Systemdenken und Psychologie – Wissenschaft, Kulturen, Gesellschaften

Manchmal bringen wir Dinge durcheinander. Ist das der Fluch der Fantasie? Wenn wir ein grünes Gewässer sehen, sieht das vielleicht aus unserer Perspektive aus, wie Grasland. Und dann fantasieren wir über Gras im See oder eine Weide, die auf dem Schlick eines ausgetrockneten Sees wächst. Aber es kann dann auch zu einem konzeptionellen Durcheinander werden. Schade, wenn ich glaube, das Zwillingsparadoxon in der Speziellen Relativitätstheorie, wo einer schneller altert als der andere, habe etwas mit Physiologie zu tun, weil Altern ja ein physiologischer Prozess sei. Schade, weil ich dann für die wirklichen Aussagen der Speziellen Relativitätsheorie nicht mehr empfänglich bin. 

Die Tragödie der Allmende

Ähnlich ergeht es dem “Courious Learner”, der auf einem Sozialen Medium schrieb:

Ich bin skeptisch, wenn Experten aus der einen Welt versuchen, ihre Erkenntnisse in die andere Welt zu übertragen. Im Umfeld von System Thinking, das sich auch mit komplexen Systemen auseinander setzt, ist mir das oft begegnet. Aus meiner Sicht werden dabei wesentliche Erkenntnisse aus der Psychologie nicht beachtet oder nicht richtig verstanden.

System Thinking ist der Versuch, die allgemeinen Prinzipen dynamischer Systeme zu verstehen und die Welt aus dieser Perspektive zu sehen. Die Dynamik komplexer Systeme hat jedoch nichts mit Psychologie zu tun. Ich möchte das an folgendem Beispiel aufzeigen:

Eine Allmend ist ein öffentliches Gemeindegut, das von der gesamten Bevölkerung genutzt werden darf. Früher liessen viele Kleinbauern, die nicht über grössere Landparzellen verfügten, ihr Vieh auf der Allmend weiden.

Stellen Sie sich vor, eines Tages hat Bauer A die Idee, seine einzige Kuh auf die Allmend zu treiben. Sein Nachbar, Bauer B, findet die Idee genial und treibt seine Kuh ebenfalls auf die Allmend. Die beiden Kühe ästen friedlich nebeneinander her. Das machte Schule so, dass es auch Bauer C nachmachte, aber er hatte zwei Kühe. In der Zwischenzeit kalberte Bauer As Kuh und dann waren es schon fünf Viecher auf der Allmend.

Die kleine Herde war idyllisch anzuschauen. Nur wenn sonntags der Gemeindepräsident mit seiner Familie auf der Allmend ein Picknick machen will und vor lauter Kuhfladen nicht weiss, wo er die Decke hinlegen soll, wird die Idylle getrübt.  Aber die Kuhfladen haben auch ihr Gutes: sie regen das Gras zum wachsen an. Dadurch wird die leicht erhöhte Nutzung der Allmend ausgeglichen. Sie ahnen schon, wo das hinführt.

Immer mehr Bauern schicken ihr Vieh auf die Allmend. Es tauchen warnende Stimmen auf. Etwa der Lehrer, der Schreiber, vielleicht auch der Pfarrer und der Dorfarzt strecken den Warnfinger in die Luft und erklären, dass die Allmend bald nicht mehr so viel Gras hergebe, wie es die wachsende Anzahl Kühe verlange. Aber nichts passierte, bis eines Tages ein grosser Regen den Humus weg spühlte, auf dem nur noch einzelne karge Halme wuchsen. Die Allmend verkarstete und wurde vergessen. Die Bauern mussten andere Weidegründe für ihr Vieh suchen oder verloren gar ihre Kühe und verarmten.

Lustige lebensfremde Geschichte oder Metapher einer aktuellen Situation? Item, wir wollen das Wesentliche der Geschichte zusammenfassen. Am besten, wir bedienen uns einer Grafik. Das ist am Anschaulichsten.

Die Dynamik des Modells

Hier haben wir unten links die Aktivität von Bauer A. Wenn er seine Kuh auf die Allmendweide schickt, grast sie bis sie abends wieder eingeholt wird. Wenn sie den ganzen Tag über geweidet hat, dann ist sie abends satt, falls genügend Gras zur Verfügung stand. Die Pfeile können als “wenn … dann …” gelesen werden. 

Unten rechts ist derselbe Kreisprozess für Bauer B dargestellt. Es werden im Verlauf der Entwicklung immer mehr solche „Bauernkreise“ dazu kommen. Hier sind nur zwei dargestellt, aber es können tausende werden. Oder es bleibt bei einigen wenigen, aber jeder Bauer schickt immer mehr Kühe auf die Allmend. Dieser Wachstumstrend kann im Modell auch noch abgebildet werden.

Auf der Allmend hat es zu einem bestimmten Zeitpunkt eine bestimmte Menge Gras. Stellen Sie sich vor, Sie mähen die gesamte Allmend und türmen das abgeschnittene Gras auf einen Haufen, dann stellt dieser Haufen die Gesamtmenge des Grases dar, die zu Beginn des Mähprozesses auf der Allmend stand. Von dieser Gesamtmenge geht das weg, was die Kühe an diesem Tag gefressen haben. Die grosse blau hinterlegte Ellipse in der Zeichnung, ist das, was nach dem Weidetag an fressbarem Gras übrig bleibt.

