

Das Schöne an der Theologie ist ja, dass an ihr alles schon mal da gewesen ist, ihre großen Fragen stellen sich heute nicht zum ersten und letzten Mal, auch wenn sie ethisch aufgebrezelt manchmal diesen Eindruck erwecken, in Panik vor dem, was in der betrieblichen Bewirtschaftung der Gottesfrage als – weiterer – gesamtgesellschaftlicher Relevanzverlust droht. Dabei fehlt der Gottesfrage bis heute ihr Falsifikationskriterium, weswegen sie doch im Wesentlichen ungestört durch die Jahrhunderte kommt, weswegen es aber andererseits auch keinen theologischen Fortschritt gibt, der als solcher unter der „Kategorie der Transzendenz“ (Hans-Joachim Höhn) ausweisbar wäre.
Kein Wunder also, dass auch theologische Autoren früherer Zeiten direkt ins Heute hineinzusprechen vermögen, ihr Aggiornamento, ihre Verheutigung liegt gewissermaßen im Auge der sie gläubig oder ungläubig oder, wie man säkularisierungstechnisch jetzt auch vermehrt sagt: „indifferent“ betrachtenden Leserschaften (also womöglich religiös zwar informiert, aber persönlich unberührt, gleichgültig bleibend, eigentlich ein missionsgeschichtlicher Klassiker seit der Areopagrede des Paulus, doch nun unter anderem Namen neu problematisiert).
Ein theologisches Dilemma
Religiöse Indifferenz und kein Ende: Inzwischen hat auch die Zeitschrift für Theologie und Philosophie dazu (zu diesem erfahrungsoffen funkelnden Begriffsdesign „religiöse Indifferenz“) ein Themenheft vorgelegt, und zwar aus dem erklärten Impuls, das Fehlen existenziell bedeutsamer Bezüge zur Religion nicht allein pastoraltheologischen Studien (Jan Loffeld „Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt“) zu überlassen, sondern auch fundamentaltheologisch aufzugreifen, insofern zwar alte und neue Atheismen seit Langem zu den Pflichtmaterien einer systematisch-theologischen Glaubensbegründung gehören, wie es im Editorial heißt, solche Gottesfernen nun aber unter dem Label der Indifferenz fortgeschrieben werden sollen, womit die „subjektive Bedeutungslosigkeit“ eines Religionsbezugs gemeint ist.
Zwar kommt er, der Religionsbezug, in den Sortiermaschinen der sozialen Medien vor, man fasst ihn als einen weiteren Maßstab in diesen die Maßstäbe vervielfältigenden Informationsräumen. Doch gewinnt dieser Maßstab dort, so versteht man das Editorial, keine persönliche Bedeutung, die User bleiben, wiewohl daueraufmerksam, reaktionsbereit und insgesamt von hoher Vigilanz, ihrem Gegenstand gegenüber eben doch bloß indifferent verbunden, das heißt mit einer gewissen inneren Hohlheit taub für das, was sie sortieren und akkurat auf die informationellen Abläufe beziehen.
So ist die Frage der religiösen Empfänglichkeit, wenn man sie mit der theologischen Indifferenzforschung für verifizierbar hält, tatsächlich nicht unabhängig von den medialen, Maßstäbe lediglich aufblätternden Techniken beantwortbar, sofern diese die Konsistenz einer Lebensform erreichen. Religiöse Indifferenz würde sich so gesehen nahtlos in ein Lebensmodell der Indifferenz fügen, für die es keine Lösung gäbe, weil kein Problem bestimmt werden kann. Loffelds geflügeltes Wort „Wo nichts fehlt, wo Gott fehlt“ würde demnach nur einen Spezialfall einer fehlenden, breiter gefassten Vermissenskompetenz beschreiben.
Magnus Lerch weist in dem erwähnten Themenheft auf das theologische Dilemma hin, einerseits „den Menschen, denen ohne Gott nichts fehlt“, nicht etwa gegen deren Selbstinterpretation ein religiöses Bedürfnis unterstellen zu wollen. Andererseits aber doch „an der universalen Bedeutung der Gottesfrage“ festzuhalten und gleichzeitig einer „apriorischen Defizitperspektive auf religiös Indifferente“ zu entkommen. Kann es sein, dass man sich hier in der Theologie Zuständigkeiten zuschreibt, die an dem Befund einer fehlenden Vermissenskompetenz vorbeigehen, weil Letztere in die Ressortverantwortung der Einzelnen fällt?
Die Kompetenz, Maßstäbe auszubilden, die persönlich berühren und Konsequenzen der Lebensführung nach sich ziehen, obliegt im Zweifel ebenso wenig der Theologie wie den sozialen Medien. „Ein Bewusstsein von dem, was fehlt“, wie es Jürgen Habermas in seinen religionsphilosophischen Studien anmahnte, setzt eine innengeleitete Orientierungsfähigkeit voraus, wie sie von außen nicht einfach herunterzuladen ist.
