80 unangenehme Minuten für Dieter Zetsche – Wirtschaft

Eigentlich ist Dieter Zetsche immer gerne in Stuttgart, an seiner alten Wirkungsstätte, wo er bis 2019 insgesamt 13 Jahre lang die damalige Daimler AG führte. Doch auf den Termin am Dienstag hätte Zetsche wohl lieber verzichtet. Da musste der 72-Jährige nämlich vor dem Oberlandesgericht Stuttgart die unangenehme Frage beantworten, ob es unter ihm als Vorstandschef die strategische Entscheidung gegeben hat, bei den Abgasen der Dieselmotoren zu schummeln. Viele Aktionäre sehen das so. Sie argumentieren, der damalige Vorstand habe sie um viel Geld gebracht, weil er sie nicht darüber informiert habe. Insgesamt 1,3 Milliarden Euro Schadenersatz fordern sie von Mercedes.

Zetsche, immer noch der Mann mit dem Schnauzer, trägt eigentlich gerne Turnschuhe. Vor Gericht hat er Anzug und schwarze Lederschuhe an. Ob der Vorstand damals entschieden habe, bei den Abgaswerten zu tricksen? „Die hier vorgetragene Behauptung ist aus meiner Sicht schlicht falsch“, sagt Zetsche. Der Ex-Daimler-Chef ist noch gut im Thema, er spricht klar, hat kaum eine Erinnerungslücke. Mit Detailfragen der Zulassung habe man sich im Vorstand nicht befasst, sagt er, auch nicht mit solchen, die sich um die Abgaswerte drehten. Das habe sich erst geändert, als im September 2015 der Abgasskandal um Volkswagen öffentlich wurde. Damals habe man die Verantwortlichen aus der Entwicklung einbestellt und gefragt, ob es Anlass gebe, dass solche Manipulationsvorwürfe auch Mercedes treffen könnten. „Das wurde abschlägig beschieden.“

Er plaudert immer noch gerne, etwa über sein Leben zwischen Deutschland und Frankreich

Der promovierte Ingenieur Dieter Zetsche war erst am vergangenen Donnerstag in Stuttgart gewesen. Im Mercedes-Benz-Museum wurde die neue S-Klasse vorgestellt, und der ehemalige Vorstandsvorsitzende war mittendrin. Auch wenn die große Bühne längst seinen Nachfolgern gehört, geht Zetsche keinem Gespräch aus dem Weg. Noch lange nach Ende der Autoshow steht er oben auf der kleinen Bühne neben der neuen Mercedes-Limousine. Er plaudert immer noch gerne, etwa über sein Leben zwischen Deutschland und Frankreich, doch zitiert werden möchte er nicht. So hält er es immer, wenn er bei den Veranstaltungen seines Ex-Arbeitgebers auftaucht – was regelmäßig vorkommt.

Im September 2021 etwa, auf der Automesse IAA in München. Mercedes präsentierte da seine Fahrzeuge beim traditionellen Messe-Vorabend. Damals wirkte er sehr zufrieden mit dem, was sein Nachfolger Ola Källenius aus der Marke mit dem Stern gemacht hatte. Einen Satz durfte man ausnahmsweise zitieren. Es sei ihm noch nie bange gewesen um die deutsche Autoindustrie. Alles wird gut, so sieht Zetsche es offenbar auch jetzt noch. Krisen habe es schon immer gegeben, sagte er vergangenes Jahr dem Stern, „wir sind immer gestärkt aus solchen Krisen gegangen.“

Auch wenn er nicht wie ursprünglich geplant als Aufsichtsratschef zu Mercedes (Daimler teilte sich in Mercedes und Daimler Truck)  zurückkehrte, lässt ihn die Marke mit dem Stern nicht los. „Es gibt auch anderes im Leben als Daimler“, sagte er zwar in einem Interview. Doch ein Leben ganz ohne Daimler gibt es für ihn offenbar auch nicht. Bei Mercedes, so hört man, sei er immer noch ein gern gesehener Gast auf Veranstaltungen. Wenn man ihn dort beim Smalltalk um die neuesten Autos herumstreifen sieht, merkt man schnell, warum ausgerechnet dieser Mann mit Schnauzbart und Turnschuhen dem einst als bieder und altbacken geltenden Stuttgarter Autohersteller eine gewisse Lockerheit beigebracht hat. Die größte Errungenschaft seiner Karriere sei gewesen, „die Marke wieder cool gemacht“ zu haben, sagt Zetsche. Legendär, als er vor langer Zeit als „Dr. Z“ in den USA selbst den Hauptdarsteller in einer Werbekampagne des damaligen Daimler-Ablegers Chrysler gegeben hatte.