Selbstverständlich müssen wir in unserem Modell jetzt noch die Regeneration des Grases berücksichtigen, sonst ist das zur Verfügung stehende Gras dann unrealistisch schnell weg! Dazu würde ich oberhalb der blauen Ellipse eine weitere Variable platzieren, z.B. Gesamtpotential der Allmend so, dass sich für die blaue Ellipse die Differenz Gesamtpotential der Allmend minus Total abgeweidetes Gras ergibt1.

Hier geht es mir jetzt nicht so sehr um ein vollständiges Modell, als vielmehr darum, zu zeigen, weshalb Psychologie für die Dynamik dieses Modells sehr untergeordnet ist. Wir haben es ja nicht nur mit zwei Bauern zu tun. Es sind vielleicht zehn, zwanzig oder Tausend und alle haben unterschiedliche (psychologische) Beweggründe. Aber diese interessieren eigentlich gar nicht. Tatsache ist, dass immer weniger Gras zur Verfügung steht, Psychologie hin oder her. Die Ursachen, die die Gesamtheit der Bauern dazu bewegen, ihre Kühe auf der Allmend grasen zu lassen, sind wohl eher spieltheoretischer als psychologischer Natur, denn Psychologie beschreibt die seelischen Vorgänge einzelner Individuen. Diese mitteln sich bei einer grossen Anzahl Teilnehmer heraus.

Grosse Mengen mitteln Mikro-Ursachen

Im Fall der Klimaveränderung haben wir es mit acht Milliarden Menschen zu tun, die alle Treibhausgase produzieren. In unserer Grafik wären das acht Milliarden “Bauernrädchen”, die unten in der Grafik drehen und sich in der Variablen Total abgeweidetes Gras, im Klimamodell würde sie heissen total produziertes CO2, aufaddieren. Selbstverständlich können Sie mit Psychologie z.T. erklären, warum einer eine unnötige Aktion durchführt, die Kohlendioxyd produziert. Aber erstens gibt es nicht nur psychologische Ursachen und zweitens mitteln sich die psychologischen Beweggründe der acht Milliarden Menschen heraus. Tatsache ist, dass es immer weniger braucht, bis der CO2-Prozentanteil in der Luft die Welttemperatur auf ein unerträgliches Mass angehoben hat. Diese Tatsache interpretiert jeder Mensch für sich selbst, was zu acht Milliarden verschiedene Sichten und Überzeugungen führt. Da spielt Psychologie zwar mit, aber nur untergeordnet.

Immer, wenn grosse Menschenmassen betrachtet werden, spielt die Psychologie keine primäre Rolle. Das gilt z.B. für Gesellschaften oder die Belegschaft grosser Konzerne. Schauen Sie einmal dieses Bild an, das ich vom Dach des Mailänder Doms geschossen habe2.

Stellen Sie sich vor, Sie würden im Sekundentakt eine Bildserie anfertigen. Dann sähen Sie den Weg, den die einzelnen Personen nehmen. Zählen Sie aus, wie viele Menschen pro Stunde weisse Streifen überqueren oder über das weisse Feld am unteren Bildrand gehen oder darin kurz stehen bleiben. Ich bin sicher, dass Sie eine Regeln aufstellen können, die z.B. sagt: “Zwischen 11 und 12 Uhr mittags werden im Schnitt 17 Personen auf dem weissen Feld eine Sekunde oder länger stehen bleiben”. Für jeden einzelnen gibt es vielleicht psychologische Gründe, aber die Regeln hat überhaupt gar nichts mit Psychologie zu tun.

Viele Menschen – alle haben andere Vorstellungen

Das selbe Prinzip wendet z.B. ein Bäcker an, der sich morgens um 4 Uhr in der Backstube fragt, wie viele Gipfeli er heute Mittwoch backen soll. Aus Erfahrung weiss er, dass an einem Mittwochmorgen so und so viele Gipfeli nachgefragt werden. Es beruht nicht auf Psychologie!

Abschliessende Bemerkungen

Es liegt also in der Natur der Sache, dass System Thinking und System Dynamics wenig Verbindungen zu Psychologie haben. Es sind auch nicht Experten aus einer Welt, die versuchen, ihre Erkenntnisse in die andere Welt zu übertragen (sic!). Klicken Sie auf der insightmaker-Seite oben links auf Explore Insights! Sie erhalten einen bunten Blumenstrauss an Interessensgebiete, für die es System Dynamics Modelle gibt, wie z.B: Climate, Epidemics, Economy, Learning, Public Health, Water. Die Climate-Modelle haben Klimaexperten gemacht, die Epidemie-Modelle wurden von Epidemiologen entwickelt, etc. Auf der anderen Seite ist es durchaus wünschenswert, wenn fachfremde Experten mitreden! Die Welt besteht nicht aus Schulfächern, sie ist im Gegenteil hochgradig interdisziplinär!

Fussnoten