

Als Can Sürücü den Raum im Roten Rathaus betritt, senkt er den Kopf. Die Öffentlichkeit ist nicht sein Ort. Aber jetzt steht er hier, neben ihm Kai Wegner, der Regierende Bürgermeister von Berlin.
Vor 21 Jahren wurde die Deutsch-Kurdin Hatun Sürücü Opfer eines „Ehrenmords“. Ihr Name wurde zum Symbol – für Gewalt im Namen der sogenannten Ehre, für das Versagen von Schutzmechanismen, aber auch für den Mut einer Frau, die ein selbstbestimmtes Leben wollte. Zugleich verschwand ihr Sohn aus der Öffentlichkeit. Heute ist er zurückgekehrt, um kurz nach dem Todestag seiner Mutter am 7. Februar an sie zu erinnern und auf „Ehrenmorde“ aufmerksam zu machen.
Mitorganisiert hat die Veranstaltung die Neuköllner Integrationsbeauftragte Güner Balci. Es sei die Geschichte einer einzelnen Frau und zugleich die Geschichte vieler junger Mädchen, sagt sie. Eine Geschichte, die gezeigt habe, „dass wir in Deutschland ein massives Problem haben, wenn Menschen ihr Leben nicht frei leben dürfen – und dafür bedroht, kontrolliert oder am Ende getötet werden“.
„Diese Geschichte geht uns alle etwas an“
Es geht an diesem Morgen also nicht nur um Can Sürücü. Es ist die Geschichte vieler Frauen aus streng patriarchalen Kulturkreisen. „Diese Geschichte geht uns alle etwas an“, sagt Balci. Der Mord an Hatun Sürücü habe Berlin verändert und eine Debatte angestoßen – über Integration, patriarchale Gewalt und kulturelle Konflikte, die lange nicht benannt wurden.
Lange blieb eine Frage unbeantwortet: Was ist aus dem Kind geworden? Hatun Sürücü hinterließ einen sechsjährigen Sohn. An die Nacht des Mords erinnert er sich nur bruchstückhaft, wie er im Podcast „Besuchszeit“ erzählte: an sein Kinderzimmer, an den Moment, in dem die Polizei die Wohnung stürmte – viele Beamte, volle Montur, hastiges Packen. „Ich wusste gar nicht, was passiert ist“, sagt er. Niemand sagte ihm, warum er mitgenommen wurde oder wo seine Mutter war. Die Wohnung durfte er nie wieder betreten. Wie erklärt man einem Kind, dass die eigene Mutter von ihrem Bruder, seinem Onkel, erschossen wurde, im Namen einer vermeintlich beschmutzten Ehre?
Erst mit 14 Jahren wurde ihm das Schicksal seiner Mutter erklärt
Can Sürücü verschwand aus der Öffentlichkeit und erhielt eine neue Identität, einen neuen Namen, wuchs fern von Berlin bei Adoptiveltern in Reutlingen auf. Aus Sicherheitsgründen blieb sein Aufenthaltsort lange geheim, auch um ihn vor Zugriffen aus der eigenen Herkunftsfamilie zu schützen. Erst mit 14 Jahren wurde ihm erklärt, was mit seiner Mutter geschehen war: Für ihn sei in diesem Moment „alles zusammengebrochen“. Die Jahre danach beschreibt er als Absturz. Aggressionen, Drogen, falsche Kreise, Wohngruppen. Später die Diagnose posttraumatische Belastungsstörung.
Jetzt ist er auf der Suche nach Bildern, nach Erzählungen, nach Spuren seiner Mutter in dieser Stadt. Als er sich ungeplant vor wenigen Wochen in sozialen Medien an die Öffentlichkeit wagte, hatte er nicht erwartet, dass das Thema noch so viele bewege. „Viele Frauen meldeten sich bei mir und erzählten, dass sie Ähnliches erfahren haben.“ Im Raum sitzen Vertreterinnen migrantischer Organisationen, Schutzvereine, Aktivistinnen. Ihre Berichte verweben sich zu einem düsteren Bild. Frauen, die verzweifelt Hilfe suchen. Organisationen, die am Limit arbeiten, mit gekürzten Budgets, wenigen Plätzen.
„Dann ist bei der Integration etwas schiefgelaufen“
Da richten sich viele Blicke auf Kai Wegner. Er zeigt sich berührt und spricht davon, dass das Problem seit Jahren verklärt werde. „Ich habe immer wieder den Eindruck, dass bestimmte Dinge nicht benannt werden dürfen.“ Wer sie dennoch benenne, „kriegt sofort die Rassismuskeule geschwungen“. Aber wenn man Probleme nicht benenne, werde man sie auch nicht lösen. Es gebe zu viele Femizide, sagt Wegner, viel zu viele. „Aber es gibt eben auch ‚Ehrenmorde‘.“ Beides müsse gesagt werden dürfen. „Diese Worte muss man anwenden. Sonst kommen wir nicht weiter.“ Gewalt im Namen der vermeintlichen Ehre dürfe nicht relativiert oder sprachlich eingeebnet werden.
Die Eltern von Hatun Sürücü hätten mehr als 30 Jahre in Berlin gelebt – und dennoch sei es zu dieser Tat gekommen. „Dann ist bei der Integration etwas schiefgelaufen“, sagt Wegner. Da müsse angesetzt werden: beim Schutz von Mädchen und Frauen und beim Aufbau von klaren staatlichen Strukturen.
Güner Balci und Sevil Yildirim von Madonna e.V. widersprechen der verbreiteten Praxis, „Ehrenmorde“ als Femizide zu bezeichnen, weil sie darin eine gefährliche Verharmlosung sehen. „In der Öffentlichkeit wird inzwischen gesagt: Nein, man soll nicht mehr von ‚Ehrenmord‘ sprechen, sondern nur noch von Femizid“, sagt Balci. Für sie ist das kein semantischer Streit. „Für die Betroffenen ist doch entscheidend, dass wir die Ursachen erkennen.“
Yildirim wird noch deutlicher. „Wenn mir gesagt wird, ich darf dieses Wort ‚Ehrenmord‘ nicht mehr benutzen, dann habe ich ein Problem.“ Nur noch von Femizid zu reden, sei ein Rückschritt. In ihrer Einrichtung seien die Mädchen von Zwangsheirat und Ehrgewalt betroffen. Manche würden nicht in Deutschland getötet, sondern ins Herkunftsland gebracht und dort ermordet. Fälle, die in keiner Statistik auftauchten. Was fehle, sagt Yildirim, seien Schutzräume, es gebe zu wenige Plätze.
Can Sürücü sagt wenig an diesem Morgen. Aber dass er hier sitzt, zeigt, dass er sich seine eigene Geschichte vorsichtig zurückerobern will – und die seiner Mutter.
