„No Other Choice“ von Park Chan-wook: Unter welchem Baum liegt die Leiche?

Kein anderes Kino setzt den Kampf zwischen Unten und Oben so drastisch, so erschreckend und so unterhaltsam in Szene wie das südkoreanische. Von Klassikern wie The Housemaid (1960) über den Oscar-Preisträger Parasite bis zu globalen Serienerfolgen wie Squid Game – man begegnet grotesk übersteigerten Wirklichkeiten, die stets den verrotteten Kern einer Gesellschaft zum Vorschein bringen. Und auf eines kann man sich verlassen: Alles endet im Gewaltexzess, im blutigen Schlamassel.

No Other Choice, bereits der Titel des neuen Films von Park Chan-wook (Oldboy, Die Frau im Nebel) scheint Extreme zu rechtfertigen. Melodramatisch ziehen sich Wolken über einem Haus zusammen, werfen ihre Schatten auf den Grill voller Aale und auf die vierköpfige Familie am Gartentisch. Man-su, der höhere Angestellte einer Papierfabrik, verliert wegen der Krise der Branche seine Arbeit. Es droht der soziale Abstieg. Die Ehefrau gibt ihre Tennisstunden auf, das zweite Auto muss verkauft werden, die flauschigen Hunde wandern zu den Großeltern, die Hypothek für das geliebte Eigenheim kann nicht mehr bezahlt werden. Kurz: Man-su (Lee Byung-hun, als Spielleiter aus Squid Game bekannt) hat gar keine andere Wahl, als die Handvoll Mitbewerber für einen neuen Job auszuschalten. Tatwaffe ist die Armeepistole seines Vaters aus der Vitrine.

In der Schwebe zwischen Slapstick, schwarzer Komödie und Sozialsatire hält der Hitchcock-Verehrer Park Chan-wook seinen Film, der es für Korea auf die Oscar-Shortlist schaffte. Dieser Regisseur liebt die Kollision der Tonlagen. In einer spannungsgeladenen Szene zeigt die Kamera von unten Man-sus vor Anstrengung verzerrtes Gesicht, während er mit einem Kübel voller Chilipflanzen auf einem Dach steht. Doch bringt er den tödlichen Wurf auf den Konkurrenten nicht über sich. Mit einem ohrenbetäubenden südkoreanischen Nostalgie-Schlager beginnt im entlegenen Haus eines Opfers eine überdrehte Prügelei um die Pistole, bis der tödliche Schuss fällt. Das Morden wird zur Vollzeitbeschäftigung des Vaters, er kundschaftet die Opfer aus, verfeinert die Todesarten. Keine Gelegenheit zur Drastik wird ausgelassen. Selbst die gärtnerischen Fähigkeiten des Bonsai-Züchters Man-su kommen bei der Beseitigung von Leichnamen zum Einsatz. Auf beiläufige Weise wird der Bonsai, dieser verbogene, kurz gehaltene, deformierte Baum, zur Metapher für den Helden und seine Geschichte.

Es ist die perfide Eleganz der Inszenierung, es ist der drängende Rhythmus des Schnitts, es sind die übersteigert hochglänzenden Bilder, die auch dem Publikum keine Wahl lassen: Man muss sich auf die Seite des Mörders schlagen. Und ist diese Familie nicht einfach sympathisch? In dem Haus, das es zu retten gilt, lebte schon der Vater des Vaters. Rührend kümmern sich alle um die autistische kleine Tochter, die sich in ihre eigene Welt aus Cellospiel und Komposition zurückgezogen hat und die Hunde vermisst. Die Eltern geben ihren Tanzkurs auf, besuchen aber noch den Kostümball als Pocahontas und Kapitän John Smith. Der Sohn betreibt mit Handydiebstählen sein eigenes kleines Zuschussgeschäft, und warum auch nicht?

Wie in allen Filmen von Park Chan-wook rumort auch in No Other Choice die Frage nach Schuld, Mitschuld und dem gesellschaftlichen Anteil an der moralischen Deformation. In einer unerbittlich schneller werdenden Parallelmontage hebt Man-su im Garten des nächsten Opfers eine Grube aus, während seine Frau im heimischen Garten mit dem Spaten nach einem Leichnam sucht. Vermutlich befindet sich dieser unter einem frisch gepflanzten Obstbäumchen.

Hier sitzen alle in einem Boot, hier werden alle geschüttelt von den Wellen der südkoreanischen Wirtschaftskrise, vor allem der Mörder und seine Opfer. Man-su erkennt sich und seine Zwangslage in ihnen wieder. Etwa in dem Mitbewerber, der sich ungeschickt als Schuhverkäufer verdingt und ebenfalls eine Tochter hat. Wahres Mitgefühl glimmt in den Augen des Killers auf. Aber der Job für den Job muss erledigt werden.