Mit „nichts“ antwortete Marius Borg Høiby, Sohn der norwegischen Kronprinzessin Mette-Marit, am Dienstagmorgen vor dem Osloer Amtsgericht auf die Frage nach seinem Beruf oder seiner Position. Als der Staatsanwalt begann, die Anklagepunkte zu verlesen, schaute Høiby zu Boden. 38 Punkte umfasst die Anklageschrift, in 24 davon gestand er Berichten norwegischer Medien zufolge seine Schuld ein, nicht jedoch im Falle der gravierendsten – den Vorwürfen der Vergewaltigungen. Vier Frauen soll er laut Anklage vergewaltigt haben. Sie sollen bewusstlos gewesen sein.
Für schuldig bekannte sich der Neunundzwanzigjährige zumindest teilweise im Falle der schweren Körperverletzung, weiterhin gestand er eine Drohung ein, den Vorwurf des rücksichtslosen Verhaltens, der Sachbeschädigung, drei Fälle von Verstößen gegen das Kontaktverbot, Geschwindigkeitsüberschreitungen, das Fahren ohne Führerschein sowie einen schweren Drogenverstoß. So gab er zu, 3,5 Kilogramm Marihuana an jemand anderen übergeben zu haben.
Nicht offiziell Teil der Königsfamilie
Kronprinzessin Mette-Marit hatte Marius Borg Høiby mit in die Ehe mit Kronprinz Haakon gebracht. Er ist offiziell nicht Teil der Königsfamilie, erhielt jedoch seit jeher viel Aufmerksamkeit. Vor Gericht erinnerte Staatsanwalt Sturla Henriksbø am Dienstag daran, dass der Grundsatz der Gleichheit auch im Falle Høibys zu gelten habe. Dass er der Sohn von Kronprinzessin Mette-Marit sei, dürfe keinen Einfluss auf die Beurteilung des Gerichts haben. „Er darf aufgrund seiner familiären Zugehörigkeit weder strenger noch milder behandelt werden“, sagte Henriksbø.

Für den Prozess sind sieben Wochen angesetzt, viele Zeugen sollen vernommen werden, unter ihnen die neun Geschädigten. Sechs davon sind Frauen, die anderen drei Männer, unter ihnen zwei Polizisten. Zudem sollen unter Ausschluss der Öffentlichkeit Videos der mutmaßlichen sexuellen Übergriffe abgespielt werden. Daten einer Pulsuhr einer der geschädigten Frauen sollen laut Anklage die Vorwürfe untermauern.
Dass er die Frauen heimlich gefilmt haben soll, bestritt Høiby am Dienstag. Er soll im Gerichtssaal einen Rosenkranz zwischen seinen Händen gehalten haben. Für den Nachmittag war die Vernehmung einer Geschädigten angesetzt. Høiby soll sie in Skaugum – der Residenz des Kronprinzenpaares südlich von Oslo – vergewaltigt und dies gefilmt haben. Er soll sie zuvor in einem Nachtlokal in Oslo kennengelernt haben.
Schwerste Krise für das Königshaus
Kronprinz Haakon hatte vor Prozessbeginn angekündigt, er, aber auch andere Mitglieder des Königshauses, würden im Gerichtssaal nicht anwesend sein. Das Königshaus erlebt derzeit seine historisch wohl schwerste Krise. Einerseits aufgrund des Falls Høiby, vor allem aber wegen der Vorwürfe gegen seine Mutter Mette-Marit im Zusammenhang mit ihrem engen Austausch mit dem verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein. Täglich publizieren derzeit norwegische Medien neue Auszüge aus dem E-Mail-Verkehr. Diese zeigen, wie eng die beiden offenbar über Jahre verbunden waren. Und sie legen nahe, dass die Kronprinzessin die Norweger über ihre Beziehung zu Epstein getäuscht hat. Auch zeigen sie, dass Mette-Marit vermutlich sehr wohl wusste, mit wem sie es zu tun hatte.

