Deutsche Lufthansa: Vergangenheit im Nationalsozialismus

Um die Verstrickungen der Deutschen Lufthansa mit dem nationalsozialistischen Regime zu erkennen, reicht ein Blick auf das Führungspersonal. Erhard Milch saß im Vorstand der Lufthansa und war zugleich Staatssekretär im Reichsluftfahrtministerium unter Hermann Göring. Für diesen Posten hatte Milch sich selbst empfohlen. 1933 war er der NSDAP beigetreten, rückwirkend zum 1. April 1929 – also noch vor der Machtergreifung 1933. Später stieg er bis zum Befehlshaber der Luftwaffe auf.

Solche Laufbahnen waren kein Einzelfall. Vorstandsmitglied Carl August von Gablenz war zu Beginn des Zweiten Weltkriegs zugleich Chefplaner in Görings Ministerium. Von Gablenz organisierte ein Geschwader „zur besonderen Verwendung“, für das Junkers-Ju52-Flugzeuge für den Kriegseinsatz mit Lufthansapiloten umgerüstet wurden. Der Historiker Manfred Grieger spricht von „Behelfsbombern“.

Lufthansa legt neue Unternehmenschronik vor

Die Nähe des Unternehmens zur NSDAP war ausgeprägt. Adolf Hitler wurde im Wahlkampf 1932 ein Flugzeug gestellt. „Lufthansa war kein Unternehmen im Nationalsozialismus, es war ein Unternehmen des Nationalsozialismus“, sagt Grieger vom Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Georg-August-Universität Göttingen. Der Konzern habe der „verdeckten Aufrüstung“ gedient.

Während der Historiker das sagt, sitzt in der Konzernzentrale neben ihm Carsten Spohr, der Vorstandsvorsitzender der Deutschen Lufthansa. Widerspruch kommt von ihm nicht. Grieger hat im Auftrag des Konzerns, der in diesem Jahr den 100. Jahrestag der Gründung begeht, die gesamte Lufthansa-Geschichte aufgearbeitet. Die Ergebnisse sollen im März in einem 400-seitigen Band in den Buchhandel kommen und jedem Lufthansa-Beschäftigten – in einer deutschen oder englischen Version – überreicht werden. Lufthansa will ein Zeichen setzen, dass das Unternehmen den Umgang mit der eigenen Vergangenheit nachjustiert.

Im Gespräch: Lufthansa-Vorstandsmitglied Erhard Milch und Adolf Hitler stehen 1932 zusammen.
Im Gespräch: Lufthansa-Vorstandsmitglied Erhard Milch und Adolf Hitler stehen 1932 zusammen.Picture Alliance

Nach dem Neubeginn im Jahr 1955 hatte Lufthansa historische Episoden, über die man nicht gern sprach, lange Zeit ausgeblendet. Jahrestage feierte der Konzern lieber mit Bezug auf die zweite Betriebsaufnahme. Zuletzt war eine solche Feier 2015 zum 60-jährigen Bestehen geplant gewesen. Dazu kam nur deshalb nicht, weil damals die Germanwings-Tragödie, als ein Kopilot der Tochtergesellschaft ein Flugzeug absichtlich gegen einen Berg steuerte, den Konzern erschütterte. Jahrestage mit Bezug auf 1926 nutzte Lufthansa dagegen eher für Folk­lore – wie 2001, als der Konzern eine Modenschau mit Flugbegleiterkleidung aus 75 Jahren abhielt.

Damit soll nach dem Willen von Spohr endgültig Schluss sein. Diesen Willen spürt er nach eigenen Angaben auch unter den Beschäftigten. „Die Sorge, dass wir es uns zum 100. Gründungstag zu leicht machen, wenn wir auf die alte Lufthansa blicken, war groß“, sagt Spohr.

Nicht die erste Studie

Anlasslos sind diese Bedenken nicht. Die Aufarbeitung der Konzerngeschichte begann nicht unter Spohr. Schon 2001, zum 75. Jahrestag der Erstgründung, hatte Lufthansa den Historiker Lutz Budraß mit einer Zwangsarbeiterstudie beauftragt. Die Ergebnisse wollte man dann aber lieber doch nicht publizieren. 15 Jahre lang gab es die Studie nur auf Anfrage. Später veröffentlichte Lufthansa die Ergebnisse – als Anhang zu einer bilderreichen Dokumentation der Konzerngeschichte. Der Historiker Budraß brachte seine ergänzte Arbeit in einem eigenen Buch heraus. Es blieb der Eindruck hängen, dass der Konzern die Deutungshoheit nicht einem Wissenschaftler überlassen wollte.

Spohr gibt sich darüber zerknirscht: „Heute ist die Erkenntnis klar, dass der Umgang mit Herrn Budraß falsch war.“ Das damalige Agieren habe Lufthansa geschadet. „Wir haben sehr klar den Kurs gesetzt, dass wir jetzt mit dem Thema anders umgehen“, sagt Spohr. Zum anderen Umgang gehört, dass der Konzern das Thema der mehr als 10.000 Zwangsarbeiter noch einmal aufgreift und von der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte mit neu verfügbaren Dokumenten eine weitere Studie erstellen lässt.

