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Die Titelverteidigung im DFB-Pokal ist für den VfB Stuttgart weiterhin möglich. Was kann die Mannschaft von Trainer Sebastian Hoeneß aus dem Spiel gegen Kiel mitnehmen?
Wer auf ein Feuerwerk gehofft hatte, sollte seine Erwartungshaltung überdenken. Nein, schön war das 3:0 (0:0) des VfB Stuttgart im DFB-Pokal-Viertelfinale bei Holstein Kiel definitiv nicht – aber es war auch vorab nicht davon auszugehen. Es war eher die Definition eines Arbeitssieges – was auch den Bedingungen geschuldet war. Auf einem schlechten Platz bei starkem Wind und Minusgraden einen tiefstehenden Gegner beackern, war sicher nicht vergnügungssteuerpflichtig für die Profis des Bundesliga-Vierten, die ihren Job aber alles in allem souverän erledigten.
Deniz Undav (56. Minute), Chris Führich (90.) und Atakan Karazor (90.+2) trafen für den Titelverteidiger, der damit in den vergangenen vier Jahren dreimal mindestens die Vorschlussrunde erreicht hat. Die Schwaben stehen somit erst zum zweiten Mal in ihrer Historie in zwei Saisons in Folge unter den letzten Vier des DFB-Pokals. Zuvor war dies nur 1996/97 und 1997/98 gelungen. Die Richtung stimmt also – und SWR Sport sagt, was die fünf Erkenntnisse aus der Partie in Kiel sind.
Erstens: Der VfB Stuttgart ist mittlerweile sehr stabil
Das Spiel in Kiel bedeutete für die Schwaben bereits die vierte Englische Woche in Serie nach der Mini-Winterpause. Letztes Jahr war die Dreifachbelastung neu für das Hoeneß-Team, was mitunter für Stress und Leistungsdellen aufgrund des ungewohnten Rhythmus sorgte. In dieser Saison gelingt dem VfB Stuttgart der „Tanz auf drei Hochzeiten“ viel besser. Das Team wirkt resilient, jeder brennt darauf zu spielen. Coach Hoeneß rotiert gerne und oft, dadurch fühlt sich jeder Spieler wichtig und haut alles raus, wenn er denn ran darf. Die Lern- und Adaptionskurve der Schwaben ist hoch, was auch in dem „ekligen“ Match in Kiel zu sehen war.
Seit dem 10.01. hat der VfB bereits acht Pflichtspiele absolviert. Die Bilanz: Sechs Siege, ein Remis, eine Niederlage – bei einer Tordifferenz von 18:8. Dabei spielt das Team selten die Sterne von Himmel, sondern agiert seriös, mit dem Wissen, dass es immer in der Lage ist, vorne zu treffen. Sei es durch eine Standardsituation, wie beim 1:0 in Kiel durch Undav. Oder in letzter Minute, wie vergangenen Sonntag gegen den SC Freiburg (1:0) durch Ermedin Demirovic. Dementsprechend zufrieden war Coach Hoeneß auch nach dem Halbfinaleinzug. „Wir hatten die Spielkontrolle, wir haben sehr wenig zugelassen. Unter dem Strich geht der Sieg in Ordnung, auch wenn es ein hartes Stück Arbeit für uns war“, befand er.
Zweitens: Die VfB-Defensive steht (endlich) sicher
Am 06.12. letzten Jahres kassierte der VfB eine 0:5-Heimklatsche gegen den FC Bayern. In den seitdem folgenden elf Pflichtspielen setzte es insgesamt nur noch neun Gegentreffer. Das liegt an mehreren Faktoren, einer davon ist die Kontinuität. Jeff Chabot, Ramon Hendriks und Finn Jeltsch innen sowie Maximilian Mittelstädt und Josha Vagnoman auf den Außenbahnen sind, von kleineren Pausen abgesehen, weitgehend gesetzt. Trainer Hoeneß hat die „Hardcore-Rotation“ aus dem letzten Herbst aktuell stark abgeschwächt. Die Eingespieltheit merkt man seinem Abwehrverbund deutlich an, die Spieler sind in Topform.
Auch Torwart Alexander Nübel spielt bislang ein Top-Jahr. Kleinere Unsicherheiten hat er abgestellt, dafür hat er bereits einige „Big saves“ gezeigt, etwa in Leverkusen mit einer Monsterparade, gegen Frankfurt in der Nachspielzeit oder in Gladbach mit einem gehaltenen Elfmeter. Und schließlich stimmt auch die Restverteidigung. Sprich: Bei allem Offensivdrang passt die Absicherung. Kein Team der Welt kann sämtliche Chancen unterbinden, aber der VfB lässt aktuell nicht allzuviel zu. Die Balance der Mannschaft stimmt.
