Skisprung-Familie Prevc: Alle vier Geschwister haben jetzt eine Olympiamedaille – Sport

Es war eine schöne Szene, die sich da abspielte im ersten Stock des Verwaltungsgebäudes im Skisprungstadion in Predazzo. Da saßen zwei Geschwister, Domen und Nika Prevc, die momentan als die Besten ihres Fachs gelten, bei den Olympischen Spielen aber einen ziemlich unglücklichen Start hatten. Nika, 20, hatte im Einzel von der Normalschanze am Samstag Silber gewonnen, aber vor allem Gold verloren. Sie weinte danach und berichtete, der Druck sei zu groß gewesen. Domen, 26, hatte am Montag in seinem Normalschanzen-Wettbewerb nicht nur Gold dem Deutschen Philipp Raimund überlassen müssen, sondern war gar an einer Medaille vorbeigesprungen. Dabei hatte alle Welt erwartet, dass Nika und Domen ihrer Konkurrenz keine Chance lassen würden.

Doch nun, am späten Dienstagabend, schauten sie sich an, Nika Prevc drehte und wendete dann vertieft die Medaille, die um ihren Hals hing. Gold hatten sie zusammen im Mixed-Team-Wettbewerb gewonnen, den es erst seit 2022 in Peking gibt. Zwei Männer, zwei Frauen, acht Sprünge: Schon damals hatte Slowenien Gold mit nach Hause gebracht, einer der vier Akteure: Peter Prevc, inzwischen 33, das Älteste der vier Geschwister. Er arbeitet aktuell für den slowenischen Skisprungverband.

Mit mehr als 30 Punkten Vorsprung hatte Slowenien diesmal Norwegen distanziert, Japan wurde 1,2 Punkte vor den Deutschen um Philipp Raimund Dritter. Das Sieger-Quartett am Dienstag vervollständigten Anze Lanisek und Nika Vodan, aber natürlich fokussierte sich alle Aufmerksamkeit auf Familie Prevc.

„Die Goldmedaille ist etwas, das ich haben wollte, seit ich mit Skispringen angefangen habe“, sagte Nika: „Es gibt nichts Schöneres, als diese berühmteste Medaille der Welt mit meinem Bruder zu teilen.“ Domen gab die Blumen selbstverständlich zurück: „Zusammen auf dem Podium zu stehen, ist eines der Dinge, von denen ich hoffe, dass sie in die Geschichte eingehen. Es bedeutet sehr viel, weil es wirklich etwas Besonderes ist, wenn Geschwister im Wintersport zusammen eine Medaille gewinnen.“

Nach Kritik an Domen Prevc verteidigte selbst Sloweniens Staatspräsidentin Natasa Pirc Musar die Familie

Kleiner Nebenaspekt: Nachdem Nika am Samstag in ihrem Einzel Silber gewonnen hatte, war Domen ein paar Tage lang der einzige Springer aus der Flieger-Familie ohne Olympiamedaille. Peter hat neben Gold im Mixed auch Silber mit der Männermannschaft in Peking gewonnen, dazu Silber und Bronze 2014 in Sotschi. Cene, 29, der Zweitälteste, sprang vor vier Jahren in Peking zusammen mit Peter im Team auf Platz zwei. „Ich habe nicht unbedingt den großen Druck gespürt, der einzige von uns ohne Medaille zu sein“, sagte Domen Prevc nun, „aber der Druck, den ich generell vor meinem letzten Sprung gespürt habe, war immens.“

Unten, im mit knapp 5000 Zuschauern fast ausverkauften Stadion, wehten auch Hunderte slowenische Fahnen. Die Erwartung in dem kleinen Land ist inzwischen riesig, was seine bedeutendste Sportfamilie angeht. Als Domen Prevc im Januar in einer dramatischen Nacht bei der Skiflug-WM in Oberstdorf seine Ski verlor, weil er sie oberhalb des Balkens nur angelehnt hatte und diese dann allein die Schanze hinunterfuhren, sorgte er nicht nur für ein ikonisches Bild. Vielmehr riefen die anschließenden Debatten und die Schadenfreude im Netz, wie er denn mit einer solchen Schusseligkeit die WM-Team-Medaille herschenken konnte, selbst Sloweniens Staatspräsidentin Natasa Pirc Musar rief das auf den Plan. Pirc Musar stellte sich auf Instagram mit großem Pathos als Anwältin hinter Prevc und das Team: „Das heutige Ergebnis habt ihr nicht verdient, leider gewinnt im Sport nicht immer Fair Play. Slowenien ist stolz auf euch, und die slowenischen Flaggen werden bei euren Sprüngen bis zum Ende der Saison und darüber hinaus hoch wehen.“

