Der Sprung funktioniert, er endet ganz weit unten, Telemark, alles perfekt, Weite und Landung. Direkt danach ist im Auslauf der Olympiaschanze von Predazzo ein emotionaler Ausbruch zu erleben. Die Arme kreisen, der Kopf wackelt, aus dem Mund entweichen Jubellaute. Doch noch ist nicht ganz sicher, was Philipp Raimund schon ahnt und spürt. Die Wertung lässt auf sich warten, und als sie da ist, geht alles ganz schnell: Neben Raimunds Namen taucht die „1“ auf, das bedeutet: Er, der Skispringer aus Göppingen, ist Olympiasieger. Kurz darauf liegt er schon in den Armen seiner Teamkollegen, schreit vor Freude, ehe er auf den Schultern der anderen deutschen Skispringer Platz nimmt. Die Deutschlandfahne hat er sich um die Schulter gelegt, sein goldener Helm sitzt noch auf dem Kopf. Und dann hallt ein lauter Schrei durch das Val di Fiemme: „Ja!“
Danach war Raimund auch verbal kaum zu bremsen. Er spricht grundsätzlich schnell und schaffte es in Sekunden gefühlt 100 Worte unterzubringen: „Vor dem ersten Sprung war ich scheiße nervös. Vor dem Zweiten wusste ich, dass die Jungs vor mir riesige Weiten erzielt hatten. Ich musste was liefern. Ich weiß nicht, wie ich das geschafft habe. Ich bin Olympiasieger. Das ist unglaublich.“
Philipp Raimund (25) ist ein offener Mensch, ein nahbarer, extrovertierter Mann. Dass er so exaltiert jubeln würde, ist keine Überraschung. Sein Triumph im Zeichen der Ringe ist es ein bisschen. Raimund ist zwar längst ein Weltklassespringer, im Weltcup hat er schon eine Reihe von zweiten und dritten Plätzen gesammelt. Was allerdings noch fehlt, ist ein Tagessieg. Den hat er nun. Dass Raimund aber hier, in Predazzo, bei den 25. Olympischen Winterspielen gewinnen würde, war nach den Eindrücken der sechs Trainingsrunden gleichwohl keine Sensation mehr. Er gewann am Sonntag zwei von drei Runden, einmal wurde er Zweiter.
Spannende Flugshow im zweiten Durchgang
Die wichtigste Voraussetzung für einen Triumph auf einer Kleinschanze sind ein starker Absprung und eine famose Landung im Telemarkstil. Denn die Weitenabstände sind gering, es zählen die Noten der Punktrichter, die Flug und Aufsprung bewerten. Wichtiger noch ist die innere Ruhe angesichts der Anspannung. Denn Raimund bekam all das schon im ersten Durchgang hin, da führte er bereits mit einem geringen Vorsprung. 102 Meter, schlechter Wind, viele Kompensationspunkte und eine hohe Punktwertung hievten ihn auf Platz eins.
Im zweiten Durchgang entwickelte sich eine großartige Flugshow, die auf einer kleinen Anlage in dieser Form sehr selten ist. Große Weiten waren zu sehen, dem 18-jährigen Kacper Tomasiak gelang ein Satz auf 107 Meter, das war der Topsprung des Abends und lange Zeit die Führung für den Polen. Raimund flog 106,5 Meter weit, er bekam hohe Haltungsnoten, zweimal die 19,5, einmal die 19,0 – 20,0 ist der Höchstwert. Außerdem bekam er mehr Windpunkte als Tomasiak. Es musste reichen. Und es reichte.
Aufgrund der Doping-Manipulationen, einem in manchen Ländern nicht oder nur unzureichend existierenden Kontrollsystem und teilweise bislang nicht nachweisbaren verbotenen Substanzen übernimmt die Redaktion keine Gewähr für die Richtigkeit der Angaben. Eingefrorene Proben dürfen zehn Jahre lang nachkontrolliert werden. Mit dem endgültigen Ergebnis ist erst nach Ablauf der Verjährungsfrist 2036 zu rechnen.
Ein Kuriosum am Rande: Hinter Raimund und Tomasiak gab es zwei Bronzegewinner: Ren Nikaido aus Japan, einer der Mitfavoriten, und Gregor Deschwanden aus der Schweiz. Das war eine ähnlich große Überraschung wie Silber für Tomasiak, denn Deschwanden hatte in der gesamten Saison große Probleme.
Bundestrainer Horngacher jubelt ausgelassen
Siege befreien und verwandeln zurückhaltende Menschen in hüpfende, ausgelassen feiernde Personen. Das war nach Raimunds zweitem Sprung an Stefan Horngacher zu beobachten, einem eher sachlichen Österreicher. Am Montagabend aber jubelte er beseelt und sagte: „Einen Athleten zum Olympiasieger zu coachen, war immer das Ziel. Aber das ist nicht leicht, zu erreichen.“ Er habe gespürt: „Seit wir hier in Predazzo sind, läuft es wie geschmiert. Philipp hat die Sprünge im Wettkampf super heruntergebracht. Ich bin sehr, sehr zufrieden.“
Im Schatten von Raimund platzierten sich die anderen deutschen Springer. Felix Hoffmann, auch er war im Training stark, belegte nach einer misslungenen Landung im ersten Durchgang Rang 13. Andreas Wellinger – Olympiasieger von der Kleinschanze 2018 – wurde 17., Pius Paschke fand sich auf Platz 23 wieder.
Am Dienstagabend geht es gleich weiter für den Olympiasieger und nach Lage der Dinge für Hoffmann: In Predazzo steht der Mixed-Wettbewerb an. Zwei Männer und zwei Frauen bilden ein Team. Nach den Vorleistungen des Montags ist das deutsche Team mindestens ein Medaillenkandidat.