Drittens: Deniz Undav ist für den VfB Stuttgart unverzichtbar
Als Deniz Undav unlängst zwei Spiele lang nicht getroffen hatte, hagelte es bereits Kritik vom Boulevard und einige – nicht alle – Fans begannen bereits zu „bruddeln“. Völlig ungerechtfertig, denn Undav ist ein absoluter Faktor für den momentanen Lauf und die gute Saison des VfB. Das Pokalspiel in Kiel war der erneute Beweis. Undav ließ in Halbzeit eins eine gute Chance liegen, traf dann aber zur Stuttgarter Führung, bereitete den zweiten Treffer durch Führich vor und gab den Pre-Assist vor dem 3:0 durch Karazor.
Undav gab nach der Partie bei Holstein freimütig zu, dass er in letzter Zeit einiges liegengelassen habe. Aber er wisse immer, dass er irgendwann treffe, so der Angreifer weiter. Und damit hat er recht – kein Stürmer der Welt macht jede Chance rein. Wichtig, so Undav, sei es doch, die Gelegenheiten überhaupt zu bekommen. „Hätte ich sie nicht, würde ich mir Sorgen machen“, sagte er. „Man muss Leistung bringen und die bringe ich gerade.“
Das zeigt sich auch in der Statistik. Nur Kylian Mbappé (Real Madrid) hat in den Top-Fünf-Ligen mit 23 Scorern seit Anfang November mehr Torbeteiligungen gesammelt als der deutsche Nationalstürmer, der seitdem in 19 Pflichtspielen auf 22 (14 Tore, 8 Assists) kommt. Damit liegt Undav vor Topstars wie Bayerns Michael Olise (20), Lamine Yamal (FC Barcelona, 18) oder Mason Greenwood (Olympique Marseille, 18). „Überleg mal, welche Namen das sind“, so Undav nach dem Kiel-Spiel. „Dass ich da bin, ist schon eine Ehre.“ Recht hat er!
Viertens: Chris Führich ist wieder ein Faktor
Wer den Jubel von Chris Führich nach seinem Tor in Kiel gesehen hat, der weiß: Jeder Treffer oder Assist ist Balsam für die Seele des Flügelspielers. In den 15 Bundesligaspielen bis Weihnachten war Führich kein Faktor, er durfte nur vier Mal beginnen. Coach Hoeneß betonte aber immer, dass der Offensivmann sich nicht hängen lasse und in jedem Training Vollgas gebe. Im neuen Jahr ist Führich endlich wieder wichtig. Eine Topleistung beim 4:1 in Leverkusen, gegen die Eintracht (3:2) legte er nach, gegen Union Berlin (1:1) traf er, zuletzt leistete er gegen Freiburg nach einem VfB-Ballgewinn durch hohes Pressing gedankenschnell den Pre-Assist zum Siegtor durch Demirovic. Führichs aktuelle Form erinnert an die Vizemeister-Saison 2023/2024.
Fünftens: Atakan Karazor trotzt der Konkurrenz
Dass Atakan Karazor ein Tor schießt, kommt nicht so oft vor. Gegen Kiel traf der VfB-Kapitän – und zwar in einer Art und Weise, die seine Torgefährlichkeit gut beschreibt. Nach Vorlage von Demirovic umkurvte er Holstein-Keeper-Timon Weiner, kam dabei aber ins Straucheln, fiel hin und schob den Ball eher unabsichtlich mit der Hüfte ins Tor. Hinterher fragt keiner mehr, es war für Karazor das i-Tüpfelchen auf einem gelungenen Abend. Bereits zum 1:0 durch Undav hatte er den Assist gegeben.
Der 29-Jährige hat sich aus seinem Tief, in dem er sich im Spätsommer und Herbst befunden hatte, wieder herausgekämpft. Damals schien es, als ob ihm Chema Andres oder Nikolas Nartey den Rang ablaufen könnten, doch Karazor trotzte der Konkurrenz. Er stopft defensiv Löcher, gewinnt Zweikämpfe und zweite Bälle, ist eine sichere Anspielstation, er leitet Mitspieler an und ist als Spielführer auch ein Wortführer. Aktuell ist Karazor unverzichtbar.
Fazit: Gute Perspektive für den VfB Stuttgart
„Kommt Frühling, kommt VfB“ gilt in diesem Jahr nicht. Bereits seit Anfang Januar ist Stuttgart in Topform. Vierter in der Bundesliga, die Playoffs in der Europa League gegen Celtic Glasgow vor der Brust, das Halbfinale im DFB-Pokal – eine starke Zwischenbilanz. Momentan stimmt es in Bad Cannstatt – und die Perspektive ist gut. Auf ein Nachlassen deutet vorerst nichts hin.