So wurde nun etwa bekannt, dass Epstein sie mindestens zweimal auf seine Karibikinsel eingeladen haben soll, auf der wiederholt Minderjährige missbraucht worden sein sollen. Mette-Marit schrieb Epstein einmal, sie vermisse ihn, ihren „verrückten Freund“. Einmal schrieb sie ihm: „Was hast Du sonst vor, außer mich zu sehen??????“. Auch zeigen die E-Mails, dass Mette-Marit nach einem Familienurlaub auf der Karibikinsel St. Barth, als der Kronprinz und die Kinder nach Hause flogen, selbst nach Florida in Epsteins Villa ging, offenbar zum Meditieren. Danach schrieb sie ihm dankbar, sie habe seit langer Zeit nicht mehr so viel „Frieden“ in sich gespürt. Später, auch das zeigen die E-Mails, kontaktierte eine unbekannte Person Epstein wegen „unangemessener“ Bilder von einer „Mette“.
Debatte über Abschaffung der Monarchie
Parallel zur Prozesseröffnung haben die Abgeordneten des norwegischen Parlaments am Dienstag über die Abschaffung der Monarchie debattiert. Den entsprechenden Antrag bringen Abgeordnete linker Parteien in Norwegen rituell nach jeder Parlamentswahl ein. So hatten auch dieses Mal mehrere Abgeordnete vorgeschlagen, die Monarchie in Norwegen abzuschaffen und eine Republik einzuführen. Dies geschah, bevor die jüngsten Epstein-Dokumente öffentlich wurden.
Dass über den Gesetzentwurf just nun diskutiert wird, ist Zufall. Dem Gesetzentwurf zufolge soll eine Volksabstimmung stattfinden, sollte das Parlament beschließen, eine Republik einzuführen. In diesem Jahr erhielt der Antrag aufgrund der Vorwürfe gegen Mette-Marit und ihren Sohn Høiby deutlich mehr Aufmerksamkeit als sonst. Doch in der Debatte sprach sich die Mehrzahl der Abgeordneten für die Krone aus.
Die mögliche Täuschung des norwegischen Volks durch die Kronprinzessin dürfe nicht den lebenslangen Dienst überschatten, den der König für Norwegen geleistet hat, sagte etwa Per-Willy Amundsen von der Fortschrittspartei. „Es sind schwierige Tage für unsere Königsfamilie, aber darum geht es in der heutigen Debatte nicht“, sagte auch Geir Pollestad von der Zentrumspartei. Die Rolle des Königs sei gerade bei Regierungswechseln sehr wichtig. Abgeordnete der sozialdemokratischen Arbeiterpartei und der Grünen zeigten sich hingegen gespalten. Am Ende stimmte mit 141 Abgeordneten die Mehrzahl für eine Beibehaltung der Monarchie, 26 votierten für die Einführung einer Republik.
Der norwegische König gilt eigentlich als einigende Figur
Die norwegische Verfassung weist dem König eine zentrale Rolle zu, er ernennt demnach die obersten Beamten und Richter, ist Exekutive und Legislative zugleich. Doch die Verfassungswirklichkeit ist eine andere, in der parlamentarischen Demokratie hat der König faktisch eine Rolle, die jener eines Bundespräsidenten hierzulande ähnelt. Trotzdem gilt der König als zentrale, einigende Figur, gerade angesichts der politischen Instabilität durch die vielen Minderheitsregierungen in der Geschichte des Landes.
Der bald 89 Jahre alte König Harald V. hat diese Rolle nach Meinung vieler im Land gut erfüllt. Er ist im Land beliebt, genauso wie sein Sohn, Kronprinz Haakon. Vor allem ihm war es gelungen, den Zuspruch für das Königshaus zu stabilisieren, nachdem dieser angesichts der Vorwürfe gegen Høiby, aber auch wegen der Eskapaden von seiner Schwester, Prinzessin Märtha Louise, gelitten hatte. Kronprinz Haakon dürfte einen guten König abgeben, ist man sich im Land weitgehend einig.
Doch wird angesichts des aktuellen Skandals um ihren Austausch mit Epstein nun gefragt, ob seine Frau Mette-Marit wirklich Königin werden sollte. Einer jüngsten Umfrage des Senders TV2 zufolge lehnt fast die Hälfte der Befragten ab, dass Mette-Marit Königin wird. Der Umfrage zufolge, die am Montag erhoben wurde, antworteten knapp 48 Prozent der Befragten mit Nein auf die Frage, ob Mette-Marit nächste Königin Norwegens werden solle. Nur knapp 29 Prozent sprachen sich dafür aus, 23,5 Prozent waren unschlüssig.
