Renk-Chef Sagel zum Ukraine-Krieg: Russland wartet nicht, bis Europa aufgerüstet ist

Herr Sagel, glauben Sie noch an die NATO?

Ich halte die NATO für einen der wichtigsten Bausteine der europäischen Sicherheitsinfrastruktur. Das Verteidigungsbündnis hat in den vergangenen Dekaden bewiesen, wozu es fähig ist, auch wenn nach dem Fall der Mauer eine Neuorientierung erforderlich war. Aktuell stellt sich aber natürlich die Frage, wie sich die transatlantischen Beziehungen weiterentwickeln, etwa mit Blick auf Grönland. Ich persönlich bin aber Optimist, ich glaube an die Wirkkraft der NATO.

Kann Europa ein alternatives Verteidigungsbündnis aufbauen, sollte es tatsächlich zum Bruch kommen?

Europa muss seine Verteidigungsfähigkeit weiter stärken. Das kann Europa nur gemeinsam und in enger Abstimmung unter den europäischen NATO-Staaten schaffen. Europa muss selbständiger werden. Wir können nicht mehr darauf vertrauen, dass existierende Partnerschaften so funktionieren wie in der Vergangenheit.

Schließt das Großbritannien mit ein?

Ja, in jedem Fall. Das sehen Sie schon heute in der Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Großbritannien in der Entwicklung von Langstreckenwaffen. Es läuft schon viel in der europäischen Zusammenarbeit. Eine grenzüberschreitende Konsolidierung der Rüstungsindustrie sehe ich aber noch nicht. Diese muss zuerst auf nationaler Ebene erfolgen. Die europäische Zusammenarbeit wird sich in der Beschaffung verstärken. Das sehen Sie zum Beispiel beim Kampfpanzer Leopard 2, wo Deutschland eine führende Rolle einnimmt, um für andere Länder des Bündnisses eine größere Verhandlungsmasse zu erreichen. Ein weiteres Beispiel ist die European Sky Shield Initiative. Hier haben sich zur Stärkung der Luftverteidigung 24 europäische Länder zusammengeschlossen, um eine gemeinsame Beschaffung und gemeinsame technologische Fähigkeiten aufzubauen.

Werden Sie an der vom 13. bis 15. Februar in München stattfindenden Sicherheitskonferenz teilnehmen?

Wir werden uns in München mit Kunden sowie Partnern treffen. Neben Branchen-Events ist es mir sehr wichtig, in der Produktion an unseren Standorten vor Ort zu sein. Am Ende des Tages entscheidet das operative Geschäft, wie erfolgreich wir sind. Hier wird unsere Strategie umgesetzt.

Der Rüstungsbedarf lässt sich an den Aktienkursen der Rüstungsunternehmen erkennen. Worauf achten Ihre Investoren?

Sie fragen sich, was passiert, sollte es in der Ukraine zu einer Friedensvereinbarung kommen. Immer dann, wenn es Gespräche diesbezüglich gab, hat das die Rüstungsaktien belastet. Doch das ist eine falsche Reaktion. Zwar wünsche ich der ukrainischen Bevölkerung ein stabiles Friedensabkommen, aber selbst dann wird die Ukraine ihre Waffenbestände wieder auffüllen müssen. Die europäischen Nationen werden die Ukraine hier nicht nur mit Geld unterstützen, sondern auch mit Waffensystemen und -plattformen. Daran wird Renk beteiligt sein.

Alexander Sagel, Vorstandschef des Rüstungsunternehmens Renk
Alexander Sagel, Vorstandschef des Rüstungsunternehmens RenkThomas Dashuber

Wie groß ist Ihr Ukraine-Geschäft?

Bisher haben wir in der Ukraine selber kein Geschäft. Als Komponentenlieferant sind wir hier weniger sichtbar als Systemhäuser und vielleicht nicht immer in der ersten Reihe. Im vierten Quartal 2025 haben wir größere Verträge im jeweils mittleren zweistelligen Millionenbereich für Instandsetzung und Ersatzteile abgeschlossen.

Der Rüstungsbedarf steigt. Wie stockt Renk die Kapazitäten auf?

