Starmers Bauernopfer im Epstein-Skandal | FAZ

So spektakulär geht ein Schuss in der Politik selten nach hinten los. Peter Mandelson war gerade für seine Fähigkeiten zum Netzwerken als Botschafter nach Washington geschickt worden, wie die britische Presse seinerzeit berichtete. Genau das bringt nun nicht nur ihn selbst zu Fall, sondern auch den Premierminister in Bedrängnis, der ihn entsandt hatte.

Es mag sein, dass Starmer wirklich erst jetzt vom Ausmaß der Freundschaft erfahren hat, die Mandelson mit Epstein pflegte. Aber dass die beiden sich kannten und dass der Amerikaner eine äußerst zwielichtige Figur war, das wusste Starmer vor einem Jahr, als er den neuen Botschafter auswählte. Der Verdacht liegt nahe, dass er sich gerade deshalb für Mandelson entschied, weil der sich in den trüben New Yorker Elitezirkeln zu bewegen wusste, denen neben Epstein vor allem Trump angehörte.

Der Aufstieg von Reform UK

Starmer versucht, die Affäre nach dem üblichen Drehbuch zu bewältigen. Auf die Beteuerung, Mandelson habe ihm nicht alles gesagt, folgte der Rücktritt seines Stabschefs. Das ist ein typisches Bauernopfer, denn die politische Verantwortung liegt nie bei einem Berater, sondern beim Regierungschef selbst.

Dass Starmer damit auch in den eigenen Reihen erst einmal nicht für Ruhe sorgen konnte, liegt allerdings auch am Gesamtbild seiner Regierung. Die schlechten Umfragewerte für Labour und der Aufstieg von Reform UK, den der Premierminister bisher nicht bremsen kann, sind der Hintergrund, vor dem die innerparteiliche Krise nun schwelt.

Immerhin haben solche schwerwiegenden Fälle in Großbritannien noch politische Folgen. Betrachtet man die Vereinigten Staaten, von denen die Sache ausgeht, fragt man sich, worüber man sich mehr wundern soll: darüber, dass Dokumente vorliegen, nach denen Mitglieder der Oberschicht des Landes jahrelangen Umgang mit einem Sexualstraftäter pflegten, der sich noch dazu in die Politik einzumischen versuchte, oder darüber, dass es ihnen wenig schadet, allen voran dem Präsidenten.