V or 102 Jahren balsamierten sowjetische Ärzte den Körper des verstorbenen Führers des Weltproletariats ein. Am 23. Januar wurde der Sarg mit Lenins Leichnam aus dem Moskauer Umland in die Hauptstadt gebracht. Innerhalb weniger Tage nahmen über eine Million Menschen an dem feierlichen Abschied teil. Daraufhin wurden in den Zeitungen Briefe „der Werktätigen“ publiziert, die forderten, Lenins Körper für kommende Generationen zu bewahren.
Tatsächlich waren diese Briefe von Stalin initiiert. Er bestand darauf, Lenin „mit modernsten Methoden für viele Jahre zu konservieren“ und ihn in einem speziell errichteten gläsernen Grabmal unterzubringen.
Dagegen sprachen sich Lenins Weggefährten aus – Trotzki und Bucharin nannten dies eine „Beleidigung des Andenkens Lenins“. Auch Nadeschda Krupskaja war dagegen. Doch Stalin setzte sich durch: Die Sakralisierung des toten Lenin war für ihn politisch nützlich und verlieh der Parole „Stalin ist Lenin heute“ zusätzliches Gewicht.
ist Vorsitzende der Organisation „Zukunft Memorial“. Von ihr erscheint aktuell bei Droemer das Buch „Der Schlüssel würde noch passen. Moskauer Erinnerungen“.
Das anstelle des provisorischen Grabmals errichtete marmorne Mausoleum wurde zum wichtigsten sakralen Ort des Landes. Von hier aus begrüßten Stalin und seine Nachfolger jubelnde Menschenmassen, nahmen Militär- und Sportparaden ab.
Für ein halbes Jahrhundert wurde Lenin zu einem Symbol, auf das sich sowohl Täter als auch ihre Opfer beriefen. Im Großen Terror appellierten viele an den „guten Lenin“ im Gegensatz zu seinem vermeintlichen Antipoden Stalin, der die Ideale der Revolution „usurpiert“ habe. Dieses Bild des gütigen Lenin, des Volksbeschützers, hielt sich lange. Nach Stalins Tod wurden die Veränderungen im Land – der Verzicht auf den Massenterror, die Auflösung des GULAG, die Rehabilitierung von Opfern – in der Parteisprache als „Rückkehr zu den leninschen Normen“ bezeichnet. Diese Formel diente jedoch der Bewahrung des Partei- und Staatssystems.
Die Ehrenwache wurde abgeschafft
In den 1990er Jahren schien es, als sei die Gesellschaft bereit für einen Abschied. Die Schlange vor dem ersten McDonald’s in Moskau war deutlich länger als die vor dem Mausoleum – und das war ein Zeichen. Eine Entsakralisierung begann: Die Ehrenwache wurde abgeschafft, Lenins Figur verwandelte sich in ein Touristensouvenir – in eine Matrjoschka, aus der Stalin „herauskam“, gefolgt von weiteren sowjetischen Führern.
Mit Beginn der Perestroika erhielt Lenins Bild neue Konturen. Veröffentlichte Archivdokumente zeigten die Brutalität, mit der Lenin von Beginn der Machtübernahme an vorging – im Bürgerkrieg ebenso wie bei der Schaffung des Systems, auf dem später der Stalinismus errichtet wurde. Es schien, als habe endlich der wirkliche Abschied begonnen. Doch dazu kam es nicht.
Nicht nur aus Jelzins Angst vor Protesten der Kommunisten. Mitte der 1990er Jahre wurde eine wachsende Nostalgie nach der Sowjetzeit sichtbar – und mit ihr belebte sich auch die leninistisch-stalinistische Tradition. Auf dieser Nostalgie beruht auch die historische Mythologie Putins.
Bestandteil eines imperialen Konstruktes
Für Putin, der sich als orthodoxer Christ inszeniert, den Oktoberumsturz 1917 verurteilt und den Kult um die Zarenfamilie unterstützt – also all das bejaht, wogegen Lenin kämpfte –, hätte eine Entfernung Lenins aus dem Mausoleum unterstützen müssen. Doch Lenin ist – wenn auch in geringerem Maße als Stalin – Teil jener sowjetischen Erinnerung, die Putin heute wiederherstellt, als Bestandteil eines national-imperialen Konstruktes.
Deshalb ist das Mausoleum kein Museum, sondern bleibt als Symbol der mythologischen sowjetischen Erinnerung das wichtigste – wenn auch nicht das einzige – Lenin-Denkmal in Russland: Insgesamt gibt es rund 30.000.
