Nathalie Armbruster wird an diesem Mittwoch in München in einer Kommentatoren-Kabine sitzen, ihre Analyse zum ersten olympischen Wettkampf der Nordischen Kombinierer in Predazzo und Tesero zum Besten geben – und wie immer auch kritische Worte finden. Denn wäre alles nach Wunsch gelaufen, hätte die meinungsstarke Gesamtweltcupsiegerin von 2025 gar keine Zeit gehabt, sich den Wettkampf aus der Ferne anzuschauen. Dann wäre sie selbst in dieser Disziplin am Start gestanden.
Aber es lief nicht nach Wunsch; die Kombiniererinnen sind, wie es das Internationale Olympische Komitee (IOC) vor vier Jahren beschloss, nicht zugelassen. Wie 2022 in Peking. Ihre Disziplin ist damit die einzige bei Winterspielen ohne Geschlechtergerechtigkeit. Für 2030 droht allerdings noch ein weitaus schlimmeres Szenario: Neben den Frauen könnten dann auch die Männer bei den Winterspielen in den französischen Alpen außen vor sein. Letztere sind seit der Internationalen Wintersportwoche in Chamonix, die nachträglich zu den ersten Olympischen Winterspielen deklariert wurde, dabei. Träte das Szenario ein, wäre es nicht weniger als der Ausverkauf eines olympischen Kernsports.

:Das gibt es noch im 21. Jahrhundert: eine Sportart, in der bei Olympia keine Frauen starten dürfen
Das IOC verwehrt Athletinnen die Teilnahme an der Nordischen Kombination. Das könnte das Ende dieser traditionsreichen Wintersport-Disziplin bedeuten.
Die Hauptargumente des IOC: zu wenige Athletinnen und konkurrenzfähige Nationen, zu geringe TV-Quoten und Vermarktungschancen auch bei den Männern, zu unattraktive Rennen und Zuschauerresonanz im Weltcup, zu wenig Reichweite auf Social Media. „Wir sind uns der Herausforderungen bewusst, vor denen die Nordische Kombination sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen steht“, sagte IOC-Sportdirektor Pierre Ducrey kurz vor Beginn der Winterspiele.
Am Mittwoch wird eine Delegation des IOC zum Gundersen-Wettkampf der Kombinierer erwartet – Gundersen deshalb, weil der Norweger Gunder Gundersen einst ein Verfahren entwickelte, bei dem das Skisprung-Ergebnis in Zeitabstände für den anschließenden Langlauf umgerechnet wird. Morgens dürfte sich die Gruppe, der womöglich auch IOC-Präsidentin Kirsty Coventry und Karl Stoss angehören, das Springen an der Schanze anschauen, mittags den Langlauf. Stoss gilt als mächtiger IOC-Funktionär, er ist Vorsitzender der Programm-Kommission, die vorschlägt, welche Disziplinen olympisch werden sollen, welche bleiben – und welche der olympische Tod ereilt.
Voraussichtlich im Mai wird das IOC darüber richten, ob es eine Zukunft für die Nordische Kombination gibt, und für Horst Hüttel, den Sportdirektor des Deutschen Skiverbandes (DSV) ist eines unausweichlich: „Es wird nur in eine Richtung gehen. Entweder die Frauen kommen für 2030 rein, oder die Herren gehen raus.“ Doch auch Hüttel fällt es wie vielen anderen schwer, eine Tendenz zu erkennen. Er nennt das IOC in dieser Angelegenheit eine „Blackbox“.

Die Männer protestierten bei den vergangenen Weltcups immer wieder, formten vor ihren Starts die Langlaufstöcke zu einem X, als Zeichen für das weibliche Chromosom. „Sie hätten es mehr als verdient, dabei zu sein“, findet der deutsche Kombinierer Johannes Rydzek, der in Armbrusters Richtung sagte: „Es hat mir das Herz gebrochen, als wir uns verabschiedet haben.“ Armbruster äußerte sich derweil im ZDF: „Ich habe mir die Eröffnungsfeier angesehen, aber es hat sehr wehgetan, da zuzuschauen und zu wissen: Ich wäre da vor Ort und könnte meinen Kindheitstraum leben – aber ich darf es nicht, weil ich eine Frau bin.“ Bereits Ende November hatte sie im SZ-Interview gesagt, dass sie die Nicht-Zulassung „mit Blick auf unsere Leistungen als diskriminierend“ empfinde.