Durch operative Performance. Das bedeutet: Wir werden in Deutschland die Produktion von Panzergetrieben von 700 im vergangenen Jahr bis zum Ende der Dekade fast verdreifachen. Dazu werden wir investieren, im Schnitt drei Prozent vom Umsatz. Das ist im Vergleich zu anderen Unternehmen im Sektor ein eher geringer Investitionsaufwand. Denn wir sind in der glücklichen Lage, kein neues Werk bauen zu müssen. Stattdessen können wir vorhandene Werke für das Rüstungsgeschäft umwidmen. Unser Werk in Rheine hat sich bislang auf das Industriegeschäft konzentriert. Doch dieser Bereich liegt nicht mehr in unserem Fokus, weil wir uns als Rüstungsunternehmen verstehen.

Bis zum Jahr 2030 soll der Umsatzanteil der Rüstung von 72 auf 90 Prozent steigen, während er im zivilen Geschäft, im Wesentlichen mit Gleitlagern, Kupplungen und Industriegetrieben, von 28 auf zehn Prozent sinken soll.

Unser Wachstumsschwerpunkt wird Rüstung sein, auch was die Kapitalallokation betrifft. Im zivilen Bereich wollen wir auch wachsen, aber wir legen dort den Fokus auf mehr Effizienz. Unser Alleinstellungsmerkmal ist der hohe Anteil des Geschäfts mit Instandhaltung und Ersatzteilen. Es macht 40 Prozent des Umsatzes aus. Das After-Market-Geschäft ist unser profitabelster Bereich.

Neben der Umwidmung von Werken investieren sie auch in das Verteidigungsgeschäft. Wie viel wollen sie investieren?

Wir sind kürzlich der Initiative „Made for Germany“ beigetreten. Wir werden in den nächsten zwei bis drei Jahren über 300 Millionen Euro in Deutschland investieren – in neue Technologien, Kapazitäten und in Digitalisierung.

Fühlen Sie sich in Deutschland wohl?

Ja, sehr sogar. Man kann vieles am Standort schlechtreden, doch die Rahmenbedingungen stimmen hier: Wir haben Stabilität, Fachkräfte und Infrastruktur, was uns von vielen anderen Standorten abhebt. Ohne Zweifel gibt es viele Baustellen, über die geredet werden muss. Wir werden aber in Deutschland investieren. Das ist ein klares Bekenntnis zum Standort.

Wo sind Ihre wichtigsten Standorte im Ausland?

Am wichtigsten sind die Vereinigten Staaten. Die dortigen fünf Werke haben wir in den vergangenen sechs Jahren hinzugekauft. Nach Augsburg ist unser zweitgrößtes Werk in Muskegon am Lake Michigan. Wir verfügen in Frankreich und Großbritannien über größere Produktionsstandorte. Im vergangenen Jahr haben wir in Indien ein neues Werk in Betrieb genommen. Indien halten wir für einen strategischen Markt, nicht nur im Verteidigungsgeschäft.

Renk-Chef Alexander Sagel im Gespräch
Renk-Chef Alexander Sagel im GesprächThomas Dashuber

Wo machen Sie am meisten Geschäft?

Wir sind regional sehr diversifiziert aufgestellt. Grob erzielen wir jeweils ein Viertel des Umsatzes in Deutschland, Europa, Nordamerika und Asien. Für ein europäisches Rüstungsunternehmen haben wir einen außergewöhnlich hohen Umsatzanteil in den USA. Dort sind wir mit Panzergetrieben schon gut vertreten, im militärischen Schiffbau wollen wir wachsen.

Wie kommen Sie mit den US-Zöllen zurecht?

Grundsätzlich bin ich gegen Zölle, weil sie der gesamten Wirtschaft schaden. In den Vereinigten Staaten stellen wir unsere Produkte zu fast 99 Prozent vor Ort her. Wir werden in Washington D.C. als amerikanisches Unternehmen wahrgenommen.

Sie planen Akquisitionen in den kommenden Jahren, mit denen 2030 ein zusätzliches Umsatzvolumen von einer Milliarde Euro geschaffen werden soll. Stocken Sie damit ihre Kapazitäten auf?

Nein, weil wir Zukäufe nicht im Bereich Panzergetriebe planen, sondern im Marinebereich. In diesem Segment wollen wir weiter wachsen. Hier wollen wir aber nicht unsere Kapazitäten erweitern, sondern neue Marktzugänge öffnen oder in neue Produktgruppen vorstoßen.

Wie viel kann Renk für Akquisitionen ausgeben?

