Dramatischer hätten die letzten Sekunden nicht ablaufen können. 9. Februar 2025: Noch zehn Sekunden bis zum Ziel, der Qualifikation für die Olympischen Winterspiele 2026, das deutsche Team führt gegen Ungarn 2:1. Noch drei Sekunden, noch zwei. Die ersten deutschen Spielerinnen springen jubelnd von der Bank über die Bande und stürmen aufs Eis. Doch die Ungarinnen lösen sich aus der Ecke, der Puck kommt einmal vor das Tor von Sandra Abstreiter, noch eine Sekunde – und plötzlich liegt die Scheibe hinter der Linie. Ekstase bei den Ungarinnen, dieses Last-second-2:2 hätte sie nach Mailand geführt; Freudensprünge aber auch bei den deutschen Spielerinnen, die sich als Siegerinnen fühlen – und schließlich vom Schiedsgericht recht bekommen. Beim vermeintlichen Ausgleich der Ungarinnen war die Spielzeit um Sekundenbruchteile abgelaufen.
Die Ungarinnen um den ehemaligen deutschen Männer-Bundestrainer Pat Cortina weinten, die deutschen Spielerinnen weinten auch. Aber vor Glück. Und die mehr als 2500 Zuschauer beim Qualifikationsturnier in Bremerhaven applaudierten im Stehen. Nach 2002, 2006 und 2014 ist das deutsche Frauen-Eishockeyteam zum vierten Mal für Olympia qualifiziert, erstmals seit 2006 kann der Deutsche Eishockey-Bund (DEB) wieder ein Männer- und ein Frauenteam zu den Spielen schicken. „Das ist ein bedeutender Moment für den deutschen Eishockeysport“, sagte DEB-Sportdirektor Christian Künast. „Dieses Team hat sich die Teilnahme hart erarbeitet.“

:Olympia 2026: Wettkämpfe und Entscheidungen im Zeitplan
Am 6. Februar werden die Olympischen Winterspiele 2026 im Mailänder San Siro-Stadion eröffnet. In unserer Übersicht finden Sie, wann welche Medaillenentscheidung stattfindet.
Fast auf den Tag genau ein Jahr nach der erfolgreichen Qualifikation trifft Deutschland an diesem Donnerstag (12.10 Uhr) zum Turnierauftakt auf Schweden, die weiteren Gegner in der Vorrunde sind Japan (Samstag), Frankreich (Montag) und Gastgeber Italien (Dienstag). „Wir wollen auf dieser großen Bühne das Frauen-Eishockey bestmöglich präsentieren“, sagt Künast. Leichter gesagt als getan.
Dass die Frauen schon einen Tag vor der offiziellen Eröffnung ranmüssen, hat nicht nur organisatorische Gründe. 22 Nationen, zehn bei den Frauen, zwölf bei den Männern, kämpfen bis 22. Februar um Medaillen. 58 Spiele binnen 18 Tagen in zwei Hallen, das bedeutet bis zu drei Partien pro Tag und Halle – eine Belastung für Eis und Logistik. Bis die Männer am 11. Februar ins Turnier einsteigen, werden die Frauen ihre Vorrunde abgeschlossen haben. Und wenn dann erstmals nach 14 Jahren Absenz die NHL-Profis zu sehen sein werden, so denken die Ticketverkäufer, dann beginnt das Turnier ja erst so richtig.
