Musik und historische Aufführungspraxis spielt eine Figur auf ihr. „Das klingt toll“, sagt er. Zum Vergleich holt er das Gemshorn. Die mittelalterliche Blockflöte ist der Flöte aus dem 3D-Drucker klanglich näher als die Renaissanceflöten, deren Ton heller, brillanter ist. „Das liegt an der Bauweise, sie ist wie die Sigo unten geschlossen“, sagt Stilz.

Klassisches Handwerk: Kunath verwendet bei seinen Holzblockflöten vor allem Birnbaumholz.
Klassisches Handwerk: Kunath verwendet bei seinen Holzblockflöten vor allem Birnbaumholz.Frank Röth

3D-Drucke werden auch von historischen Ensembles genutzt, weil viele Instrumente nur noch in Museen zu sehen sind. Die Idee, sie zu drucken, nahm vor über 15 Jahren Fahrt auf – mit unterschiedlichen Ergebnissen. Bei Geigen oder Gitarren etwa schwingt der Holzkorpus mit. Das kann ein Drucker noch nicht nachbauen, Flöten hingegen schon, weil dabei die Innenoberfläche entscheidend ist, wie Studien belegen. Bei einem Blindtest eines bekannten Kollegen hätten sie als Blasmusikprofis nicht zwischen Originalen und 3D-Nachbauten unterscheiden können, sagt Stilz.

Wie ein Spinnen-Roboter: Der 3D Drucker fertigt ein Mittelstück der „Paetzold by Kunath“ Bassflöte.
Wie ein Spinnen-Roboter: Der 3D Drucker fertigt ein Mittelstück der „Paetzold by Kunath“ Bassflöte.Frank Röth

Im Unterricht macht Stilz gemischte Erfahrungen mit der 3D-Blockflöte. Die einen kämen auf „Anhieb gut damit zurecht“, die anderen seien „überfordert mit dem veränderten Blasdruck“.

Das Hessische Kultusministerium setzt die Sigo in Schulprojekten ein. Doch ist die Blockflöte als Einstiegsinstrument in die Musikwelt überhaupt noch zeitgemäß? Die Bildungsgewerkschaft GEW sagt Nein, andere Instrumente seien angesagter. Die Flöte, die seit einem Eiszeitfund als ältestes Instrument der Welt gilt, in Renaissance und Barockzeit eine Blüte hatte und im 20. Jahrhundert wiederentdeckt wurde, hält Stilz nicht für obsolet. Er sieht das eigentliche Problem woanders: „Es gibt zu wenige gute Lehrer.“ Er pustet unsanft in die Flöte. Es kreischt in den Ohren. Das sei so, als würde „Pippi Langstrumpf Mathe unterrichten“.

Einer, der sich die Flötenwelt macht, wie sie ihm gefällt und sie vom angestaubten Image befreit, ist Josh Plotner – der aktuelle Soloflötist des Hans-Zimmer-Orchesters. Auf seinem Instagram-Account stellt er die 3D-gedruckte Kontrabassflöte vor. Der F.A.Z. gegenüber schwärmt der Starflötist auch von „Klang, Intonation, Ergonomie und sogar Optik“ der neueren Sigo. „Amazing“, sagt er. „In diesem Frühjahr bin ich Soloflötist bei ,The World of Hans Zimmer‘, und ich werde meine Sigo mitbringen!“ Kunath plant, im Frühjahr eine Sigo-Bassflöte und später eine Altvariante auf den Markt zu bringen. Für Josh Plotner sei das erste Bassexemplar schon reserviert, erzählt er.