Marius Borg Høiby muss den Prozess allein durchstehen. Weder Høibys Mutter, Kronprinzessin Mette-Marit, noch er selbst würden im Gerichtssaal anwesend sein, sagte Norwegens Kronprinz Haakon vergangene Woche. Überdies habe die Kronprinzessin in nächster Zeit eine private Reise geplant. Die könne den gesamten Prozess über andauern. Auch wenn der Kronprinz beteuerte, man werde den Prozess so gut wie möglich über die Medien verfolgen und Marius „in dieser Zeit begleiten“, ist klar: Das Königshaus bleibt auf Abstand zum unehelichen Sohn der Kronprinzessin.
Von Dienstag an muss sich Høiby vor dem Osloer Amtsgericht verantworten. Vorgeworfen werden ihm 32 Straftaten, darunter Vergewaltigung, Misshandlung, Körperverletzung, Sachbeschädigung, Besitz und Weitergabe von Drogen. Ihm droht eine Freiheitsstrafe von bis zu 16 Jahren. Teile der Anschuldigungen hat Høiby eingestanden, darunter Drogenbesitz, aber auch, unter Einfluss von Alkohol und Kokain Gewalt angewandt zu haben gegen eine Frau.
Haakon hatte den kleinen Marius noch als „Geschenk“ bezeichnet
Erstmals verhaftet wurde der Neunundzwanzigjährige im August 2024, weil er gegen eine frühere Freundin gewalttätig geworden sein und deren Wohnung verwüstet haben soll. Durchsuchungen seiner Telefone und digitalen Geräte führten dazu, dass sich die Ermittlungen ausweiteten. Er wurde zwei weitere Male festgenommen, unter anderem wegen der Sorge, er könne Beweismittel vernichten; insgesamt befand er sich eine Woche in Untersuchungshaft. Ein Novum für ein Mitglied der Königsfamilie.
Høiby ist das älteste der drei Kinder von Mette-Marit und der Stiefsohn von Kronprinz Haakon. Mette-Marit war mit ihm nach einer kurzen Affäre schwanger geworden. Anfangs war er oft auf Fotos mit dem Paar dabei gewesen, bei der Hochzeit hatte Haakon den „kleinen Marius“ noch als „Geschenk“ bezeichnet.

Mit der Zeit aber wurden Høibys Auftritte mit der Königsfamilie weniger. Er gehört zwar formell dazu, trägt aber keinen Prinzentitel und ist auch kein offizielles Mitglied des Königshauses. Früh stand er im Medienfokus. Auch um dem zu entkommen, zog er im Jahr 2017 in die Vereinigten Staaten, versuchte sich als DJ und Autor für Lifestyle-Magazine, offenbar ohne großen Erfolg. Zwei Jahre später kehrte er nach Norwegen zurück.
Høiby soll Kokain im Zentrum Oslos verkauft haben
Seine Drogensucht wird unter anderem in zwei Büchern beschrieben, die in Norwegen vor dem Prozess Aufsehen erregten. Dem Buch „Weiße Streifen, schwarze Schafe“ zufolge, dessen Veröffentlichung Høiby vergeblich zu unterbinden versucht hat, soll er Kokain an der Karl-Johan-Straße verkauft haben, der zentralen Straße in Oslo, die vom Parlament zum Schloss führt. Demnach hatte er auch Verbindungen zu kriminellen Netzwerken.
„Außer Kontrolle“ lautet der Titel eines weiteren Buchs über ihn, das kürzlich erschienen ist. Darin geht es auch darum, wie Mitarbeiter des Königshauses versucht haben sollen, Berichte über Høiby zu beeinflussen. Das Königshaus ringt erkennbar um den richtigen Umgang mit dem Fall. Lange schwieg es dazu, dann stellte es sich auf die Seite der Betroffenen. In Richtung der Opfer sagte Kronprinz Haakon nun, die Königsfamilie denke viel an sie. „Wir wissen, dass viele von Ihnen es derzeit schwer haben.“ Ähnlich hatte sich auch schon sein Vater, König Harald, im Dezember geäußert. Das Königshaus fühle mit allen Betroffenen und hoffe, dass es ihnen gut gehe und dass es ihnen nach dem Prozess besser gehe, so der König.
Haakons Schwester heiratete einen „Schamanen“ – auf Netflix
Traditionell zeigt sich die Königsfamilie in Norwegen möglichst bürgernah, schickt die Kinder auf staatliche Schulen, lässt sie wie alle anderen den Wehrdienst absolvieren. Ein drogensüchtiger unehelicher Sohn einer Kronprinzessin, der offenbar annahm, über dem Gesetz zu stehen, passt da nicht ins Bild. Hinzu kam Haakons Schwester Prinzessin Märtha Louise, die im Jahr 2024 den „Schamanen“ Durek Verrett heiratete und zum Ärgernis der Verwandtschaft eine Netflix-Dokumentation dazu drehen ließ. Schon zuvor war sie wiederholt aufgefallen, als sie aus ihren Titeln Geld zu machen versuchte.
Entsprechend gesunken ist im Land die Zustimmung zum Königshaus. Im Jahr 2017 unterstützten noch 81 Prozent der Norweger die Monarchie. 2024, nach Bekanntwerden des Falls Høiby, wurde mit nur noch etwas mehr als 60 Prozent ein Tiefpunkt erreicht. Zuletzt haben sich die Zahlen wieder etwas stabilisiert, rund 70 Prozent unterstützen die Monarchie.
Angesichts der Krise versuchte das Königshaus zuletzt, vermehrt auf positive Nachrichten zu setzen, um das öffentliche Bild wieder zu verbessern. So ist die Zahl der öffentlichen Auftritte im vergangenen Jahr trotz des fortgeschrittenen Alters des Königspaars (Harald und Sonja sind beide 88 Jahre alt) ungewöhnlich groß gewesen. Rund 300 Auftritte wurden verzeichnet, deutlich mehr als in den Jahren zuvor. Die allermeisten davon übernahm Haakon, er ist seit Langem das wichtigste Gesicht des Königshauses. Auch seine und Mette-Marits Kinder, Prinzessin Ingrid Alexandra und Prinz Sverre Magnus, absolvierten zuletzt mehr Auftritte. Gefragt, ob der Fall Høiby das Vertrauen in die Monarchie schwächen könnte, antwortete Haakon nun: Er konzentriere sich auf Dinge, auf die er Einfluss nehmen könne.
