
Der erste Wettkampf im Skisprungstadion von Predazzo endete mit einer großen Überraschung. Denn die neue Olympiasiegerin von der kleinen Anlage kommt nicht aus der slowenischen Skisprung-Dynastie Prevc, sondern aus Norwegen. Die Siegerin heißt Anna Odine Strøm, die es tatsächlich schaffte, die Saison-Herrscherin Nika Prevc zu bezwingen. Strøm (27) führte bereits nach dem ersten Durchgang, allerdings nur mit geringem Vorsprung. Nach der Landung ihres zweiten Versuchs und der Verkündung des Ergebnisses wurde sie euphorisch jubelnd von ihren Teamkolleginnen durch den Auslauf der Arena getragen. Am Rande stand, enttäuscht und erschüttert wirkend, Nika Prevc. Später weinte sie an der Schulter ihrer Mutter bitterlich.
Wieder einmal erwies sich, dass Trainingsleistungen und die Eindrücke des Probedurchgangs nichts wert sind, sobald ein olympischer Wettkampf begonnen hat. Der Druck der Erwartungen ihrer zahlreich im Zuschauerbereich vertretenen Landsleute war offensichtlich zu groß für die 20-jährige Prevc. In den Testsprüngen dominierte Prevc noch und deklassierte wie gewohnt ihre Konkurrentinnen. Doch am Abend der Entscheidung schlug im Val di Fiemme die Stunde einer anderen.
Aufgrund der Doping-Manipulationen, in manchen Ländern nicht oder nur teilweise bislang nicht nachweisbaren verbotenen Substanzen, übernimmt die Redaktion keine Gewähr für die Richtigkeit der Angaben. Da die Verjährungsfrist für Doping-Vergehen erst nach zehn Jahren abläuft, kann sich die Reigenfolge durch positive Nachtests bis zum 22. Februar 2036 verändern.
Der Abstand zwischen der Siegerin und der Besiegten fiel mit nur 1,1 Punkten allerdings enorm knapp aus. Ein Weitenmeter entspricht 1,8 Zählern – und der fehlte Prevc letztlich. 13 Siege hatte sie in 23 von insgesamt 24 Weltcup-Springen bisher gesammelt, darunter war sogar eine Phase mit sechs Erfolgen in Serie. Und nun lag Strøm, ein Saisonsieg, Vierte der Weltcup-Gesamtwertung – mit fast 900 Punkten Rückstand auf Prevc – vorn. Sie nutzte schlicht ihre Lockerheit gegen ihre im Vergleich zu sonstigen Auftritten sichtlich verkrampfte Gegnerin.
„Der zweite Sprung war immerhin ein Lichtblick“
Bronze gewann Nozomi Maruyama aus Japan, die Entdeckung der Saison, die auf bereits sechs Erfolge in den Weltcup-Events dieses Winters kommt. Ihr Rückstand auf die Spitze war mit 5,5 Punkten letztlich deutlich.
Im Schatten des abendlichen Duells um den Sieg landeten die deutschen Teilnehmerinnen. Auch sie waren im Training deutlich stärker als im Wettkampf. Juliane Seyfarth schaffte es nicht in den zweiten Durchgang der besten 30 Springerinnen, Katharina Schmid belegte in ihrer letzten Saison Rang 16. Ihre Teamkolleginnen Agnes Reisch als Neunte und Selina Freitag als Siebte schafften es hingegen unter die Top Ten des olympischen Wettkampfs. Der Abstand auf die Spitze jedoch war gewaltig – Freitag fehlten 17,1 Punkte zu Maruyama und Bronze. Reisch und Freitag hingegen dürften deutlich besser mit der Großschanze zurechtkommen, von der sie am 15. Februar abheben dürfen.
Zuvor aber steht am kommenden Dienstag noch ein Mixed-Wettbewerb – es starten zwei Frauen und zwei Männer – auf der kleinen Anlage von Predazzo auf dem Programm. Nach den Vorleistungen dieses Abends dürfte Bundestrainer Heinz Kuttin leichtes Spiel bei der Nominierung haben – Reisch und Freitag waren am Samstag klar die beiden besten deutschen Springerinnen. „Es ist schon schade, es wäre mehr drin gewesen. Ich hatte kein Glück mit dem Wind. Das ist hart“, sagte Reisch. Freitag sagte: „Das ist schade nach meinen vielen Podestplätzen in diesem Winter. Ich war nervös und habe mich schwergetan. Der zweite Sprung war immerhin ein Lichtblick.“ Mit ihrem finalen Versuch verbesserte sich Freitag von Rang elf auf Platz sieben.
Festlegen wollte sich der Kärntner Kuttin, der 1991 als Aktiver in Predazzo Doppelweltmeister wurde, allerdings nicht auf seine beiden Athletinnen für das Mixed-Springen. Zwar hatte er erklärt, diesen Wettkampf für seine Aufstellung zugrunde legen zu wollen, aber vor der finalen Nominierung „will ich das Ergebnis erst noch mit meinen Kollegen diskutieren“. Kuttin wirkte gefasst, was er damit begründete, „dass ich nach so einem Tag nicht draufhauen kann. Da muss ich sachlich und ruhig bleiben.“ Schließlich steigt am Dienstag schon der nächste Wettkampf auf derselben Anlage.
