Sehen so etwa die besten Bauten in ganz Deutschland aus?

Hessen ist nicht vertreten unter den Standorten der besten Bauten Deutschlands. Das Saarland, ­Niedersachsen, Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern sind es auch nicht. In diesen acht Bundesländern ist im Zeitraum von Ende 2023 bis Frühjahr 2025 kein einziges Gebäude fertiggestellt worden, das die Jury des Deutschen Architekturmuseums für würdig befunden hätte, auf die immerhin gut zwanzig Kandidaten zählende Shortlist des DAM-Preises 2026 zu kommen.

Es gelte halt kein Regionalproporz, sondern die Logik der Bestenauslese, sagte Peter Cachola Schmal, Direktor des Museums mit Sitz in Frankfurt, bei der Präsentation der dazugehörigen Ausstellung in seinem Haus. Wer den freundlich-aufgeschlossenen und umtriebigen Schmal kennt, weiß, dass das nicht arrogant gemeint ist, sondern einfach nur von einem unbekümmerten Selbstbewusstsein zeugt. Stellt sich nur die Frage, ob er und seine Jury mit der nötigen Autorität und Unvoreingenommenheit urteilen.

Unter den besten fünf: Das Mehrgenerationenhaus Görzer Straße in München
Unter den besten fünf: Das Mehrgenerationenhaus Görzer Straße in MünchenFederico Farinatti

Geht man durch die Ausstellung, stellt sich schnell ein Unbehagen ein. Zu den fünf Finalisten zählt ein Mehrgenerationenhaus an der Görzer Straße in München, ein unbeholfen proportionierter Dreigeschosser, dessen Fassade aus Holz und Wellblech zusammengeschustert ist. Das kleine Kölner Büro Aretz Dürr Architektur – seit einigen Jahren schon erklärter Liebling der Preis-Macher – ist gleich zweimal vertreten. Auf der Shortlist steht es mit einer schlichten Lager- und Produktionshalle, die einen gewissen minimalistischen Charme hat, mehr aber auch nicht. Der Stadtteiltreff Augustin in Ingolstadt von nbundm* Architekten mag mit seinen Angeboten anziehend auf die Bewohner des Viertels wirken, an seinem Äußeren kann es nicht liegen.

Es ist die Abwesenheit von – horribile dictu – Schönheit, die beim Gang durch die Ausstellung und beim Blättern durch den dazugehörigen Katalog verstört. Selbst wenn man zusätzlich Kühnheit als hinreichende Tugend gelten lässt, gibt es erschreckend wenig Überzeugendes zu entdecken. Nur zwei Bauten, die es auf die Shortlist (aber eben nicht in den Kreis der Finalisten) geschafft habe, verströmen so etwas wie Eleganz.

Geht doch: Der Sieger der Herzen, die Neckarschleuse Schwabenheim von Ecker Architekten
Geht doch: Der Sieger der Herzen, die Neckarschleuse Schwabenheim von Ecker ArchitektenBrigida Gonzalez

Da ist zum Einen das Technikgebäude der Neckarschleuse Schwabenheim; der Entwurf von Ecker Architekten aus Heidelberg, zwei pavillonartige, an den Schmalseiten gerundete Bauten mit auskragendem Flachdach und Klinkerfassade, spielt souverän mit Formen der klassischen Stromlinien-Moderne eines Erich Mendelsohn.

Erneuerter Klassiker: die Hyparschale Magdeburg
Erneuerter Klassiker: die Hyparschale MagdeburgMarcus Bredt

Und dann ist da die spektakuläre Hyparschale im Magdeburger Rotehornpark. Allerdings handelt es sich bei dem Ausstellungsgebäude um einen Klassiker: Die Ikone der DDR-Architektur von 1969 wurde vom bedeutenden Bauingenieur Ulrich Müther entworfen und extrem aufwendig von gmp Architekten saniert und behufs besserer Nutzbarkeit um Einbauten ergänzt.

Ignoranz einfachster Prinzipien

Mehr ästhetisch Gelungenes, das zugleich funktionalen Kriterien gerecht wird und nicht allein der Ausstellung von Reichtum dient, soll in anderthalb Jahren in Deutschland nicht fertiggestellt worden sein? Es wäre ein Leichtes, das Gegenteil zu beweisen. Ganz offenkundig gehört eine alltagstaugliche und Laien ansprechende Gefälligkeit aber nicht zu den Maximen der Jury und des Auswahlgremiums, das zuvor eine hundert Arbeiten umfassende Longlist aus eigenem Recht und nach nicht offengelegten Kriterien zusammengestellt hat. Vor dem Urteil der Beteiligten scheint allein das bestehen zu können, was unter den sozal-ökologisch korrekten Meinungsführern der Szene gerade Mode ist (und sich bei näherem Hinsehen womöglich als gar nicht so nachhaltig erwiese).

