„Unsere Abende“ von Alan Hollinghurst: Enthält erschreckende Seiten

Welche Steilvorlage für einen prononcierten gesellschaftskritischen und antirassistischen Roman: Unsere Abende erzählt in der ersten Person die Lebensgeschichte David Wins, kurz Dave, eines schwulen „braunen Jungen“ aus einfachen Verhältnissen, der über eine Privatschule und Oxford einen Weg nach oben schafft und ein angesehener und ziemlich berühmter Schauspieler wird. Dave ist der Sohn einer weißen englischen Schneiderin und eines unbekannten burmesischen Vaters, seine Lebensgeschichte umfasst den Achtundsechziger-Aufbruch und den fremdenfeindlichen Brexit, und er erzählt auch von beiden. Aber auf gesellschaftskritischen Furor oder auf antirassistische Moral kann man in diesem Roman 616 Seiten lang warten – mit der Ausnahme von zwei bestürzenden Seiten gegen Ende.

Der britische Schriftsteller Alan Hollinghurst, geboren 1954, bleibt auch in seinem siebten Roman, was er, außer in seinem sexuell wunderbar expliziten Erstling Die Schwimmbad-Bibliothek (1988), immer war: ein Impressionist der Nuancen und der leisen Töne. Hollinghurst lässt uns zwar in vielen Einzelheiten daran teilhaben, wie Dave seinen Blick nach und nach Männerkörpern zuwendet. Aber Erzähleinfälle wie „An dem Tag habe ich gemerkt, dass ich schwul bin“ oder „Das war meine erste Nacht mit einem Mann“ sind nicht seins. Hollinghurst sagt alles, jedenfalls mehr als die meisten. Aber hell ausgeleuchtete Deutlichkeit und Erzählen, bei dem man die Absicht spürt, würden ihn verstimmen. Sein Medium ist die Diskretion, eine offenherzige Diskretion allerdings, die ihre Offenherzigkeit aber nicht in großen Worten kundtut, sondern sie in den steten Strom ihrer leuchtenden, sprechenden und doch nie ausgestellten Einzelheiten versenkt.

Alan Hollinghurst © Robert-Taylor/​ Albino Verlag

Und nicht nur von Deutlichkeit, Absicht und Gesinnung befreit Hollinghurst seine Leser, er befreit sie auch von Handlung, neuerdings meist plot genannt. Natürlich ist ein Roman mit Plot-Getriebe und Page-Turner-Effekt ein angenehmes Weckamin, aber er braucht auch einen Erzähler, dem es auf Cliffhanger, Kehrtwenden und sogenannte Momente der Wahrheit ankommt – alles Sachen, die Hollinghurst nie mochte. Seine Spezialität sind groß angelegte, detailreiche Alltagsgemälde, die langsam wie hochgetürmte Wolkengebilde an uns vorbeiziehen. 

Dreizehn Jahre alt ist Dave in der ersten, sechzig Seiten umfassenden Wolke. Ein Stipendium des reichen Mark Hadlow hat ihm den Besuch der privaten Bampton-Schule ermöglicht, und nun verbringt er die Sommerferien auf dem Landgut des Stipendiengebers, der, kurios, auf diese Weise immer seine Stipendiaten kennenlernen will. Es wird eine ambivalente Einführung in den Upperclass-Code. Der distanziert zugewandte Mark Hadlow wird für Dave lebenslang ein rätselhafter Freund und Sponsor bleiben. Sein Sohn Greg unterwirft Dave beim Ringkampf und im Bett eher sadistischen Gepflogenheiten – Dave wird sie nie vergessen, wenn er Gregs Aufstieg zum maßgeblichen Brexit-Politiker beobachtet. Am Urlaubsende hat Dave, der sich meist als „Eindringling“ fühlt und seine Fremdheit später mit Imitationskünsten bewältigen wird, seine Lust am Theaterspiel entdeckt. „Er hat ein so nettes feierliches Gesicht – wie eine kleine braune Katze“, vernimmt er hinter sich beim Abschied. Noch schöner ist die Oxford-Wolke, in der Dave erste schauspielerische Erfolge hat und mit dem nicht schwulen Nick eine intime, unglückliche Liebe erlebt. 

Aber das Schönste in diesem Roman ist etwas anderes. Dass Hollinghurst der unbestrittene Meister der subtilen Oberklasse-Gruppenbilder ist, weiß man seit dem Roman Die Schönheitslinie, der ihm 2004 den Booker-Preis eingetragen hat. Nun hat er sich, wie man sagt, neu erfunden, mit einer Erzählung der Mutterliebe, die das Beste und Berührendste in diesem Roman, wenn nicht in seinem ganzen Schreiben ist. Die Muttergeschichte gibt diesem Buch eine Innigkeit, die Hollinghursts bisherigen gefehlt hat. Und sie wird zum Triumph seiner nicht handlungsgetriebenen Erzählkunst. Denn in der ausladenden Schilderung des kindlichen Zusammenlebens mit der Mutter, im Bild ihres Sterbens und in ihrer wunderbaren Liebesgeschichte mit der spät gefundenen Partnerin Esme – in all dem braucht es das gekonnte „Verweile doch, du bist so schön“ und nicht das öde „weiter, weiter“.

Nie gelingt dieses Verweilen so schön wie auf den letzten hundertfünfzig Seiten, auf denen Unsere Abende Prousts Wiedergefundener Zeit zu ähneln beginnt. Wie Marcel beginnt Dave seiner neuen Liebe Richard, dem Mann, den er heiraten wird, vom Buch, das wir gerade lesen, zu erzählen. Und wie Marcel besucht er die Orte seiner Jugend wieder. Es ist die Überlagerung des Damals und des Heute, die die Schönheit verdoppelt, nirgendwo so fein wie vor dem Schrank mit den Kleidern seiner toten Mutter. In ihnen kam sie ihm als Kind so schön vor, nun soll er sie wegwerfen?

Doch dieser Abschied ist nicht der letzte. Mark wird beerdigt. Und Dave wird am 28. März 2020, zu Covid-Zeiten, von einem notorischen Trinker und Kriminellen auf dem Heimweg totgeschlagen. „Scheiß schlitzäugige Schwuchtelfotze“, ruft der und torkelt weg. Und nochmals wechselt Hollinghurst das Stilregister: Den Totschlag sehen wir durch Richards Augen auf den Videos der Überwachungskameras. Und auf Daves Abschied von der Mutter folgt, nicht minder innig, der eines neuen, letzten Ich-Erzählers, Richard.

Alan Hollinghurst: Unsere Abende. Roman; aus dem Englischen von Joachim Bartholomae; Albino, Berlin 2025; 616 S., 28,– €