D ies ist also das Vokabular, das gleich in den Sinn kommt bei Laura J. Padgetts neuen Fotografien: Hervorlugen, Herausragen, vielleicht auch Durchbrechen, Hindurchzwängen, Überwuchern. Die erste Natur bahnt sich ihren Weg in den Bildern der Frankfurter Künstlerin, die gerade in der Galerie Peter Sillem ausgestellt werden.
Nicht so brachial, eher beständig, eingehegt in Kästen, Mauern, Gärten, Gewächshäusern. Aber, das wird deutlich, unaufhaltsam. Blätter scheinen durchs halbgekippte Fenster einer botanischen Einrichtung nach draußen zu schielen, vielleicht schon in grauer Vorahnung, dass sie irgendwann dorthin ausgewildert werden sollen. Auch das natürlich rein menschliche Interpretation – wie die Fotografie schlechthin, woraus die Künstlerin kein Geheimnis macht.
Padgett wurde 1958 in Cambridge, Massachusetts, geboren, hat in New York Malerei studiert und später an der Frankfurter Städelschule bei Peter Kubelka experimentellen Film. Oft sind es Architekturen im weiteren Sinne, die sie in den Fokus ihrer Film- oder wie jetzt Fotokamera rückt.
Laura J. Padgett: „Bliss“. Galerie Peter Sillem, Frankfurt am Main, bis 28. 2. Zur Ausstellung erscheint ein Booklet, 12 Euro.
Fokus auf die gestaltete Umgebung
Auch private Gärten, in England oder Jordanien, gehörten schon dazu. Nicht die leere, urwüchsige Landschaft interessiert die Künstlerin, sondern die auf den Menschen bezogene (und von diesem mehr oder weniger gestaltete) Umgebung. Für die aktuelle Serie „Bliss“ hat sie Stadtgrün in Frankfurt, Basel und Brooklyn eingefangen.
Die Logik analoger Arbeitsweisen hat die Künstlerin nie ganz verlassen, auch wenn die Kamera inzwischen digital ist. Noch immer fotografiert sie eher wenige Bilder. Orte besucht sie oft mehrmals, teils über lange Zeiträume. Das Motiv selbst entsteht eingedenk dieser Vorbereitung schnell, im Moment selbst. Das Resultat ist eine Fotografie wider die Überwältigung, die auf den ersten Blick geradezu unspektakulär anmuten kann.
Katharina J. Cichosch
Katharina J. Cichosch, freie Autorin und Kunstkritikerin, lebt in Frankfurt am Main.
Im Ausstellungsraum addieren sich die großformatigen (und ungerahmten) Ausschnitte von Grün zu einem Mehr als die Summe ihrer einzelnen Teile: So sieht sie offenkundig aus, die städtische Botanik, und das ist doch schon allerhand.
Der Blick von außen
Padgetts Bilder machen sich keine romantisch überhöhte Vorstellung von ihrem Sujet, geben aber auch keine allzu kühle Distanz vor. In dieser vermeintlich nüchternen Betrachtung liegt viel Fantastisches. Ein zugewandter Blick auf ebendiese Natur, der Mensch davon ein Teil und zugleich auch nicht, mit seiner Fähigkeit zum Blick von außen.
Der fällt im letzten Ausstellungswinkel auf eine kurze Videoarbeit, aufgenommen vor einem Brunnen in New York City, in der beiläufig These und Antithese, kontrolliertes und unbeherrschbares Naturbild zusammentreffen: Ein Vorhang aus künstlichem Wasserfall rauscht wie ein unveränderliches Standbild, bis einige Spatzen den Ausschnitt von rechts betreten, kurz verweilen und mittig links wieder herausfliegen.