Für die deutschen Frauen nichts Neues. In den vergangenen zwei Jahren erlebten sie beim Deutschland Cup in Landshut, um wie viel höher die Aufmerksamkeit ist, wenn sie parallel zu den Männern spielen. Für Frauen-Bundestrainer Jeff MacLeod eine gute Vorbereitung auf die Olympischen Spiele, denn „der Druck und die Medienpräsenz sind hier viel höher“. Mehr als 3200 Zuschauer sahen im vergangenen November das diesmal überdeutliche 9:1 gegen ein verjüngtes ungarisches Team, Zahlen, wie sie die Spielerinnen aus der Deutschen Frauen Eishockey Liga (DFEL) nicht gewohnt sind. Dort teilen sich die Eisbären Berlin und Meister Memmingen Platz eins in der Statistik mit jeweils etwas mehr als 2000 Zuschauern; nicht pro Partie allerdings, sondern in Summe der bisherigen Saisonspiele. Im Schnitt spielen beide Teams – Quelle: DEB – vor 98 Menschen. Ohne TV-Präsenz sind die Frauen quasi unsichtbar.

Dazu kommen strukturelle Probleme. Es fehlt an Sponsoren, Hallen, Eiszeiten und vor allem an Nachwuchs. Bis zum Alter von 16 Jahren spielen die meisten Mädchen gemeinsam mit den Jungen, weil es kaum Mädchenteams gibt. Die DFEL umfasst nur noch fünf Klubs, neben Berlin und Memmingen kommen sie aus Mannheim, Ingolstadt – und Budapest. Talentierte Spielerinnen stehen mit 17 Jahren vor der Wahl zwischen dem frühen Karriereende, einem riskanten Wechsel ins Ausland oder einer Mehrfachbelastung in der DFEL, die sehr viele persönliche Opfer verspricht. Die Perspektiven sind alles andere glamourös.
Der Weg von Stürmerin Franziska Feldmeier zu den Olympischen Spielen ist typisch für viele andere aus dem deutschen Kader. Die gebürtige Münchnerin durchlief die Nachwuchsausbildung beim TSV Erding und spielte dort bis zur Jugend mit Jungen in einer Mannschaft. Schon mit 15 trat sie parallel für den ESC Planegg in der Frauen-Bundesliga an, mit dem sie vier seiner acht Meistertitel feierte. 2024 aber zog sich der Rekordmeister nach 30 Jahren zurück, ein Tribut an die Umstände: keine eigene Eisfläche geschweige denn eine eigene Halle; zum Training und für die Heimspiele mussten die Planeggerinnen jeweils mit Sack und Pack in die umliegenden Landkreise nach Bad Tölz, Miesbach oder Grafing ausweichen.
„Deutschland hinkt in der Nachwuchsausbildung bei den Mädchen schon sehr hinterher, weil die meisten Vereine doch nur Jungs ausbilden“, sagt Feldmeier. „Du musst also immer besser sein als der beste Junge, damit du eine faire Chance bekommst. Und das ist halt nicht immer der Fall.“ Die Folge sei, dass viele Mädchen mit dem Sport aufhörten.
Bundeswehr, Studium, Berufsausbildung: Eine Eishockeykarriere verspricht Frauen viele persönliche Opfer
Feldmeier ging, als sich das Aus in Planegg abzeichnete, für ein Jahr nach Schweden. Menschlich und sportlich, sagt sie, „war das eine sehr coole Erfahrung, das geht schon alles ein bisschen professioneller zu“. Aber das Gefühl zog sie wieder in die Heimat. Seit 2024 spielt die 26-Jährige für die Eisbären Juniors Berlin. „Unsere Importspielerinnen dort kommen beide aus Halifax in Kanada. Dort haben sie in einer Stadt mehr Eisflächen als wir in einem ganzen Bundesland.“ Eisflächen allein würden das Problem aber nicht beheben, dazu brauche es auch Trainer. Und vor allem Kinder. „Ich glaube, dass es durch die Olympischen Spiele jetzt schon eine Möglichkeit gibt, Kinder zu animieren, hoffentlich auch viele Mädels“, sagt Feldmeier. „Aber dann muss man natürlich auch die Rahmenbedingungen schaffen.“
Dabei wäre der Rahmen eigentlich vorhanden, „man muss sich nur die DEL-Vereine anschauen“, also die Klubs aus der Männerliga. „Man müsste sich halt mal dazu bekennen, auch ein Frauenteam aufzustellen“, sagt Feldmeier. So wie es der Fußball vorexerziert hat. „Es gibt auch viele, die sehr offen dafür sind.“ Aber das Tagesgeschäft sei eben – noch? – Männer-Eishockey. „Die DFEL ist jetzt sportlich nicht so attraktiv. Deswegen ist es umso wichtiger, dass ältere Spielerinnen aufzeigen, dass das auch Potenzial hat. Ich hoffe, dass uns die Olympischen Spiele voranbringen.“
Klingt wie die Quadratur eines Teufelskreises. Feldmeier selbst musste sich breit aufstellen, um Eishockey auf Olympianiveau spielen zu können. „Ich habe Industriekauffrau gelernt, studiere momentan und mache einen Bachelor in Human Resources (Personalmanagement, Anm. d. Red.). Und ich bin ja auch bei der Bundeswehr, ansonsten wäre das nicht möglich.“ Und über allem bleibt stets die Frage: Wofür der ganze Aufwand?
