

Die Erschütterungen des Skandals um Jeffrey Epstein haben nun mit voller Wucht Europa erreicht. Ging es jenseits des Atlantiks in den vergangenen Jahren hauptsächlich um den früheren Prinzen Andrew, gibt es nun erste personelle Konsequenzen in der europäischen Politik.
Wie kann es da sein, dass in Washington ein stellvertretender Justizminister, der zufällig auch der frühere Strafverteidiger Donald Trumps ist, verkünden kann, dass man mit den Ende Januar veröffentlichten Akten in der Causa die Zusage, Transparenz herzustellen, für erledigt halte und es zu keinen weiteren Anklagen komme? Und, wie sich bisher zeigt, auch zu keinerlei politischen Konsequenzen.
Wo bleibt der öffentliche Aufschrei?
Die Fragen reichen aber tiefer: Warum gibt es unter Republikanern keine Debatte darüber, dass die veröffentlichten Akten auf wundersame Weise davon abgesehen über Trump kaum Neues hergeben? Und warum werden von Demokraten die Bilder Bill Clintons in Epsteins Whirlpool fast ausnahmslos als Versuch der Rechten gewertet, den politischen Gegner mit Schmutz zu überziehen? Wo bleibt der öffentliche Aufschrei über all das?
Die Causa Epstein und ihr Widerhall in der Politik und den Medien Amerikas offenbart, wie sehr zehn Jahre Trump nicht nur den öffentlichen Diskurs, sondern auch die politischen Gepflogenheiten verändert haben. In der höchst polarisierten Gesellschaft verfügt jeder politische Stamm über seine eigenen Fakten, im Zweifel alternative. Im linken Spektrum wird Epstein zur Jagd auf Trump benutzt. Im rechten zur Jagd auf dessen Antipoden – das Clinton-System. Die Wahrheit lässt sich ignorieren, ohne dass man Sanktionen zu fürchten hat.
Insofern ist der Fall Epstein nicht nur ein amerikanisches Sittengemälde über den Verfall einer amerikanischen Elite, die glaubt, sich alles leisten zu können – und sei es, zugekokst „Sex-Parties“ mit Minderjährigen „zu feiern“. Sondern auch eines über die Dekadenz der Politik in der populistischen Ära: Jede Lüge ist erlaubt, nichts hat irgendwelche Folgen.
Gewiss, auch im Amerika des Jahres 2026 gilt die Unschuldsvermutung – für Trump, für Clinton und für all jene Personen aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft, die über Jahre mit dem verurteilten Sexualstraftäter Kontakt pflegten, ihn auf seiner notorischen Insel, in Palm Beach und New York besuchten oder in seinem Jet, dem „Lolita-Express“, flogen. Wo keine belastenden Beweise vorliegen, kann es keine Strafverfolgung geben.
Warum aber bleibt es auch ohne politische Konsequenzen, wenn deutlich wird, wie vertraut man mit jenem Mann umging, der 2019 tot in seiner Gefängniszelle aufgefunden wurde, bevor ihm der Prozess wegen Menschenhandels zum Zwecke der Prostitution Minderjähriger gemacht werden konnte?
Washington will die Öffentlichkeit für dumm verkaufen
Clinton mag recht haben mit den Motiven des politischen Gegners. Doch stehen die Bilder des planschenden früheren Präsidenten auch für sich. Das Gleiche gilt selbstredend für den amtierenden Präsidenten, über den Epstein kurz vor seiner Verhaftung an dessen früheren Berater Steve Bannon schrieb: „Nun kannst du verstehen, warum Trump mitten in der Nacht schweißgebadet aufwacht, wenn er hört, dass du und ich Freunde sind.“
Oder für Epsteins im Gefängnis sitzende Komplizin Ghislaine Maxwell, die beim Besuch des besagten stellvertretenden Justizministers aussagt, sie habe nie gesehen, dass Trump sich irgendwie unangemessen verhalten habe – und hernach in ein Gefängnis mit deutlich leichteren Haftbedingungen verlegt wird.
Strafrecht hin, Unschuldsvermutung her: Washington glaubt, große Teile der Öffentlichkeit für dumm verkaufen zu können. Schließlich hat man sie selbst aufgehetzt: Sie befinden sich im Rausch und wollen nur das sehen, was dem anderen politisches Lager potentiell schadet.
Ende des Monats kommt es zum Showdown – gleichsam zur Mutter aller Schlachten der amerikanischen Politik: Trump gegen die Clintons. Bill und Hillary haben nach anfänglichem Widerstand eingewilligt, vor dem Kontrollausschuss vor Trumps Inquisitor im Kongress auszusagen. Mit Blick auf den amtierenden Präsidenten fügte das Power Couple hinzu, es solle ein Präzedenzfall geschaffen werden. Trump, soll das heißen, müsse ebenfalls aussagen.
Der vermeintliche Showdown wird ein Zirkus sein: Bill Clinton wird bei seiner Aussage bleiben, nichts über Epsteins kriminelle Machenschaften gewusst zu haben. In Wahrheit haben Clinton und Trump das gleiche Interesse – und das besteht nicht darin, Licht ins Dunkel zu bringen. So geht die Farce weiter.
Niemand darf sich wundern, wenn jene Leute, die sich nicht zu den neuen Stammeskämpfern Amerikas zählen, weiter Vertrauen in den Rechtsstaat und die Politik verlieren.
