Nordische Kombination: Frauen dürfen nicht bei Olympia starten – Sport

Am Mittwoch, zwei Tage vor der Eröffnungsfeier der Winterspiele, berief der Deutsche Skiverband eine Medienrunde ein. Es kamen Geladene im Wortsinne, also Menschen, die nicht bei der Eröffnungsfeier auftauchen werden. Die nun auf dem Sofa sitzen und sich fragen: warum? Die in der zweiten Olympiawoche einen Lehrgang machen, um bloß nicht zu viel nachzudenken über diese verpasste Chance. Und die, wie im Falle von Nathalie Armbruster, nach München ins Fernsehstudio fahren, um dort als Co-Kommentatorin Wettkämpfe zu begleiten, an denen sie selbst liebend gerne teilgenommen hätte.

Gemeint ist die Frauen-Nationalmannschaft der Nordischen Kombination, samt Funktionären. Der Anlass: Sie sind in der einzigen Wintersportart aktiv, in der nur die Männer bei Olympia starten dürfen. Gibt es das noch im 21. Jahrhundert? Gibt es. Deshalb sind die Geladenen so geladen. Bundestrainer Florian Aichinger sagt: „Für die Sportlerinnen waren die letzten Wochen surreal. Hier kommen immer wieder große Emotionen hoch.“

Der Frust ist verständlich, denn die Nordische Kombination, dieser Kombinationswettbewerb aus Skispringen und Langlaufen, ist von Anfang an dabei, seit Chamonix 1924. Bei den Männern. Die Frauen waren damals wie heute zum Zuschauen verdammt.

Ihr Pech: Ihre Disziplin ist zu jung, um sich nachhaltig entwickelt zu haben. 2020 liefen die Frauen ihren ersten Weltcup, 2021 kürten sie ihre ersten Weltmeisterinnen, ein Jahr später beendete das Internationale Olympische Komitee all ihre Hoffnungen auf die Olympia-Premiere 2026. Das Hauptargument: zu wenige Athletinnen und Nationen, zu geringe TV-Quoten und Vermarktungschancen.

Dabei schreitet die Entwicklung in dieser Disziplin rasant voran, zumindest für den kurzen Zeitraum, in dem es sie gibt. In dieser Saison laufen sie so viele Weltcups wie nie, immer mehr Nationen und Starterinnen konkurrieren auf den Schanzen und Loipen. Die Wettkämpfe – siehe das Seefeld-Triple am vergangenen Wochenende – sind spannungsgeladen. Und DSV-Sportdirektor Horst Hüttel sagt, dass zwei Drittel aller Mädchen, die Skispringen, zugleich auch Langlauf betreiben.

Für die Winterspiele 2030 geht es für die Nordischen Kombiniererinnen nun um alles, um Teilhabe, um Gleichberechtigung, um TV-Präsenz und Fördergelder. Doch ihrer Disziplin droht für die Wettkämpfe in den französischen Alpen eine doppelte Hiobsbotschaft: Dass nicht nur die Frauen weiterhin nicht teilnehmen dürfen, sondern auch die Männer aus dem Olympiaprogramm gestrichen werden. Und neuen Formaten weichen müssen. Die Verantwortlichen, auch IOC-Präsidentin Kirsty Coventry, wollen sich bei den Winterspielen ein Bild von den Männer-Wettbewerben in Tesero machen – und im Mai in einem ihrer Hinterzimmer den Daumen heben oder senken.

Wenn man dieses Szenario zu Ende denkt, wäre sogar das Skispringen in Gefahr

Klar ist schon jetzt: Sollte die Nordische Kombination dann wirklich aus dem Programm fallen, wäre dies ihr sportlicher Tod. In den Worten von Olympiasieger Vinzenz Geiger: „Früher oder später würde dies das Ende der Sportart bedeuten.“

Die Spitzensportförderung würde massiv wegfallen, die Trainerstellen, die Behördenstellen für die Athleten sowie der Nachwuchs mangels Motivation. Und wenn man, wie Hüttel, noch weiterdenkt? Dann ist bei diesem Szenario auch das Skispringen in höchster Gefahr. Denn der DSV investiert mit den Fördergeldern auch in seine Betriebsstätten, sprich die Sprungschanzen. Ohne den Olympiastatus der Nordischen Kombination würde ein großes Finanzloch entstehen. Hüttel sagt: „Es wäre ein Vollfiasko für uns, ganz abgesehen von den persönlichen Tragödien.“

Die Skispringerin Katharina Schmid wird, am Ende ihrer Karriere, auch als Vorkämpferin für ihren Sport die deutsche Fahne ins San-Siro-Stadion tragen. Für Nathalie Armbruster könnte es 2030 so weit sein, als Frontfrau für den Kampf der Nordischen Kombiniererinnen. Sie sagt: „Wenn es schon keine Geschlechtergleichheit im 21. Jahrhundert gibt, wäre es wenigstens gerecht, dass wir dabei sind. Einfach, weil wir uns das verdient haben.“

Nathalie Armbruster als Fahnenträgerin 2030: Ein Traum, fast zu schön, um wahr zu werden.