Wir sind ein Unternehmen, das sehr viele liquide Mittel generiert. Diese Mittel setzen wir für organisches Wachstum, neue Technologien sowie kleinere Akquisitionen ein. Wir blicken auf Unternehmen mit einem Umsatz im niedrigen bis hohen dreistelligen Millionenbereich. Die Finanzierung stellt kein Problem dar, weil sich unser Zugang zum Kapitalmarkt in den vergangenen Jahren grundlegend verbessert hat.

Sie könnten sich auch vom zivilen Geschäft trennen?

Für den Bereich Industriegetriebe brauchen wir die Synergien in der Produktion. Sie werden auf den gleichen Anlagen hergestellt wie die Getriebe für die Schifffahrt. Für Erneuerbare Energien wie zum Beispiel Wasserstoff bieten wir attraktive Getriebe und Kupplungstechnologien an. Das Thema Klimawandel ist zuletzt etwas in den Hintergrund gerückt. Aber irgendwann werden wir uns mit dem Klimawandel wieder beschäftigen müssen. Deshalb wollen wir diese Technologien behalten.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung?

Wir brauchen Software, um die von unseren Kunden erwarteten Fähigkeiten umsetzen zu können. Das gilt insbesondere für das autonome Fahren, für das wir entsprechende Software benötigen. Dafür haben wir ein Netz an Partnern aufgebaut, wie zum Beispiel mit dem Start-up Arx Robotics oder mit dem Halbleiterhersteller NXP.

Wie lässt sich ein Panzer digitalisieren?

Mit smarten, also digitalisierten Fahrwerksystemen. Diese ermöglichen ein aktives Dämpfen in Abhängigkeit vom Untergrund. Wenn der Panzer über einen steinigen Untergrund fährt, wackelt er und kann nicht schnell fahren. Zudem muss die Kanone stabilisiert werden. Dies lässt sich durch digitalisierte Fahrwerksysteme vermeiden, weil diese über Sensoren den Untergrund vorfühlen und nachfedern können. Mit aktiver Steuerung kann der Panzer in einem schwierigen Gelände schneller fahren als ohne. Mobilität und Geschwindigkeit schützen, auch vor Drohnen. Ähnlich ist es in der Schifffahrt, wo sich digitalisierte Systeme schneller an die Bedingungen zur See anpassen können.

Was verfolgen Sie in Ihrer Kooperation mit Arx Robotics?

Wir untersuchen drei Arbeitsfelder: Erstens, wie können wir Arx in der Internationalisierung unterstützen. Wir sind in den Vereinigten Staaten sehr gut positioniert, um Arx-Produkte über unsere Vertriebskanäle verkaufen zu können. Zweitens können wir Arx-Technologien für unsere Produkte nutzen. Drittens können wir gemeinsam oder mit Partnern neue Produkte, also unbemannte Plattformen, herstellen.

Wo kann eine solche Panzer-Drohne eingesetzt werden?

Der Begriff gefällt mir nicht, wir sprechen bewusst von einem autonomiefähigen Kettenfahrzeug. Es gibt hier schon Prototypen, die aber noch nicht allen Anforderungen der Kunden gerecht werden. Ein unbemanntes Kettenfahrzeug, wie wir es uns vorstellen, sollte in einer Gewichtsklasse von fünf bis 20 Tonnen liegen, 90 Kilometer in der Stunde fahren und eine Last von bis zu drei Tonnen tragen können. Das ist nötig, um Kampfpanzer wie den Leopard 2, der 60 bis 70 Tonnen schwer ist, im Gefecht mit Munition unterstützen zu können. Dann kann der Soldat, der ansonsten den Lastwagen mit Munition fahren muss, geschützt werden. Der Soldat ist das wertvollste Gut. Auf die Plattform lässt sich auch ein Turm mit Kanone bauen. Wir sehen für die unbemannten Plattformen einen Massenmarkt, der ab dem Jahr 2030 deutlich wachsen wird. Wir werden in diesem Jahr unser Konzept auf der Messe Eurosatory in Paris vorstellen.

Viele Autozulieferer blicken derzeit auf das wachsende Rüstungsgeschäft. Befürchten Sie neue Konkurrenz?

Grundsätzlich halte ich mehr Wettbewerb für gut, denn er hält uns fit und schlank. Aber schlaflose Nächte habe ich nicht. Das Getriebe für ein Kettenfahrzeug ist komplexer als für ein Auto, weil es ganz anderen Belastungen standhalten muss. Wir decken zudem die gesamte Wertschöpfungskette ab. Selbst die Prüfstände werden im Haus entwickelt. Und ein entscheidendes Argument lautet: Renk liefert. Wir haben unsere Zuverlässigkeit über Jahre hinweg bewiesen, in der technischen Kompetenz und in der Lieferfähigkeit. Zuverlässigkeit ist in der Rüstungsindustrie heute eines der wichtigsten Güter.

