Als die Pädagogik-Professorin und Beauvoir-Verehrerin Rita Süssmuth 1985 ins Bonner Kabinett berufen wurde, da stieß sie ausnahmslos auf Kollegen, die mit Hausfrauen verheiratet waren. Der Kanzler Helmut Kohl vorneweg. Der Konflikt war vorprogrammiert.
Es sollte nur drei Jahre dauern, bis der Kanzler der Ungeliebten barsch bedeutete, sie könne sich schleichen, und sie auf den Posten der Bundestagspräsidentin abschob. Der Spiegel schickte der Abgeschossenen dann noch eine Ladung Schrot hinterher und bestätigte ihr „verpennte Tage“.
Dass Rita Süssmuth den verstaubten Posten mit der Klingel dann doch noch aufpolierte, steht auf einem anderen Blatt. Dafür kann Julia Klöckner, die das dröge Amt nun zu ungeahntem Glamour führt, ihr bis heute danken.

:Konservativ, katholisch, emanzipiert
Sie war Deutschlands erste Frauenministerin, dann Bundestagspräsidentin – und vor allem war sie vielen ihrer Parteifreunde weit voraus. Trotzdem sah Rita Süssmuth in der CDU die richtige Partei für sich. Bis ins hohe Alter folgte sie dem Motto: „Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“ Nun ist sie im Alter von 88 Jahren gestorben.
Es war der legendäre CDU-Generalsekretär Heiner Geißler, der damals den Feminismus entdeckte. Immerhin, 1985. Er erklärte den Parteitag in Essen kurzerhand zum „Frauenparteitag“, Motto: „Partnerschaft 2000“. Ich war auch da. Und gleich mehrere CDU-Abgeordnete flüsterten mir errötend zu: „Ich werde in meinem Ortsverein ‚die Alice‘ genannt.“ Die Zeit war also reif.
Doch wer war Rita Süssmuth? Sie war die Tochter eines Schuldirektors, der ihr den Rat gegeben hatte: „Heirate nie!“ Das befolgte die Vatertochter nicht so ganz, wählte aber immerhin einen Mann, der „mehr im Haushalt tat als ich“ und ihren Weg mit Zustimmung begleitete. Der Historiker und damalige Dekan der Uni Düsseldorf war immer an ihrer Seite. Bei der Geburt ihrer Tochter nahm Rita sich nur den damals knappen Mutterurlaub. Und zuletzt leitete die Pädagogin ein ganzes Forschungsinstitut: Aus dem Haus „Frau und Gesellschaft“ kamen Ratschläge für die Politik.
Nun sollte Rita Süssmuth diese Politik also selber machen. Doch man ließ „Lovely Rita“, wie Emma sie liebevoll-ironisch nannte, nicht. „Es war den Herren zu viel, dass man ihr das Selbstbewusstsein immer noch ansah“, schrieb ich damals. „Es war ihnen zu viel, dass sie augenzwinkernd die Quotenregelung der SPD begrüßte! Es war ihnen zu viel, dass sie, die Katholikin, mit einem Kondom überm Kopf gegen Aids warb! Es war ihnen zu viel, dass sie sich für die Bestrafung der Vergewaltigung in der Ehe einsetzte! Es reichte ihnen endgültig, als sie den Hexenprozess in Memmingen öffentlich, immerhin, ‚empörend‘ nannte!“
Politischer Ernst bei reichlich Spaß
Am Ende ihrer Zeit als Bundestagspräsidentin hat Rita Süssmuth sich nochmal voll in die Sache der Frauen geworfen. Sie hat mitgemacht bei einem von mir angezettelten „Bonner Frauenbündnis“, bei dem im Jahr 1998 die Spitzenpolitikerinnen aller Parteien mitgezogen haben. Das Ziel: Mehr Gewicht! Mehr Teilhabe! Mehr Rechte für die Frauen! Auch in der Politik. Bei den programmatischen Forderungen der Politikerinnen standen schon damals der Kampf gegen die Pornografie und Sexualgewalt an erster Stelle. (Und was ist daraus geworden?!) „Pornografie ist sexualisierter Frauenhass“, hieß es in der Presseerklärung der 15 Spitzenpolitikerinnen. „Darum muss das Motiv Frauenhass in die Gesetzgebung eingeführt werden“, forderten sie parteiübergreifend. Eine von ihnen: Rita Süssmuth.
Diesem politischen Ernst war jedoch reichlich Spaß vorausgegangen. Unvergessen das Essen in der bayerischen Dependance von Ursula Männle: Schweinebraten mit Knödel. Und erst der überschäumende Champagner bei Rita Süssmuth, serviert von Herren in schwarzen Anzügen und weißen Handschuhen. Ja, da waren die Steuergelder einmal sinnvoll investiert.
Das waren die Bonner Jahre. Da scheinen die Damen aufmüpfiger gewesen zu sein als heute. Wenn auch ebenfalls mit null Erfolg. In denen war Rita Süssmuth sehr präsent. In der Berliner Republik war die zähe, zarte Süssmuth schon ein wenig verlorener. Ihre besondere Fähigkeit aber hat sie behalten: widerständig und verständig zugleich zu sein.
