
„Einmal schöne Spiele erleben“ – dieser Gedanke treibt Franziska Preuß an. Die Olympischen Spiele in Italien werden ihre vierten. Wenige Sportlerinnen schaffen das in einer einzigen Karriere. Für Preuß ist es die letzte Chance, mit dem Gewinn einer Einzelmedaille zu den erfolgreichsten Biathletinnen der Geschichte aufzuschließen. In ihrer Sportart lasten alle Hoffnungen des Deutschen Skiverbandes (DSV) auf der 31 Jahre alten Bayerin, nachdem in der bisherigen Saison weder Frauen noch Männer ein Weltcup-Rennen gewinnen konnten.
Doch Preuß’ Weg zum Saisonhöhepunkt in Antholz verläuft ganz anders als erwartet. Die in der Vorsaison – ihrer bisher erfolgreichsten – hart erarbeitete Gelassenheit weicht bald Anspannung und Grübelei. Wie passiert das einer Sportlerin, die sich nach vielen Rückschlägen schon eine gewisse Resilienz erarbeitet hatte?
Ende Oktober 2025, Messe Nürnberg: Bei der Einkleidung des DSV bekommen die Biathletinnen und Biathleten ihre Ausstattung für die Wintersaison. Franziska Preuß trägt beim anschließenden Medientermin, wie immer seit der Corona-Pandemie, eine FFP2-Maske über Mund und Nase. Sie wirkt entspannt.
Diesen Eindruck bestätigen auch Bundestrainer Kristian Mehringer und DSV-Sportdirektor Felix Bitterling. Sie sagen, mit den Erfolgen der Vorsaison sei eine Last von ihrer erfahrensten Athletin abgefallen, weil sie endlich einmal eine Saison lang gesund und „im Flow“ geblieben ist.
Franziska Preuß und die Jagd nach der Norm
Ende November 2025, Saisonauftakt in Schweden: Als Gesamtweltcupsiegerin und Verfolgungsweltmeisterin steht Franziska Preuß im Fokus der Aufmerksamkeit. Mit einem guten Gefühl habe sie die Vorbereitung abgeschlossen, sagt sie und ist „gespannt, was meine Form im internationalen Vergleich wert ist“. Doch nach vier Schießfehlern und Platz 29 im Einzelrennen ist erst mal wieder Schluss.
Aufgrund der Doping-Manipulationen, in manchen Ländern nicht oder nur teilweise bislang nicht nachweisbaren verbotenen Substanzen, übernimmt die Redaktion keine Gewähr für die Richtigkeit der Angaben. Da die Verjährungsfrist für Doping-Vergehen erst nach zehn Jahren abläuft, kann sich die Reigenfolge durch positive Nachtests bis zum 22. Februar 2036 verändern.
Corona und Influenza bremsen sie aus – trotz der selbst auferlegten Maskenpflicht. Den zweiten Weltcup in Österreich lässt sie aus, erholt sich zu Hause. Ihr Ziel bleibt, bis Weihnachten die nationale Norm für die Olympischen Spiele zu erfüllen, die Voraussetzung für eine Nominierung ist. Einmal unter die besten acht oder zweimal in die Top 15 müsste sie es dafür schaffen. Doch die Zeit läuft davon.
Das letzte Wochenende vor Weihnachten, Weltcup in Annecy: geschafft. Franziska Preuß wirkt erholt nach der langen Krankheitspause. Mit einem Schießfehler wird sie Sechste im Massenstart. Die Jagd nach der Norm, die „ein bisschen im Hinterkopf“ gewesen sei, ist beendet. Doch vollends zufrieden tritt sie die Weihnachtspause nicht an. Ein Podestplatz fehlt noch. Im Verfolgungsrennen schießt sie zwar fehlerfrei, wird aber trotzdem nur Elfte. In der Loipe beträgt ihr Lauf-Rückstand auf Siegerin Lou Jeanmonnot fast anderthalb Minuten.
