
Nun sind sie ganz nah beieinander. Und das für die Ewigkeit. Hier die „Charritos“, gleich um die Ecke die Familie Torres Félix. Früher haben sie ohne zu zögern aufeinander geschossen, aber das war zu Lebzeiten. Heute findet man die sterblichen Reste vieler Größen der mexikanischen Mafia auf dem Friedhof Jardines del Humaya in Culiacán, einer Großstadt im Norden des Landes. Dort ruhen sie in Grabstätten, die man ohne Übertreibung als Paläste bezeichnen kann.
Die meisten Mausoleen sind fest verschlossen. Auch das der Torres Félix. Doch hinter einer mit schwarzen Eisenornamenten verzierten Tür eines mehrstöckigen klassizistischen Baus schimmert ein Porträt der beiden Männer, die hier ihre letzte Ruhe fanden: Familienvater und Mafiachef Manuel, kurz „M 1“, und sein Sohn Anastasio.
Ein paar Meter weiter steht das Haus der „Charritos“, einer Bande von Mördern des berüchtigten Beltrán-Leyva-Kartells. Auch sie ließen sich ihre Grabstätte was kosten. Die Toten liegen in einem modernen, minimalistisch gehaltenen Gebäude: klare geometrische Formen, großflächige Glastüren. Auf dem Dach thront ein Kreuz.

„Warum eigentlich so viel Hass, wenn man letztlich wieder als Nachbarn endet?“, fragt sich Martín Durán, während er durch eine Gasse des Friedhofs läuft. Der 39 Jahre alte Mexikaner, kurze Haare, ebenso kurz geschnittener Bart, helle Jeans, weiß viele Geschichten über die Kriminellen zu erzählen, die in den Jardines de Humaya begraben sind.
Als Journalist beschäftigt er sich seit Langem mit den Verbrechern aus dem hiesigen Bundesstaat Sinaloa. Gelegentlich führt er wie jetzt Fremde durch Culiacán und zeigt ihnen die einschlägigen Orte einer Stadt, die wie kaum eine andere von der Mafia geprägt ist. Das Thema begleitet ihn seit seiner Geburt: Er stammt aus einem der Dörfer, die als Wiege der „Narcos“ gelten. „Mit ihnen bin ich aufgewachsen.“

Auch heute noch leben viele Angehörige der Mafia in Gemeinden wie Badiraguato, El Álamo oder Jesús María. In den fruchtbaren Bergen der Sierra Madre Occidental sind nicht nur die Familien Beltrán Leyva und Félix Torres groß geworden. Auch der berühmte Joaquín „El Chapo“ Guzmán, der ehemalige Anführer des Sinaloa-Kartells, sowie dessen langjähriger Geschäftspartner Ismael „El Mayo“ Zambada stammen aus der Gegend. Beide begannen hier ihre Karriere mit dem Anbau von Marihuana und Schlafmohn für die Opiumproduktion.
Inzwischen zählt ihr Kartell zu den weltweit berüchtigtsten kriminellen Organisationen. Ihren Reichtum erwirtschaften sie mittlerweile auch mit der Herstellung und dem Schmuggel des synthetischen Opioids Fentanyl, mit Waffenhandel, Prostitution, illegalem Bergbau und dem Eintreiben von Schutzgeldern.
Ein exklusives Totendorf
Trotz ihrer internationalen Geschäfte ist Sinaloa die Heimat der traditionellen Mafia geblieben. Hier werden deren „Wohltaten“, ihre Geschenke an Arme und Kirchen, in „Narco-Corridos“ besungen, hier besitzen sie zahlreiche Immobilien. Und hier haben viele ihren verstorbenen Liebsten in den Jardines de Humaya protzige Denkmäler geschaffen.
1969 wurde der Privatfriedhof für Politiker, Unternehmer und andere Wohlhabende eröffnet, in den Neunzigerjahren entdeckten die Kriminellen die Gärten. Mittlerweile ist dort ein kleines Totendorf entstanden. „Einige haben ihr eigenes Grabmal schon zu Lebzeiten bauen lassen“, erklärt Durán.

Zwischen engen Gassen und Straßen stehen Dutzende der kleinen Villen. Einige Mausoleen werden von Marmorsäulen getragen, andere zieren Balkone mit schmiedeeisernen Geländern und Kuppeln mit Kreuzen. Moderne mehrstöckige Bauten reihen sich an Häuser im Stil traditioneller Kapellen. Einige verfügen über Küchen, Schlafzimmer, Festsäle, Klimaanlagen und Wi-Fi. „Wir können bestenfalls davon träumen, in solchen Palästen zu leben“, sagt Durán. Dann geht er noch mal zur Gruft der Beltrán Leyvas. „Nachdem im Krieg von 2008 sein Sohn getötet wurde, hat Félix Torres versucht, Angehörige von Arturo Beltrán Leyva zu ermorden.“
Jedes Grab erzählt eine Geschichte. Aufschreiben will sie der Journalist nicht mehr. Zu gefährlich. Als 2017 ein Kollege ermordet wurde, verließ er für drei Jahre die Stadt. Jetzt will er nicht mehr den Helden spielen. Doch Vergangenheit und Gegenwart liegen hier eng beieinander. Viele alte Mafiafamilien sind weiterhin im Geschäft, auch sie besuchen den Friedhof. Wohl deshalb sagt man in Culiacán, die Bauten würden auch für geschäftliche Angelegenheiten genutzt. Etwa, um Geld zu lagern oder Deals abzusprechen.