Ein Bild aus alten Tagen: Domen, Nika, Cene und Peter Prevc auf dem heimischen Sofa.
Ein Bild aus alten Tagen: Domen, Nika, Cene und Peter Prevc auf dem heimischen Sofa. (Foto: Gorazd Kavcic/AP)

Diese Familie ist ihnen heilig, und sie hält zusammen, kein Blatt Papier scheint zwischen die Geschwister zu passen. Sie loben auch ihre Eltern bei jeder Gelegenheit, wie Domen Prevc wieder nach dem Mixed-Springen in Predazzo: „Unsere Eltern haben nie wirklich Druck auf uns ausgeübt, aber uns immer sehr unterstützt, und dafür bin ich sehr dankbar. Sie stehen immer hinter uns, egal, wie wir abschneiden. Sie feuern uns immer an. Es ist ein großartiges Gefühl, ihnen etwas zurückgeben zu können.“

Wie es eigentlich für die anderen Springer in Slowenien ist, ständig in ihrem Schatten, dafür aber nicht so sehr in der Öffentlichkeit stehen zu müssen? „Es macht vieles leichter. Domen und Nika sind nun einmal derzeit die besten Skispringer der Welt und führen beide die Weltcupwertung an. Wir alle versuchen, sie zu schlagen“, sagte Anze Lanisek am Dienstag auf dem Podium – und wenn man mit ihnen im Mixed-Team springen darf, dann gibt es eben Gold.

Die kleinste Schwester? Ist auf einem Schulausflug und macht Ballett. Sie bricht lieber aus dem ewigen Familienkreislauf aus

Die Jüngste im Bunde, Ema, 16, fehlte allerdings in Predazzo. „Meine kleine Schwester war auf einem Schulausflug in London“, sagte Domen Prevc. Ohnehin tanzt sie ein wenig aus der Reihe, mit Skispringen kann sie nicht viel anfangen, sie macht Ballett. Und auch Cene hat nach seiner Skisprungkarriere seinen eigenen Weg eingeschlagen: als Betreiber des historischen Cafés „Homan“ in der Altstadt von Skofja Loka, unter der berühmten Homan-Linde. Und als Stand-up-Comedian, der mit seiner populären Gruppe Janezi durch ganz Slowenien tourt und inzwischen große Theater füllt.

Ema hat früh erkannt, dass es gut ist, vielleicht einen anderen Weg einzuschlagen, aus dem ewigen Familienkreislauf auszubrechen, der sich nur um eines dreht. Cene spürte schon während seiner Karriere, dass er mehr sein möchte als einer, der Tag für Tag Schanzen herunterspringt. Nika ist ihren Brüdern auf den Balken gefolgt, mit 20 Jahren hat sie nun schon fast alles erreicht. Wer weiß, vielleicht wird sie sich auch in ein paar Jahren sagen, dass das Leben mehr bereithält als ein paar breite Skier und den Adrenalin-Kick vor dem Absprung. Peter ist im System geblieben.

Und Domen? „Ich bewundere Cene für das, was er tut. Und ich glaube, ich bin wieder der Einzige, der nicht zu seiner Show gegangen ist. Ich muss mir das auch ansehen“, sagte er am Ende der Pressekonferenz in Predazzo mit einem Schmunzeln. Er habe gehört, es sei eine „verdammt gute Show“. Und manchmal, wenn er müde sei, denke er an Cene: „Er betreibt ein Café, er ist Comedian und dann ist er auch noch hier bei uns. Er ist übermenschlich.“ Dafür brauchte dieser Prevc nicht einmal Olympiagold zu gewinnen.