Der Fall Epstein und die viele Namen aus den Akten

Er habe nach dem Wahlsieg „mit den Trump-Jungs in Palm Beach rumgehangen“, schrieb Jeffrey Epstein Ende 2016 an einen seiner Vertrauten. Dass die Äußerung die eine oder andere Schlagzeile wert ist, zeigt wohl, wie wenig Neues derzeit über die Verbindungen zwischen Epstein und Trump in den Akten des Justizministeriums gefunden wird.

Denn natürlich ist die Formulierung kein Beleg dafür, dass Epstein nach wie vor persönlichen Kontakt zu Donal Trump hatte, der sich angeblich schon lange mit dem Multimillionär überworfen hatte. Doch sie zeigt mindestens, wie sehr der Sexualstraftäter immer noch versuchte, im Orbit des Präsidenten Gehör zu finden. Der Präsident selbst hält die Abwesenheit eindeutig belastender Dokumente für definitiv entlastend und empfahl den Amerikanern in dieser Woche, den Fall Epstein hinter sich zu lassen.

Der Fokus auf Trump verschwimmt

Ja, es geht immer noch um Trump beim Durchforsten der Epstein-Akten – und dann auch wieder nicht. Wochenlang hieß es, der Präsident lenke durch außenpolitische Manöver wie das Säbelrasseln in Richtung Grönland, gar die Gefangennahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro, von den Dokumenten ab. Doch nun wirkt es, als könnte die schiere Masse der Informationen in diesen neuen Akten vor allem ihm, Trump, nützlich sein. Denn durch die immer neuen Enthüllungen über andere, in der Regel Männer, geht der Fokus auf Trump und auf die systemischen Fragen, die Epsteins Machenschaften aufwerfen, manchmal verloren.

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.



Das ist kein Wunder: Da stürzt ein britischer Botschafter über seine Freundschaft mit Epstein. Auch der bislang hoch geachtete Sprachwissenschaftler Noam Chomsky wird den Makel seiner intimen Kommunikation mit Epstein nicht mehr leicht loswerden. Und Ex-Prinz Andrew sinkt noch tiefer, als er ohnehin schon gesunken war.

Man kann sich leicht verlieren bei der Recherche in diesen Akten, auch wenn findige Programmierer es etwas leichter machen. Besonders gut lässt sich der Bestand auf einer Plattform namens jmail.world durchforsten – jemand pflegt dort auch die neuen Dokumente in eine Website ein, die sich bedienen lässt wie ein Google-Account, inklusive „JDrive“, „JMessage“ und „JPhotos“.

Das Justizministerium hat längst nicht alles veröffentlicht

Beim Eindruck überwältigender Vollständigkeit geht ein wichtiger Punkt fast unter: Das Justizministerium hat noch längst nicht alles veröffentlicht, was es an Akten gibt. Und auch in den jüngst publizierten Dokumenten gibt es etliche Schwärzungen. Von sechs Millionen Seiten war einmal die Rede, doch nun wurde die Mission bereits für beendet erklärt. Schon unterstellen manche Abgeordnete der Demokraten Justizministerin Pam Bondi, sie halte wichtige Informationen zurück.

Doch selbst wenn auch im Rest der Akten kein belastendes Material zu Trump vorhanden sein sollte: Seine Regierung hat viel getan, um die Aufklärung zu behindern, die Frage ist nach wie vor, warum. Davon abgesehen gibt es bisher wenig Diskussionen darüber, wie man zukünftig besser verhindern will, dass Minderjährige Opfer von Verbrechern wie Jeffrey Epstein werden.

Oder warum die Justiz ihn so lang laufen ließ, dann im Jahr 2008 unter Luxus-Auflagen einsperrte – oder warum Alexander Acosta, der Staatsanwalt, der diesen Deal schloss, später Trumps Arbeitsminister wurde und heute im Vorstand des rechten TV-Senders Newsmax sitzt. Oder auch, warum Epstein sich so brennend für die Versuche seines Freundes Steve Bannon interessierte, Einfluss auf europäische Politik zu nehmen. Die Fülle der Akten, E-Mails und Fotos, die vielen neuen Namen, sie können den Blick also auch verstellen – hoffentlich nicht auf Dauer.