Der Hund als Mentalcoach
Anfang Januar 2026, Weltcup in Oberhof: Die verpassten Rennen im Dezember werden zur Belastung. Franziska Preuß hadert nicht nur mit den Fehlern am Schießstand, sondern auch mit ihrer fehlenden Laufform. Die sei „noch nicht bei 100 Prozent“, sagt sie vor Beginn des ersten Weltcups im Olympia-Jahr. Woran es liegt? Ratlosigkeit. Sie hofft weiter, „dass ich in Antholz meine besten Rennen zeigen kann“.

Mitte Januar, Weltcup in Ruhpolding: Die Gelassenheit ist endgültig der Verunsicherung und Verkrampfung gewichen. Bei den Rennen in ihrer Heimat sind Preuß’ Gesichtszüge angespannt, der Mund verbissen, die Augenbrauen zusammengezogen. Auch in ihrem Inneren scheint es zu rumoren. Im Staffelrennen muss sie eine Strafrunde laufen, weil auch ihre drei Nachladepatronen nicht ins Schwarze treffen. Wie ein „Gegner“, der Stress in ihrem Körper verursache, fühle sich die Extramunition für sie an.
In den Einzelrennen läuft es besser, im Sprint schießt sie fehlerfrei und wird Fünfte – doch das bestätigt die Erkenntnis aus dem Dezember: Selbst ein perfektes Rennen reicht nicht für ganz vorn. Zufrieden ist sie nicht und kündigt an, die letzten Einzelrennen vor den Olympischen Spielen in der Tschechischen Republik laufen zu wollen, während sich der Großteil des deutschen Teams auf das Höhentrainingslager in Südtirol vorbereitet.
Es ist ihre letzte Chance vor den Spielen, Selbstvertrauen zu sammeln. Ihre Ergebnisse nach der Krankheit im Dezember waren keine schlechten, trotzdem fehlte immer etwas. „Rennkilometer“ will sie deshalb in Nove Mesto sammeln, sagt sie, „in Verbindung mit Schießen unter hoher Belastung. Die Platzierungen sind komplett ausgeklammert.“
Mitte Januar, nach dem Weltcup in Ruhpolding: Franziska Preuß verbringt ein paar Tage zu Hause, ehe es auf die lange Fahrt nach Nove Mesto geht. Versucht, sich von Resultaten und Grübelei abzulenken. Auf Instagram postet sie ein Foto von sich und dem Hund ihrer Eltern, mit dem sie oft in den Bergen unterwegs ist, und schreibt dazu: „Bester Mentalcoach“. Den Hund habe sie gern um sich, vor allem im Winter, wo sie sich oft zurückziehen müsse, erzählt sie im Telefonat. „Dann ist man als Mensch alleine, aber mit dem Hund doch nicht alleine.“
„Härteste Zeit, die ich als Sportlerin durchgemacht habe“
Eine Woche später, Weltcup in Nove Mesto: Trotz zweier Schießfehler erreicht Preuß mit dem dritten Platz im Einzel ihr bisher bestes Saisonergebnis und schafft es erstmals aufs Podium. Erleichterung. Eine Hürde, die nun überwunden sei, so beschreibt sie das später.
Platzierungen sind eben doch die Währung im Spitzensport, selbst wenn sie angeblich ausgeklammert sind. Allein die Aussagekraft der Ergebnisse von Nove Mesto ist fragwürdig. Nicht mehr alle Konkurrentinnen sind so kurz vor den Winterspielen angereist. Die besten Schwedinnen und Norwegerinnen bereiten sich in Trainingslagern auf die Wettkämpfe vor.
Der „schlechteste Massenstart seit Langem“
Preuß’ Rückstand auf die zwei besten Athletinnen aus Frankreich beträgt eine Minute. Im Massenstart, dem letzten Rennen vor Beginn der Spiele, wieder ein Rückschlag: Nach drei Schießfehlern kommt sie als 13. ins Ziel. Der Optimismus ist verflogen, das Grübeln zurück. Den „schlechtesten Massenstart seit Langem“ nennt sie das Rennen. Der Frust sitzt tief, mit gemischten Gefühlen tritt sie die Heimreise an. „Wieder frisch werden im Kopf“ sei nun das wichtigste Ziel in der unmittelbaren Vorbereitung auf Antholz. Sie erlebe „gerade keine gute Phase, aber ich gebe nicht auf“.