Viele deutsche Nachwuchsspieler und auch -spielerinnen blicken sehnsüchtig nach Nordamerika, wo sich Hochleistungssport und Berufsausbildung besser vereinen lassen. Eine, die den Weg ans College gegangen ist, ist Verteidigerin Tabea Botthof. Die 25-Jährige wechselte mit 17 in die USA, spielte vier Jahre für die Yale University. Seit 2023 ist auch sie zurück in Deutschland, bei den Mad Dogs Mannheim, und studiert im nahen Heidelberg Medizin. Vor allem Neurologie und Orthopädie interessierten sie, überhaupt die Sportmedizin. Wäre für sie nicht ein Wechsel in die Professional Women’s Hockey League (PWHL), die US-Profiliga der Frauen, eine Option gewesen? In Torhüterin Sandra Abstreiter (Montreal), Laura Kluge (Boston) und Nina Jobst-Smith (Vancouver) stehen drei Deutsche in der PWHL unter Vertrag, dort spielen sie regelmäßig vor 18 000 Zuschauern, die Liga wächst. „Es ist natürlich attraktiv, wenn man sieht, es gibt Ligen, in denen man spielen könnte vom Niveau her, die einfach bessere Gegebenheiten haben“, sagt Botthof. Sie hoffe aber auf die Entwicklung in Deutschland: „Ich glaube, Professionalisierung ist das entscheidende Wort. Es wird sportlich immer besser. Es sind zwar weniger Teams in der Liga, aber mehr Qualität. Das hat schon Potenzial. Es ist ein Prozess, aber er hat begonnen, und ich bin sicher, dass das weitergehen wird.“
Wie definiert sich Erfolg für die deutschen Eishockeyspielerinnen? Die Teilnahme in Mailand steht für viele über allem. In den Kampf um die Medaillen werden sie kaum eingreifen können, aber die Chance auf das Viertelfinale ist reell. Dafür muss das Team von Jeff MacLeod in seiner Gruppe mindestens Dritter werden. Bei den vergangenen Weltmeisterschaften belegte es die Ränge sechs und acht.
Alle Spielerinnen aus dem aktuellen deutschen Kader werden ihre olympische Premiere feiern. Für Kapitänin Daria Gleißner sind es genau genommen zwar die zweiten Spiele nach 2014; damals musste die heute 32-Jährige wegen einer Verletzung allerdings vorzeitig aus Sotschi abreisen. Auf eine solche zweite Chance, wie Gleißner sie nun bekommt, muss auch Tabea Botthof hoffen. Bei den Testspielen zum Jahresende gegen Österreich zog sich die Abwehrspielerin eine Verletzung der Halswirbelsäule zu. Aus der Traum von Olympia.
Bei der mentalen Verarbeitung ihres Pechs hilft Botthof vielleicht ihr Studium: Sie besitzt bereits einen Bachelor in Psychologie.
