Am Montagabend ist es in einem Regionalexpress der Deutschen Bahn (DB) bei Kaiserslautern zu einem brutalen Übergriff gekommen. Bei einer ganz normalen Ticketkontrolle stieß der 36-jährige Zugbegleiter Serkan C. auf einen Fahrgast ohne Fahrschein. Als er ihn bat, den Zug zu verlassen, rastete der 26-jährige Mann nach Angaben der Polizei aus und griff den Bahn-Mitarbeiter an – so heftig, dass er noch vor Ort reanimiert werden musste. Anschließend wurde er schwerstverletzt in ein Krankenhaus gebracht. Derzeit liegt er im Koma.
Der Tatverdächtige wurde festgenommen. Die Kriminaldirektion Kaiserslautern ermittelt gegen den Mann wegen des Verdachts des versuchten Totschlags.
Der Chef der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) Martin Burkert zeigte sich schockiert über den brutalen Überfall. „Wir sind bestürzt und fassungslos. Vor allem sind wir aber wütend“, sagte er. „Wir akzeptieren es nicht länger, dass man sich als Zugbegleiter in Lebensgefahr begibt, sobald man seine Schicht antritt.“
Seit Jahren steigt die Zahl der Übergriffe auf Beschäftigte der Deutschen Bahn. Im Schnitt werden jeden Tag fünf Beschäftigte des Konzerns im Dienst körperlich angegriffen. Das geht aus einer Antwort des Bundesinnenministeriums auf eine Anfrage des Linken-Abgeordneten Dietmar Bartsch hervor; die Zahlen beziehen sich auf die ersten zehn Monate des vergangenen Jahres. Hinzu kommen pro Tag vier Fälle von Bedrohungen. Insgesamt wurden in dem Zeitraum 1231 Bahn-Mitarbeiter Opfer von Körperverletzung und 324 Mitarbeiter Opfer von gefährlicher Körperverletzung.
Der EVG-Chef und frühere SPD-Bundestagsabgeordnete Burkert macht der Politik schwere Vorwürfe. Diese schaue bei den Entwicklungen nur zu. „Jahrelang wurde an der Sicherheit von Personal und Fahrgästen gespart. Auf vielen Zügen im Nahverkehr gibt es nur einen Zugbegleiter. Sicherheitspersonal fährt fast nie mit“, sagt er. Die Folgen sehe man jetzt. Für eine doppelte Besetzung bei den Zugbegleitern im Nahverkehr müssten die Bundesländer mehr Geld bereitstellen. „Wie viele solcher Gewaltorgien müssen wir noch erleben, bis sich endlich etwas ändert?“
„Serkan C. hat am frühen Montagabend nur seinen Job gemacht“, sagt die neue Bahn-Chefin
Laut einer Umfrage der Gewerkschaft aus dem Jahr 2024 fühlen sich 36 Prozent der Beschäftigten unsicher bei der Ausübung ihres Jobs. Acht von zehn Befragten sind bereits Opfer eines verbalen oder körperlichen Angriffs geworden. Knapp die Hälfte ist bereits bespuckt (43 Prozent), mit Gegenständen beworfen (41 Prozent) oder geschubst beziehungsweise festgehalten worden (35 Prozent).
Heftige Übergriffe wie in Kaiserslautern sind zwar die Ausnahme, aber kein Einzelfall: Am 3. Juli 2025 etwa wurde ein 59-jähriger Busfahrer in Bergheim Opfer eines ähnlich brutalen Angriffs. Auch er wurde bewusstlos geprügelt, auch er lag danach stundenlang im künstlichen Koma. Bis heute hat der Mann Panikattacken, eine Rückkehr in den Beruf ist für ihn nicht denkbar.
Aus Sicht der EVG gäbe es durchaus Maßnahmen, die helfen würden, derartige Übergriffe zu vermeiden. Neben einer Doppel-Besetzung in den Zügen würden sich Mitarbeitende vor allem zusätzliches Sicherheitspersonal wünschen. Seit 2024 stattet die Bahn ihr Personal im Nahverkehr zudem schrittweise und auf freiwilliger Basis mit Bodycams aus. Überwachungskameras in den Zügen und Bussen allein jedenfalls, so zeigt es auch der Fall in Kaiserslautern, halten Täter offenbar nicht ab.
Auch die neue Bahn-Chefin Evelyn Palla, die noch bis vor wenigen Monaten Vorsitzende von DB Regio war, zeigte sich am Montag entsetzt über Angriff auf Serkan C. Der Kollege habe „nur seinen Job gemacht“ und sei dabei „auf brutalste Weise“ angegriffen worden, sagte sie. Ihre Gedanken seien bei seinen Angehörigen. Palla dankte zudem dem Bundeswehrsoldaten, der noch im Zug Erste Hilfe geleistet und dem Mann so wahrscheinlich das Leben gerettet hat.
Auch Palla verurteilt die zunehmenden Angriffe auf Bahn-Mitarbeitende, aber auch auf Polizisten, Feuerwehrleute und Rettungsdienstler scharf. „Die Hemmschwelle für Gewalt in unserer Gesellschaft sinkt“, so die Bahn-Chefin. Zusammen mit den Arbeitnehmervertretern und weiteren Partnern müsse und werde die Bahn mehr zum Schutz der Kollegen unternehmen. „Taten wie diese müssen uns alle wach rütteln“, sagte Palla.