Als Werbefigur „Dr.Z“ trat Zetsche einst für Chrysler auf.
Als Werbefigur „Dr.Z“ trat Zetsche einst für Chrysler auf. (Foto: JEFF HAYNES/AFP)

Doch bei seinem aktuellen Termin in Stuttgart geht es nicht um Coolness, sondern um ein sehr ernstes Thema: Hat der Vorstand damals denn nun entschieden, bei den Dieselabgasen zu tricksen? Neben Zetsche muss am Dienstag sein damaliger Entwicklungsvorstand Thomas Weber Fragen zu dem Thema beantworten. Beide waren als Zeugen geladen, Beklagte ist die Mercedes-Benz AG.

Dieter Zetsche sagt: „Ich wollte, dass wir die besten Autos bauen.“ Er habe sich das Design der Fahrzeuge in der Entwicklung angeschaut, sei Modelle Probe gefahren. Abschaltvorrichtungen seien ihm aber gar kein Begriff gewesen, sagt Zetsche. „Dass man Abgaswerte manipulieren kann, habe ich mir gar nicht vorstellen können.“ Thomas Weber sagt: „Es gab keine strategische Manipulationsentscheidung im Vorstand. Auf gar keinen Fall.“

Den klagenden Aktionären geht es vor allem um die Frage, ob die Manager von damals ihnen womöglich Verluste hätten ersparen können, wenn sie früher über die Verwicklung des Konzerns in den Abgasskandal informiert hätten. In dem sogenannten Kapitalanleger-Musterverfahren, einem Zivilverfahren, geht es um die Klagen von insgesamt rund 170 Aktionären, die vom Mercedes-Konzern Schadenersatz fordern. Mehr als zwei Jahre nach dem Auftakt des Verfahrens begann am Dienstag die Beweisaufnahme mit den prominenten Zeugen Zetsche und Weber.

„Wir vertreten unverändert die Auffassung, dass wir unseren kapitalmarktrechtlichen Publizitätspflichten ordnungsgemäß nachgekommen sind“, heißt es in einem Statement von Mercedes. Die Ansprüche seien unbegründet. Mercedes hatte gezielte Manipulationen durch eine Software, wie sie bei VW zum Einsatz kam, immer zurückgewiesen. Doch die Mercedes-Ingenieure waren bei der Auslegung der Abgasregularien in einem Graubereich unterwegs.

Der Schnauzer war immer sein Markenzeichen: Zetsche im Jahr 2006, damals Chef Daimler-Chrysler.
Der Schnauzer war immer sein Markenzeichen: Zetsche im Jahr 2006, damals Chef Daimler-Chrysler. (Foto: Patrick Pleul/picture-alliance/ dpa)

Deshalb hat der Autohersteller in der Affäre in Deutschland ein Bußgeld von 890 Millionen Euro gezahlt und mehrere Hunderttausend Fahrzeuge zurückgerufen. In den USA hat der Skandal den Konzern mehr als zwei Milliarden Euro gekostet. Gerade hat Mercedes mit einer Zahlung von 102 Millionen Euro das Thema Diesel in den USA endgültig beigelegt. Strafrechtlich dagegen müssen Mercedes und die damaligen Manager um Dieter Zetsche keine Konsequenzen mehr fürchten. Schon 2019 hatten die Ermittler in Stuttgart die Akten zu dem Fall geschlossen, 2024 war dann das US-Justizministerium gefolgt.

Dieter Zetsche hat seinen Auftritt am Oberlandesgericht hinter sich gebracht, gut 80 Minuten lang hat er die Fragen der Richter und der Klägeranwälte beantwortet. Bei seinem nächsten Besuch in Stuttgart hofft er sicher auf einen erfreulicheren Anlass. Dann kommt er bestimmt auch wieder in Turnschuhen.