Die glorreichen Tage des Hongkong-Kinos sind lange vorbei. Manche der großen Regisseure aus besseren Zeiten, wie Tsui Hark oder Dante Lam, filmen heute erschreckend willig heroische Epen im Dienst der festlandchinesischen Industrie. John Woo pendelt, vom Glück verlassen, seit einigen Jahren zwischen Hollywood und der Heimat. Ringo Lam ist tot, Johnnie To hat seit sieben Jahren keinen Film mehr gedreht.
Und selbst der Stern des lange populärsten Schauspielers in Hongkong, Jackie Chan, ist trotz vollständiger Anpassung an die KP-Ideologie seit langem am Sinken. Die angestrebte Wende vom Slapstick- und Martial-Arts-Helden zu ernsteren Rollen hat nicht richtig geklappt. Was nicht überrascht: So unfassbar virtuos beweglich sein Körper auch war, eine Kunst des Ausdrucks für sich, so limitiert waren und blieben seine Darstellungskünste.
Zu seinem Glück kam dann Larry Yang, 1981 in China geboren, mit Abschlüssen in Edinburgh und Peking. Ein talentierter Drehbuchautor und Regisseur, wenn auch kein ganz großer Meister. Aber ein riesiger Fan Jackie Chans. Gleich zwei Filme und Rollen hat Yan dem verehrten Helden auf den alternden Leib geschrieben. Erst, 2023, „Ride On“, die etwas sentimentale Geschichte eines verschuldeten Stuntmans und seines treuen Pferds, das ihm die Schuldeneintreiber zu nehmen versuchen.
„Shadow Chase“ (China 2025, Regie: Larry Yang). Die DVD ist ab rund 13 Euro im Handel erhältlich.
Und nun „Shadow Chase“, einen Actionthriller, der das Alter des nun über siebzigjährigen Helden ausdrücklich thematisiert. Im Kern ist der Film ein Remake eines Hongkong-Films, und zwar des Thrillers „Eye in the Sky“ aus dem Jahr 2007. Weite Teile des damals schon ziemlich komplizierten Bankräuber-Plots sind direkt aus dem Original übernommen, wenn auch im Update auf die Kryptowährungsgegenwart noch einmal verkompliziert.
Sogar Tony Leung Ka-Fai spielt, deutlich gealtert, wieder die Gangsterfigur, die nun den Namen „Shadow“ bekommt. (Dieser Tony Leung ist „Big Tony“, nicht zu verwechseln mit dem Namensvetter aus „In the Mood For Love“, „Little Tony“ – der ist gerade in Ildikó Enyedis schönem Baumfilm „Silent Friend“ in deutschen Kinos zu sehen.)
Den Martial-Arts-Nahkampf noch nicht verlernt
Neu ist der Schauplatz, nämlich nicht mehr Hongkong, sondern die andere, portugiesisch geprägte Ex-Kolonie Macao, deren Reize zwischen spektakulären Neubauten, riesigen Hochhausriegeln und alten Gassen der Film nach allen Regeln der Kunst auszubeuten versteht. Hinzugefügt ist aber vor allem die Rolle, die Jackie Chan spielt. Der Gangster, und mehr noch seine von ihm einst adoptierte Schar von Hacker- und High-Tech-Kids, haben bei einem Diebstahl die neuesten Überwachungssoftware- und KI-Techniken der Polizei übertölpelt.
Darum braucht es jemanden, der noch old school zu agieren versteht: Auftritt Jackie Chan, als aus dem Ruhestand geholter Ex-Polizist, der nun die Jugend in Analogtechnik schult. Das sind einerseits koordinierte Verfolgungs- und Beobachtungskünste. Andererseits hat er trotz aller O-Beinigkeit auch den Martial-Arts-Nahkampf noch nicht verlernt. Und bekommt, vom gnädig flott agierenden Schnitt sehr unterstützt, ausgiebig Gelegenheit, sein Können noch einmal vorzuführen.
Erzählt wird für die jüngeren Generationen auch die Geschichte einer Nachwuchspolizistin (Zhang Zifeng), die sich erst über „Gaslighting“ beschwert und dann ihrerseits reichlich Gelegenheit zur Bewährung bekommt. Atemberaubend ist die Einstiegssequenz, absoluter State of the Art der Action am Draht. Danach spürt man immer mal wieder die zum Original hinzugefügten vierzig Zusatzminuten, aber es ist durchweg eine Freude, Jackie Chan und Tony Leung als frisch geölte siebzigjährige Blitze über die Jugend triumphieren zu sehen.