Andrea Schneider-Braunberger, die Geschäftsführerin der Gesellschaft, lobt den Konzern. „Nur acht Prozent der deutschen Unternehmen haben sich mit eigenen Studien der NS-Zeit gewidmet“, sagt sie. Vornehmlich seien Banken, Versicherungen, Autohersteller und Chemieunternehmen aktiv geworden; aus anderen Branchen gebe es nur vereinzelte Untersuchungen. „Lufthansa zählt zu den wenigen Unternehmen, die sich dem Thema stellen“, sagt Schneider-Braunberger. Damit werde „kein Schlussstrich“ gezogen, wie die abermalige Untersuchung zeige.

Mehr Luftrüstungsunternehmen als Airline

Historiker Grieger hat für den Jubiläumsband schon Einiges aus der NS-Zeit zusammengetragen. Strategisch habe das Unternehmen sich in den 1930er-Jahren auf die Interessen des NS-Regimes nach Weltgeltung ausgerichtet. Das brachte Lufthansa eine besondere Phase des Wachstums, aber auch der Begrenzung. Expandieren konnte Lufthansa, weil das Unternehmen Wartungs- und Erprobungsarbeiten für militärisches Fluggerät übernahm. Einschränkend wirkte die Orientierung am NS-Regime, weil ihr diverse Bestrebungen für den Interkontinentalverkehr zum Opfer fielen. Finanziell blieb Lufthansa so vom Staat abhängig.

Fliegen 1936: Blick aus einem Büro auf das Vorfeld des Flughafens Berlin-Tempelhof
Fliegen 1936: Blick aus einem Büro auf das Vorfeld des Flughafens Berlin-TempelhofPicture Alliance

„Es ist besser, von einem Luftrüstungsunternehmen als von einer Airline zu sprechen“, sagt Grieger. Dabei trugen nicht alle den NS-Kurs mit. Ein Kritiker war Klaus Bonhoeffer, der Bruder des im Widerstand aktiven Theologen Bonhoeffer. Der Jurist stieg zum Chefsyndicus der Lufthansa auf, galt lange als unentbehrlich, wurde aber nach seiner Verhaftung noch wenige Wochen vor Kriegsende hingerichtet.

Insgesamt gab es nach Griegers Einordnung im Konzern nur wenige Erwartungen, dass es auch mal wieder etwas anderes als eine NS-Herrschaft geben könnte. Übertragen auf die Gegenwart versteht der Historiker das als Warnhinweis. Kooperierten Unternehmen mit autoritären Regimen, gehe es für sie meist erst aufwärts, dann aber rapide nach unten. Lufthansa besaß zum Kriegsende keine eigenen Flugzeuge mehr – sie waren zur Luftwaffe gelangt oder zerstört. Es folgte die Liquidation durch die Alliierten.

Tausende Zwangsarbeiter

Für die besonderen Aufgaben in der NS-Zeit – von der Wartung von Luftwaffenfliegern bis zur Montage von Funkmessgeräten für die Luftabwehr – brauchte Lufthansa viel Personal. In besetzten Gebieten wurden Frontreparaturstätten eingerichtet. Das Unternehmen beschäftigte ausländische Zwangsarbeitern und zum Dienst gezwungene Juden. Das lief nach den Schilderungen Griegers auf eine eigentümlich bürokratische Weise ab. So widmete Lufthansa sich dem Thema, einen Juden-Abort zu schaffen, weil diese Arbeiter nicht dieselben Toiletten wie Arier nutzen sollten. Im Jahr 1942 erschienen jüdische Arbeiter nicht mehr, weil sie ins Konzentrationslager transportiert worden waren. Aus dem Unternehmen sei dazu keine laute Nachfrage zu vernehmen gewesen, sagt Grieger.

Wenig Nachfragen gab es auch zum Neubeginn 1955. Formal entstand ein neues Unternehmen. Doch daran wirkten Personen mit, die schon vor dem Krieg mit Lufthansa zu tun hatten. Der ehemalige Vorstand Milch war nicht mehr dabei. Er wurde wegen der Ausbeutung von Zwangsarbeitern – teils mit Todesfolge – zu lebenslanger Haft verurteilt, kam später aber wieder frei.

Beteiligt am Neustart waren indes der frühere Verkehrsleiter Hans W. Bongers oder der ehemalige Ministerialdirektor im Reichsluftfahrtministerium, Kurt Knipfer. Er übernahm 1951 im bundesdeutschen Verkehrsministerium die Verantwortung für die Luftfahrt und damit für die staatliche Lufthansa. Vor dem Krieg hatte er im Lufthansa-Aufsichtsrat gesessen. Lufthansa nahm die vorhandenen Kompetenzen, die für den Neubeginn nötig waren. Die Alliierten billigten dies.

Im 100. Gründungsjahr – bezogen auf 1926 – macht Lufthansa das Traditionsflugzeug Junkers Ju52, den „Behelfsbomber“, wieder sichtbar – aber anders als in der Vergangenheit. Spohr erinnert sich daran, dass zur 50-Jahrfeier – bezogen auf die Neugründung 1955 – mit der Ju52 Ehrengäste eingeflogen wurden. Nun steht ein Exemplar des Flugzeugs prominent im neuen Konferenz- und Ausstellungszentrum am Frankfurter Flughafen, das bald eröffnet wird. Mit der Ausstellung der Ju52 lasse sich gut zeigen und erklären, sagt Grieger, dass es ein „ambivalentes Objekt“, eben ein Dual-Use-Flugzeug, gewesen sei.