Wäre eine Kooperation mit Autozulieferern denkbar?

Es gibt für uns aktuell keinen Grund, einen Teil der Wertschöpfungskette aufzugeben. Wir sind mit unseren Lieferketten genau so aufgestellt, dass wir die erforderlichen Mengen abdecken können.

Wie zuverlässig ist die Rüstungsindustrie, wenn Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius eine höhere Geschwindigkeit fordern muss?

Ich kann die Kritik nachvollziehen. Viele Aufträge und Projekte werden unter Vertrag genommen. Dafür gibt es Geld. Die Bundesregierung hat sich zur Aufrüstung klar bekannt und entsprechende Mittel bereitgestellt. Die Regierung und das Verteidigungsministerium haben Wort gehalten. Nun müssen Taten folgen. Die Abschreckung wird nur dann wirksam sein, wenn die Bundeswehr über mehr Waffen verfügt. Dafür ist nun die Industrie verantwortlich. Man kann nicht mehr die öffentliche Hand verantwortlich machen. Das Beschaffungsamt der Bundeswehr in Koblenz ist inzwischen deutlich schlagkräftiger aufgestellt als noch vor Beginn des Ukraine-Kriegs.

Die Rüstungsindustrie muss nun liefern. Es ist aufgrund der Komplexität der verschiedenen Plattformen nicht immer einfach. Das Hochskalieren ist bei neuen Waffengattungen nicht so einfach möglich. Zunächst müssen die technischen Fähigkeiten entwickelt werden. Es handelt sich um sehr komplexe Produkte. Die Industrie bemüht sich um ein höheres Tempo. Das ist ein Kraftakt, aber wir können es uns nicht leisten, zu warten. Russland wird nicht warten, bis wir aufgerüstet sind.

Muss Renk das Personal aufstocken?

Natürlich, aber nicht mehr so wie in den vergangenen Jahren. Das liegt an unserer effizienteren Produktion, damit können wir heute mit weniger zusätzlichem Personal deutlich mehr produzieren. In Augsburg werden wir im Jahr 2030 ungefähr 2400 Mitarbeitende haben, derzeit sind es 2000. In 2022 waren es in Augsburg rund 1200. Wir arbeiten beispielsweise in der Montage der Getriebe für Landsysteme noch immer mit einer Schicht und fünf Wochentagen. Die Schicht begleiten 40 bis 50 Mitarbeitende. In Zukunft werden wir eine zweite Schicht einführen müssen, die durch Effizienzgewinne von deutlich weniger Personal begleitet werden muss. Wir können inzwischen mit der gleichen Zahl an Mitarbeitenden deutlich mehr Getriebe bauen. Gleichzeitig wachsen wir.

Haben Sie Probleme geeignetes Personal zu finden?

Nein. Zum einen ist Renk nach dem Börsengang für Bewerber deutlich sichtbarer geworden. Zum anderen sehen Absolventen Rüstung inzwischen positiv. Sie wollen ihren Beitrag zur Verteidigungsfähigkeit leisten. Schließlich reizt sie auch die damit verbundene Technologie. Das gilt insbesondere für Ingenieure.

An seiner Begeisterung für Technik lässt Alexander Sagel die Besucher des Renk-Werks in Augsburg teilhaben. Seien es Panzer- oder Schiffsgetriebe, der 55 Jahre alte Vorstandsvorsitzende des im M-Dax notierten Unternehmens kennt die Eigenschaften der Produkte genau. Als promovierter Materialforscher ist er bestens vertraut mit den Anforderungen, die Produkte für den Einsatz im Krieg aufweisen müssen. Dabei vergisst Sagel nicht die betriebswirtschaftlichen Erfordernisse, geht es darum, die Produktion an den deutlich gestiegenen Rüstungsbedarf anzupassen. Das Geschäft hat er im Rüstungskonzern Rheinmetall schon kennengelernt. Dort war er von 2005 bis 2023 tätig, zunächst im Automobilbereich. Im Jahr 2018 wechselte er in das Verteidigungssegment von Rheinmetall. Im Jahr 2024 ging er zu Renk, um im Februar 2025 den Vorstandsvorsitz von Susanne Wiegand zu übernehmen.