Es geht auch um ihre Zukunft und die ihrer Kolleginnen, die einen Sport ausüben, der noch sehr jung ist, aber sich rasant entwickelt. Im Dezember 2020 fand der erste Weltcup in Ramsau in Österreich statt. Inzwischen kämpfen immer mehr Nationen ums Podium, immer mehr Athletinnen drängen an die Spitze. Aktuell, erzählte DSV-Sportdirektor Hüttel bei einem Pressetermin kurz vor den Winterspielen, würden zwei Drittel aller Mädchen, die skispringen, zugleich Langlauf betreiben. Nur welche Motivation hätten sie, wenn das IOC ihrer Disziplin keine Zukunft schenkt?
Bei den Männern kämpfen die Deutschen Vinzenz Geiger, Julian Schmid und Johannes Rydzek am Mittwoch im Gundersen-Wettkampf um Gold. Würden auch sie künftig aus dem Programm fallen, wäre das ein harter Schlag, gerade für die erfolgsverwöhnten Deutschen. Bundestrainer Eric Frenzel, selbst dreimaliger Olympiasieger und nun zum ersten Mal an der Seitenlinie bei Winterspielen, sagte am Montag hinsichtlich des angekündigten hohen IOC-Besuchs: „Natürlich ist es großartig, dass sie da sind und sich selbst ein Bild von unseren Wettkämpfen machen. Auch wenn ich mir gewünscht hätte, dass sie vorher mal zu einem Weltcup gekommen wären, um auch die Damen im Vorfeld zu sehen. Da geht es ja auch drum, zu sehen, was sie leisten.“
Es geht um Gleichberechtigung, Teilhabe, um Fördersummen für Trainerposten und Stellen für Spitzensportler bei der Polizei, beim Zoll und bei der Bundeswehr. Und am Ende geht es schlicht ums Überleben dieser Sportart. Denn ohne olympischen Status und ohne das Geld, das sie dafür erhält, hat sie wohl keine Chance mehr, sichtbar zu bleiben, und das nicht nur in Deutschland. „Es wäre absolut tragisch, wenn die Kombination aus dem Programm genommen wird. Früher oder später würde dies das Ende der Sportart bedeuten“, sagte Vinzenz Geiger. Und Österreichs bester Kombinierer Johannes Lamparter sprach in der SZ von einem „Schlag ins Gesicht“, würde sich das IOC tatsächlich gegen seine Sportart entscheiden. Der Gesamtweltcup-Führende hat durchaus Zukunftsängste: „Wenn wir nicht mehr olympisch sein würden, dann wird es einen Plan B geben müssen.“
Die Auswirkungen einer IOC-Entscheidung, die der Nordischen Kombination den Olympiaplatz entreißt, würden auch über diesen Sport hinausreichen, warnt Sportdirektor Hüttel. Denn die Schanzenanlagen würden, wie er sagt, auch von den Fördergeldern der Nordischen Kombinierer finanziert, Internate fürchteten um ihren Fortbestand. Aus Norwegen gebe es Berichte, wonach die Hälfte der Wintersport-Internate von der Nordischen Kombination abhängig sei. Hüttel spricht von einem drohenden „Voll-Fiasko“, auch im Hinblick auf Olympia 2030. Denn für die Winterspiele muss in Courchevel die Normalschanze für viele Millionen Euro renoviert werden. Fiele die Nordische Kombination weg, würde sie noch ganze zwei olympische Wettkämpfe beherbergen – und hätte danach ein massives Problem, wirtschaftlich betrieben zu werden.
