Schamil Tarpischtschew kommt am Dienstagmorgen frohen Mutes in die erste Kaffeepause der IOC-Session. Der Sportfunktionär aus Moskau, in den Neunzigerjahren berühmt geworden, weil er dank des sogenannten „Wodka-Fonds“ viele Millionen Rubel scheffeln konnte, ist das letzte verbliebene Mitglied einer einstmals stattlichen russischen Gruppe im Internationalen Olympischem Komitee. Und obwohl Russlands nationales Olympia-Komitee offiziell suspendiert ist und das IOC bei den Winterspielen in Mailand gerade mal ein Dutzend russischer Sportler als „neutrale Athleten“ zugelassen hat, wirkt er nun recht angetan von den jüngsten Entwicklungen.
Bei der Eröffnung der Session am Vorabend, so erzählt er, habe er in der Mailänder Scala neben Gianni Infantino gesessen, dem Präsidenten des Fußballweltverbandes Fifa, der zugleich einen Platz im IOC hat und der soeben über die Rückkehr russischer Fußballmannschaften sinnierte. Und auch die am Dienstagmorgen vernommene Rede von IOC-Präsidentin Kirsty Coventry hat es Tarpischtschew angetan. Da hatte die 42-Jährige unterstrichen, man wolle „den Sport als neutralen Ort bewahren, an dem jeder Athlet frei antreten kann, ohne durch die Politik behindert zu werden“. Noch sei es zwar zu früh, über den Zeitpunkt der Russland-Rückkehr zu sprechen, sagte Tarpischtschew, und auch Coventry erklärte dieser Tage, dass es dafür „keinen Zeitplan“ gebe. Aber ganz so fern, so legen es alle Entwicklungen nahe, dürfte dieser Zeitpunkt nicht mehr sein.

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Der Auftritt im Mailänder Kongresszentrum war die erste Rede von Kirsty Coventry als Präsidentin bei einer IOC-Session. Und während sie in den Tagen davor vor allem mit beinahe kindlicher Vorfreude auf die Spiele zu vernehmen war, so hatte sie nun neben manch klassischer olympischer Floskel auch zwei recht klare Botschaften parat. Die eine betraf die Russland-Frage – und die andere richtete sich vor allem nach innen, an die olympische Bewegung. An die rund 100 Mitglieder ihres IOC, aber speziell auch an die vielen Präsidenten von Weltverbänden, die nicht im IOC sitzen, aber bei der Session ebenfalls anwesend sind.
Coventry hat kurz nach ihrer Wahl im März 2025 das Programm „Fit for the Future“ ausgerufen, mit dem sie die olympische Welt neu aufstellen möchte und über dessen Ausgestaltung die olympische Welt seitdem diskutiert. Und eine der wichtigsten Fragen dabei, so sagte es Coventry in Mailand, seien „die Olympische Spiele selbst und im Speziellen das olympische Programm“. Man müsse „mit frischem Blick“ auf die Sportarten, die Disziplinen und die Events schauen – und das bedeute, dass man die richtige Balance finden müsse „zwischen Tradition und Innovation, zwischen Stabilität und Flexibilität“. Die Diskussionen dazu könnten „unbequem, aber essenziell“ werden.
Ihre zweite Botschaft also war: Von den aktuell 16 Winter- und den aktuell 36 Sommersportarten sollten sich einige nicht mehr sicher sein, auch künftig zum olympischen Programm zu gehören. Zumindest nicht in ihrer jetzigen Form und ihrem jetzigen Umfang.
Warum nicht auch Hallensportarten ins Programm der Winterspiele verschieben?
In gewisser Weise gehört dieser Punkt durchaus zur olympischen Routine. Ein Platz bei den Olympischen Spielen ist für die meisten Sportarten eine entscheidende Frage, weil es ihr jeweiliges finanzielles Überleben sichert. Das IOC wiederum hat mal aus sportpolitischen Erwägungen, mal aus Gründen des Zeitgeistes und mal mit Blick auf die Sportvorlieben im Land seiner olympischen Gastgeber sein Programm immer wieder angepasst. Das führte dann zum Beispiel dazu, dass (vorübergehend) Baseball, Lacrosse oder Breakdance ins Programm kamen oder kommen.
Aber Coventry setzt dieses Thema nun noch einmal besonders stark und grundsätzlich ein – wobei es bisher offenkundig auch zur Strategie gehört, die Verbände darüber im Unklaren zu lassen, wohin genau sie steuern will. In den olympischen Zirkeln führt das dazu, dass weit über den künftigen Status einzelner Sportarten debattiert wird. Sondern es geht dann zum Beispiel auch um die Frage, ob die IOC-Regel aufgehoben wird, nach der bei Winterspielen nur Sportarten zugelassen sind, die auf Schnee oder Eis stattfinden. Ließe sich nicht auch manche in der Halle ausgetragene Sportart aus dem Sommer in den Winter verschieben? Und würde eine Aufnahme von Crosslauf nicht auch mal Afrikas Sportlern die Chance bieten, bei Winterspielen Medaillen zu gewinnen?
Es geht bei Coventrys Ansatz zum einen darum, die Spiele fürs Publikum attraktiver zu machen. Er kann zugleich aber als sportpolitisches Druckmittel dienen, um Verbände in anderen Fragen auf Linie zu bringen. Eine erste Entscheidung über die künftige Ausrichtung dürfte auf einer außerordentlichen Session des IOC im Juni fallen. Dann will Coventry das Ergebnis ihres „Fit for the Future“-Programmes präsentieren – ganz ähnlich, wie das ihr Vorgänger und Förderer Thomas Bach ein Jahr nach seiner Wahl 2013 gemacht hat, als er die „Agenda 2020“ ins Leben rief. Und nach der derzeitigen Lage ist es ein enges Rennen, ob zuerst das Konzept von „Fit for the Future“ steht – oder ob zuerst Russlands Rückkehr in den Weltsport beschlossene Sache ist.
