
Von Nikolaj Jacobsen, dem Trainer der Handballer Dänemarks, ist ein Zitat aus dem Jahr 2023 überliefert, wonach der scheinbar unversiegbare Quell an Ausnahmetalenten in seiner Heimat eine dänische Siegesserie bis mindestens 2030 nahezu garantieren werde. Junge Rückraumstars wie Mathias Gidsel und Simon Pytlick würden bald ergänzt durch noch jüngere Spieler wie Thomas Arnoldsen. „Wir brauchen uns wirklich keine großen Sorgen zu machen“, sagte Jacobsen damals und lachte fröhlich.
Tatsächlich erfüllte sich seine Prophezeiung am Sonntagabend. Mal wieder. Die Dänen gewannen ihre Heim-Europameisterschaft mit einem 34:27-(18:16)-Sieg gegen Deutschland, weil unter anderem der 24 Jahre alte Arnoldsen (fünf Treffer) aufgetrumpft hatte. Damit sind die Dänen amtierende Europameister, Weltmeister und Olympiasieger – dieses seltene Titel-Triple war bisher nur den Franzosen in der Zeit des großen Nikola Karabatić gelungen. Doch dieser Sieg war, befand der Coach der dänischen Superhelden, sehr hart erkämpft. „Es war ein toughes Match“, sagte Jacobsen nach dem Finale. Er sah, nun ja, sogar ein bisschen erschöpft aus.
Hin und wieder hatte das Team von Bundestrainer Alfred Gíslason das fanatische dänische Publikum in Herning verstummen lassen. Dafür verantwortlich war in erster Linie der Torwart Andreas Wolff, der die Dänen in der zweiten Halbzeit mit teils absurden Paraden entnervt hatte. Vor allem weil Wolff 15 Bälle abgewehrt hatte, lagen die Deutschen fünf Minuten vor der Schlusssirene nur mit zwei Treffern zurück. Eine Sensation war noch möglich.
Dass der deutsche Lauf sich in diesem Finale dann aber doch nicht fortsetzte, hatte seinen Grund in einigen fehlenden Steinchen im vielsteinigen Mosaik, das der moderne Leistungshandball darstellt.
Zum einen war die Abwehr, die im Halbfinale gegen Kroatien noch die Kunst der Zerstörung vorgeführt hatte, von den Dänen zu oft durchbrochen worden. Der Welthandballer Gidsel stellte zwar mit 68 Turniertoren einen neuen Rekord für Europameisterschaften auf, zerschellte im Endspiel aber oft an der deutschen Abwehr und traf nur jeden zweiten Wurf. Diesmal war es vor allem Simon Pytlick, der Halblinke von der SG Flensburg-Handewitt, der mit acht Toren einen entscheidenden Beitrag leistete.
Der defensive Beton der Deutschen war schon am frühen Morgen zerbröselt, als sich Justus Fischer, der im Halbfinale gegen Kroatien überragt hatte, mit einem Magen-Darm-Infekt abmelden musste. „Der Ausfall von Fischer hat uns schon sehr getroffen“, klagte Gíslason. Der nächste Rückschlag ereilte das deutsche Team in Minute 13, als der Abwehrspezialist Tom Kiesler wegen eines harten Fouls an Gidsel mit Rot vom Platz musste.
Worauf der Bundestrainer eine Antwort finden muss
Zum anderen konnte die deutsche Mannschaft nicht dauerhaft mit der dänischen Offensive mithalten. Diese bearbeitete mit der maschinenhaften Wucht eines Presslufthammers die deutsche Defensive. Die deutschen Angreifer fanden zumeist keine geeigneten Lösungen,
um die weit vorgezogen postierte Defensive Dänemarks zu überwinden.
Immer wieder rannten sie sich fest. Wenn die deutschen Rückraumschützen
den Ball nicht zum Kreisläufer Johannes Golla bekamen, der wie Wolff in
das All-Star-Team der Europameisterschaft gewählt wurde, warfen sie
zumeist aus der Fernwurfzone. Der Gummersbacher Julian Köster trumpfte anfangs mit gewaltigen Würfen
aus dem Rückraum auf. In der Schlussphase tat es ihm der erst 22 Jahre
alte Marko Grgić nach. Aber auf Dauer sind Würfe aus der Distanz nun einmal nicht so erfolgsträchtig wie Würfe aus wenigen Metern.
Die zweikampfstarken dänischen Schützen standen im Finale im Schnitt 1,5 Meter näher zum Tor – sie folgen damit dem Dogma der Durchbrüche, mit dem der SC Magdeburg seit 2021 den Klubhandball revolutioniert hat. Für diesen taktischen Nachteil muss Bundestrainer Alfred Gíslason für das nächste Turnier eine Antwort finden. Die WM findet 2027 in Deutschland statt.
Davon unabhängig konnte Gíslason eine durchweg positive Bilanz ziehen. Sein junges Team sei „in diesem Turnier sehr gewachsen“, befand der 66-jährige Isländer, der nach der Vorrundenniederlage gegen Serbien noch unter medialen Beschuss geraten war, nun aber sicher bis zur WM 2027 weitermachen wird. In der Tat zeigte sich die Mannschaft, die mit 26 Jahren Altersdurchschnitt jünger ist als die anderen Topteams aus Dänemark (27,8) und Frankreich (28,0), erstaunlich resilient. Insbesondere mit den Siegen gegen Spanien und Frankreich, die ein vorzeitiges Turnier-Aus verhinderten, bewies die deutsche Mannschaft eine Nervenstärke, die in den zurückliegenden Jahren nicht immer gegeben war.
Auch Wolff, der mit 34 Jahren erfahrenste Profi im Team, dessen Emotionen während der Partie hochgekocht waren, hatte sich daher nach dem Abpfiff schnell abgekühlt. „Ich bin sehr stolz auf die Mannschaft“, sagte der Torwart des THW Kiel. Die Zuversicht auf eine Wiederholung des „Wintermärchens“ von 2007, als die deutschen Handballer unter Heiner Brand zuletzt eine WM gewannen, ist nicht nur bei Wolff mit diesem Turnier gewachsen.
Andere wie Marko Grgić blickten ebenfalls schon in Herning mit leuchtenden Augen auf dieses Großevent im eigenen Land – zumal sie mit ihren Leistungen in Dänemark einen Run auf die Tickets ausgelöst haben. Auch der dänische Coach Nikolaj Jacobsen ahnt, dass die WM in Deutschland den Abstand zu seinen Superdänen weiter verringern wird. Er stimmt Gíslasons Ansage zu, wonach dieses junge deutsche Team in den kommenden Jahren immer um Medaillen mitspielen werde. Mit Deutschland sei in den kommenden Jahren immer für die Halbfinals zu rechnen.
Und irgendwann, sagte der dänische Coach, würden die Deutschen auch den Finalfluch brechen (auch das Olympiafinale 2024 hatte Dänemark mit 39:26 gegen Deutschland gewonnen). „Dann werden sie anfangen, mal ein Finale zu gewinnen. Das wird passieren“, sagte er. Und fügte lächelnd hinzu: „Aber ich hoffe, es wird nicht in meiner Zeit sein.“