Das mag einer der vielen Mythen sein, die sich um die Kriminellen ranken. Die nötigen Räume haben die Verbrecher jedenfalls geschaffen. Manche Mausoleen werden mit Kameras überwacht, und die stabilen Scheiben scheinen Schüssen standzuhalten. Auch wenn an diesem heißen Vormittag keine eindeutig zu erkennenden Beobachter zu sehen sind, dürften die Gärtner und Bauarbeiter ein Auge auf unbekannte Besucher werfen. Und natürlich auch auf die jeweils gegnerischen Familien. Die Rivalitäten, die auf dem Friedhof durch die Opulenz der Grabstätten zum Ausdruck kommen, haben im echten Leben noch lange kein Ende gefunden.
Es vergeht kaum ein Tag ohne Schießereien
Seit Sommer vergangenen Jahres toben in Culiacán Kämpfe um die Macht im Sinaloa-Kartell. Damals wurde El Mayo Zambada von einem Sohn El Chapos in einem Flugzeug in die USA entführt und dort festgenommen. Der Hintergrund: Die Guzmáns kooperieren offenbar mit der Antidrogenbehörde der USA, um für ihre dort einsitzenden Angehörigen, unter ihnen Familienvater El Chapo, bessere Haftbedingungen oder frühzeitige Entlassungen zu erreichen. Auf Kosten des ehemals verbündeten El Mayo, der immerhin Patenonkel seines Entführers ist – auch das eine dieser Geschichten, die wie viele aus Sinaloa den Stoff für eine Netflix-Produktion liefern.
In Culiacán vergeht seither kaum ein Tag ohne Schießereien. Mehr als 2000 Menschen fielen den Kämpfen schon zum Opfer. Geschäfte bleiben geschlossen, Häuser werden niedergebrannt, vom einst turbulenten Nachtleben ist nichts mehr zu spüren. Wer kann, bleibt zu Hause. Das Auswärtige Amt rät dringend davon ab, nach Sinaloa zu reisen. Auch unbeteiligte Touristen könnten ins Kreuzfeuer geraten, warnt die Behörde. Nur für den Zug „El Chepe“, der Einheimische und Urlauber durch den Kupfer-Canyon führt, gibt die Behörde grünes Licht. Dabei sind die Berge der Sierra Madre Occidente eines der wichtigsten Drogenanbaugebiete Mexikos.

Die Ruhe zwischen den Mausoleen, Blumen und Bäumen in den Gärten von Humaya lässt die Kämpfe in der Stadt fast vergessen. Außerhalb des Friedhofs ändert sich das schnell: Überall stehen schwer bewaffnete Soldaten, Nationalgardisten oder Polizisten. Duráns Weg führt durch die Stadtviertel, in denen viele der einschlägigen Familien wohnen. „Aus diesem Haus konnte El Chapo durch ein Tunnelsystem flüchten, als sie ihm auf den Fersen waren“, erzählt er und zeigt auf eine unbewohnt wirkende Villa.
Elf Häuser waren laut Staatsanwaltschaft in das unterirdische System eingebunden. Derzeit hätten aber viele der Mafiafamilien die Stadt vorübergehend verlassen, sagt Durán. „Die haben genug Geld und können hingehen, wohin sie wollen.“
Wenig später führt seine Tour zu einem Einkaufszentrum. Mitten auf dem Parkplatz des „City Clubs“ hat die Familie von El Chapo Guzmán ein kleines Denkmal für ihren verlorenen Sohn Edgar errichtet. Ein schlichtes Steinkreuz auf einem Podest erinnert daran, dass der junge Mann hier 2008 von Rivalen erschossen wurde. Ab und zu legen die Angehörigen Gestecke und Blumen ab. Doch auch ungebetene Gäste kamen schon vorbei: Anfang vorigen Jahres sprengten Unbekannte einen Teil des Sockels mit einer Bombe.

Etwa 20 Autominuten vom „City Club“ entfernt küsst ein Mittvierziger, der sich als José González vorstellt, die Stirn von Jesús Malverde. Genau genommen ist es natürlich nur eine Büste des Schutzheiligen der Mafia, die in einem Gebäude an einer vierspurigen Straße steht. Der Wallfahrtsort, an dem Kriminelle angeblich um ein gutes Gelingen ihrer Verbrechen bitten, ist längst zu einer Touristenattraktion geworden. Und González kümmert sich darum, dass das Geschäft mit Malverde läuft.
An fast jeder Ecke steht dessen Büste mit dem schwarzen Schnauzer und dem weißen Hemd. Die Wände dahinter sind bedeckt mit Dollarscheinen, Grußworten und Postkarten, zahlreiche Fotos von Verstorbenen verweisen auf Besucher aus aller Welt, die sich durch ein Gebet am Altar oder eine Spende etwas Glück versprechen. „Schütz uns vor allen Gefahren“, bitten etwa „Miguel C. und Familie“. Am Ausgang bietet González Devotionalien zum Kauf an: Schlüsselanhänger mit kleinen Plastikpistolen, Ketten, Kerzen und Anhänger mit dem Konterfei Malverdes.

Dass sein Heiliger nur die Kriminellen schütze, wie viele behaupteten, sei eine Lüge, betont der Mittvierziger: „Er hat die Reichen ausgeraubt und den Armen gegeben.“ Ob es den Robin Hood aus Sinaloa aber überhaupt gab, weiß niemand. Der Legende nach ließ der Gouverneur seine Leiche 1909 zur Abschreckung öffentlich aufhängen.
Derzeit bringt Malverde aber selbst seinen treuesten Anhängern kein Glück. Das Geschäft laufe nicht so gut, sagt González. „Wegen der Gewalt in Culiacán kommen gerade kaum Menschen hierher.“ Journalist Durán blickt auf die Ansammlung von Narco-Devotionalien und Heiligenkitsch. Auf den Schutz Malverdes, das verrät sein Gesichtsausdruck, wird er sich nicht verlassen.