Am Beispiel des Franklin Village in Mannheim, entworfen von Sauerbruch Hutton, lässt sich exemplarisch zeigen, dass die sich fortschrittlich dünkende Baukultur nicht zuletzt an der Ignoranz einfachster städtebaulicher Prinzipien krankt. Vier dreigeschossige Bauten umstehen eine aufwendig gestaltete Grünfläche, die Hoffassaden sind durchaus differenziert gestaltet, ein kluges Spiel mit Außentreppen und Vorsprüngen der Laubengänge führt zu einer ansprechenden Mischung aus privaten und halbprivaten Räumen. Alles hier ist auf den löblichen Vorsatz hin angelegt, einen Gemeinschaftssinn unter den Bewohnern zu erzeugen.

Das ist die Schokoladenseite des Franklin Village in Mannheim, entworfen von Sauerbruch Hutton
Das ist die Schokoladenseite des Franklin Village in Mannheim, entworfen von Sauerbruch HuttonJan Bitter

So weit, so gut. Der Außenwelt zeigt das Projekt dann jedoch seine banale Seite – aus vier Kisten mit primitiver Holzfassade ragen überdimensionierte Balkone wie ausgestreckte Zungen heraus. Ihr könnt mich mal, ruft auch die Platzierung der Bauten den außenstehenden Betrachtern zu: Statt einer klaren Grenze zwischen öffentlichem und privatem Raum gibt es undefinierte Restflächen zwischen den öffentlichen Wegen und mittels Hecken blickgeschützten Terrassen. Für diesen Zwischenraum fühlt sich niemand zuständig, entsprechend ungepflegt sieht er aus.

Dafür sind die Berliner Architekten allerdings nur bedingt verantwortlich zu machen, sie mussten sich an den Masterplan des überschätzten niederländischen Büros MVRDV halten. Dieses durfte übrigens in der Nachbarschaft drei alberne buchstabenförmige Hochhäuser errichten, die nach dem noch ausstehenden Bau des vierten Turms das Wort „HOME“ ergäben. Ein schaler Scherz, der aber das Problem, dass etwas nicht stimmt im architektonischen Zusammenspiel von Gemeinschaft und Gesellschaft, geradezu plakativ benennt.

Manche Gebäudetypen tauchen gar nicht auf

Bildet man einen Art Querschnitt der Projekte, lässt sich ein Muster erkennen, das sich junge ehrgeizige Büros, die nach dem Gewinn des DAM-Preises streben, zunutze machen könnten: Sie sollten ein Wohngebäude planen, dessen Bauherren Wert auf Gemeinschaftsflächen und flexible Grundrisse legen und einen Materialmix aus Sichtbeton und Holz zu schätzen wissen. Neuerdings ist auch Blech wieder sehr angesagt, sei es in Form von Wellen oder Trapezen.

Wer dann noch in der Lage ist, alte Bausubstanz in das Projekt zu integrieren, darf sich einer Nominierung ziemlich sicher sein. Wer aber ein Bürogebäude, ein Einfamilienhaus, eine Fabrik oder gar einen Bau für militärische Zwecke entwirft, sollte sich keine Hoffnungen machen. All diese Gebäudetypen tauchen in diesem Jahr auf der Shortlist nicht auf, und auch in den vorangegangenen Jahren waren sie unterrepräsentiert.

Umso mehr muss man das uneigennützige Engagement des Sponsors des DAM-Preises loben, denn die edlen Lichtschalter des Unternehmens Jung dürften in den wenigsten der hier gezeigten Projekte installiert sein. Wie zur Kompensation wurde die zum Begegnungszentrum erweiterte Villa des Firmengründers in Schalksmühle in die Ausstellung aufgenommen, selbstverständlich „außer Konkurrenz“. Das Projekt ist leider ein ziemlich eindrückliches Beispiel dafür, wie man einem wohlproportionierten Zwanziger-Jahre-Haus durch einen überdimensionierten Beton-Glas-Anbau und eine gepflasterte Monstervorfahrt jeden Charme austreiben kann. Eine ironische Pointe der Schau.

Vielleicht täte es dem DAM ganz gut, sich einmal aus der eigenen Blase zu befreien und ein paar Architekten in die Jury einzuladen, die klassische ästhetische Kriterien etwas stärker gewichten. Man könnte sogar auf die Idee kommen, interessierte Laien zu kooptieren. Dann würden sich möglicherweise auch wieder Architekten und Bauherren in Frankfurt, Hannover und Stralsund grämen, dass die Wahl des DAM nicht auf sie gefallen ist. Im Augenblick ist es eher eine Auszeichnung, nicht dazuzugehören.

DAM-Preis 2026: Die 23 besten Bauten in/aus Deutschland; Deutsches Architekturmuseum Frankfurt, bis 10. Mai. Das Begleitbuch kostet 38 Euro.