„Silence“: Warum Martin Scorsese sein persönlichstes Meisterwerk schuf

Der Glaube des Paul Miki ist ebenso be­eindruckend wie erschütternd. Noch während er am Kreuz hing, soll der japanische Märtyrer zu den Gläubigen gepredigt ­haben. Zuvor hatte man den Jesuiten und fünfundzwanzig weitere Christen teils durch das Abschneiden eines Ohrläppchens verstümmelt, sie verhöhnt und gedemütigt und in Eiseskälte von der Kaiserstadt Kyoto nach Nagasaki getrieben. Dort wurden sie am 5. Februar 1597 gekreuzigt. In der kommenden Woche gedenkt die katholische Kirche ihrer. Doch nicht jeder blieb angesichts von Tod und Tortur seinem Glauben treu. In der frühen Edo-Zeit, als sich die Christenverfolgung in Japan verschärfte, entsagte der portugiesische ­Jesuit Cristóvão Ferreira nach schwerer Folter seinem Glauben.

Jene Geschichte griff der japanische Schriftsteller Shūsaku Endō 1966 in seinem Roman „Schweigen“ auf. Auf Empfehlung eines Bischofs gelangte das Buch 1989 in die Hände eines amerikanischen Regisseurs, der sich damals selbst in einer Glaubenskrise befand: Martin Scorsese hatte in „Die letzte Versuchung Christi“ (1988) versucht, Jesus als einen von Zweifeln geplagten Menschen zu porträtieren. In einer Traum­sequenz des Films schläft der Heiland mit Maria Magdalena. Konservative Christen aus aller Welt droschen daraufhin auf den katholischen Filmemacher ein. Als Scorsese ein Jahr nach dem schmerzlichen Skandal in einem japanischen Schnellzug nach Kyoto saß und in Endōs Buch blätterte, überkam ihn die Gewissheit, diesen ­Roman verfilmen zu müssen.

Für diese Erfahrung muss man kein gläubiger Katholik sein

Fast drei Jahrzehnte sollten vergehen, ehe Scorsese sich seinen Lebenstraum erfüllte. Vielleicht waren es auch die Zeichen der Zeit, die ihn bewogen, mit den Dreharbeiten zu „Silence“ (2016) zu beginnen: Ein Jesuit war an die Spitze der katholischen Kirche gerückt, im Nahen Osten stilisierten sich islamistische Attentäter zu Märtyrern und töteten Christen. So schickte Scorsese seine eigenen Glaubenskrieger auf die Leinwand, die mit Sanftmut in einem fernen Land missionieren wollen.

Im Portugal des Jahres 1638 begeben sich die beiden Jesuiten Sebastião Rodrigues (Andrew Garfield) und Francisco Garupe (Adam Driver) auf den Weg nach Japan, um ihren verschollenen Mentor zu finden. Bei dem Vermissten handelt es sich um den bereits genannten Cristóvão Ferreira (Liam Neeson). Die jungen Missionare weigern sich zu glauben, ihr Lehrmeister habe Christus verraten, wie es Gerüchte behaupten.

Ihre Reise in ein Land, in dem Christen grausam verfolgt werden, wird ihren Glauben auf eine schwere Probe stellen. Denn nicht sie selbst werden hingerichtet, sondern japanische Gläubige, deren Leid die beiden Jesuiten nur beenden können, indem sie ihrem Gott abschwören.

An den Kinokassen scheiterte „Silence“. Manche Kritiker sprachen von einem „frommen Traktat“, von einem missionarischen Werk, das die blutige Globalisierungsgeschichte des Christentums ausblende, in der andere Kulturen abgewertet und ausgebeutet wurden. Andere beschrieben die knapp dreistündige Laufzeit als langweilige Zumutung, die Inszenierung als asketisch und karg. Wer sich von derlei Vorbehalten frei macht und „Silence“ mit offenem Geist begegnet, der erfährt eine fast schon meditative, im besten Sinne des Kinos „spirituelle“ Erfahrung.

In Zeiten von Second Screen und schwindender Konzentrationsfähigkeit lädt der nunmehr fast zehn Jahre alte Film dazu ein, ganz bei ihm zu bleiben. Dafür muss man kein gläubiger Katholik sein, denn Martin Scorsese betreibt keine römisch-katholische Glaubenspropaganda, sondern stellt eine universelle Frage: Wann ist es ­geboten, eine Haltung aufzugeben, wenn sich nur so Menschenleben retten lassen? Und wo wird Glaube nicht im fanatischen Festhalten an Riten und Symbolen, sondern im Mitgefühl gelebt?

Die Natur macht Gottes vermeintliches Schweigen hörbar

Eigentlich gehe es darum, sagte Scorsese einmal, dass Rodrigues, indem er dem Glauben abschwört, erst wirklich zu ihm finde. „Dabei kommt dieser Pater dem wahren Jesus sehr nahe, etwa in seiner Selbstlosigkeit.“ So überzeugt ­Andrew Garfield durch barmherzige Zartheit und aufrichtige Selbstzweifel, die im Zusammenspiel mit den großartig besetzten japanischen Darstellern berühren – wenn man sich eben auf diese untypische Hauptfigur einlassen kann.

Diese Wärme braucht es angesichts der gleichsam schönen wie grausam kühlen Aufnahmen der historischen Kulisse und der rauen Natur, die Kameramann Rodrigo Prieto eine Oscarnominierung einbrachten. Es sind stille Bilder, die Kamera bewegt sich kaum, wenn etwa, wie von barocken Meistern gemalt, arme Fischer im ­flackernden Feuer wie die frühen Christen im ­alten Rom im Verborgenen ihre Messen halten.

Um solche Szenen zu inszenieren, setzt Scor­sese auf flüsternde Ruhe statt auf pathetische Musik. Es sind das Tosen der Wellen und das ­Zirpen der Zikaden, die Gottes vermeintliches Schweigen hörbar machen.