Ende Januar, noch eine Woche bis zur Eröffnungsfeier: Unmittelbar vor der Abreise ins Trainingslager nach Obertilliach schaltet sich Franziska Preuß von zu Hause aus in eine digitale Medienrunde ein. Sie sagt, dass die laufende Saison die letzte ihrer Karriere sein wird, und spricht über ihre Erwartungen an die Olympischen Spiele.
Ihre Erinnerungen an die bedeutendsten Wettkämpfe im Leben einer Sportlerin – so werden sie immer wieder bezeichnet – sind bisher keine guten. Die Goldmedaillen gewannen jedes Mal andere. 2014 in Sotschi wirkt sie als 19-Jährige überfordert, sollte auf Anhieb an die Erfolge von Magdalena Neuner anknüpfen.
Als die „härteste Zeit, die ich als Sportlerin durchgemacht habe“, beschreibt sie diese Erlebnisse heute. In Pyeongchang 2018 erlebt sie Spiele in Kälte und Dunkelheit, mit wenig Atmosphäre, weil alle Rennen spät abends stattfinden. Zum Star wird in Südkorea Laura Dahlmeier. 2022 dann die sterilen Pandemie-Wettkämpfe in Peking. Zuvor stürzt Preuß noch die Treppe hinunter und infiziert sich mit Corona. Denise Herrmann-Wick wird Einzel-Olympiasiegerin.
Immerhin gewinnt Preuß dort mit der Staffel Bronze, ihre erste und bisher einzige olympische Medaille. Als sie im vergangenen Dezember zur Sportlerin des Jahres gewählt wird, erzählt sie, dass der Gedanke an das Karriereende schon nach dem Gewinn des Gesamtweltcups präsent gewesen sei, dass sie im Sommer aber die Motivation angetrieben habe, einmal „schöne Olympische Spiele zu erleben“.
WM-Titel sind nicht genug
Woran scheiterte das bisher, und wann wären es für sie die erhofften schönen Olympischen Spiele? „Zum einen war die eigene körperliche Verfassung bei den Spielen nie optimal“, sagt sie. „Das hat so viel Energie gezogen. Und das Drumherum, wie es dort war – so stellt man sich als Kind Olympische Spiele nicht vor. Die Chance hat man nicht oft, dass man Spiele so nah an der Heimat mit Fans und Familie erleben kann, deswegen musste ich dem noch mal eine Chance geben. Ich hoffe, in einen positiven Flow zu kommen, unabhängig von Resultaten. Und ich habe die Hoffnung, dass es schöne Erinnerungen werden, dass man es genießen und die Atmosphäre aufsaugen kann.“
Sechs Rennen, beginnend mit der Mixed-Staffel an diesem Sonntag (14.05 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zu Olympia 2026, im ZDF und bei Eurosport), für die sie mit Justus Strelow, Philipp Nawrath und Vanessa Voigt nominiert wurde, könnte Franziska Preuß in Italien laufen, darunter vier individuelle Wettkämpfe. Das macht vier Chancen, die lang ersehnte olympische Einzelmedaille zu gewinnen. Dafür, das sagt sie vor den Spielen selbst immer wieder, muss am Renntag, dem Tag X, alles zusammenpassen: die körperliche und mentale Verfassung, das Skimaterial, das „Drumherum“.
All das, was sie selbst beeinflussen kann, hat sie akribisch vorbereitet. Wie schwierig es dennoch ist, dieses Optimum zu erreichen, zeigt ihr Weg in den vergangenen Monaten. Oft hat in ihrer 16 Jahre langen Biathlon-Laufbahn nicht alles zusammengepasst. Doch trotz der Entbehrungen fand sie immer wieder die Motivation, viel zu investieren, um diese Sehnsucht nach den „schönen Spielen“ endlich zu stillen. Weil WM-Titel und ein Sieg im Gesamtweltcup eben doch nicht genug sind, um ihre Karriere zu vollenden.
