Es ist womöglich bereits ein Fortschritt gewesen, dass der treue Anhang von Eintracht Frankfurt auf ausufernde Unmutsäußerungen verzichtete. Und weil auch Stadionsprecher Daniel Wolf nach der nächsten Pleite gegen Bayer Leverkusen (1:3) sogleich einen flammenden Appell an Moral und Zusammenhalt ins Mikrofon schrie, breitete sich keine Endzeitstimmung im Waldstadion aus. Gleichwohl ist eine frühere Festung des deutschen Fußballs zum Selbstbedienungsladen verkommen. Nach der TSG Hoffenheim und Tottenham Hotspur hat sich im dritten Heimspiel binnen acht Tagen nun am Samstag die Werkself fast mühelos drei Zähler gesichert.
Sportvorstand Markus Krösche blieb gar nichts anderes übrig, als erneut altbekannte Defizite zu benennen: „Erste Halbzeit war es nicht gut, die haben wir ein bisschen verschlafen, wir sind überhaupt nicht in die Zweikämpfe gekommen.“ Das aktuelle Ensemble genügt nicht mal in Spurenelementen mehr einem Europapokalanwärter. Mario Götze hatte seinen besten Auftritt, als der im Spiel wirkungslose Weltmeister dieser zerbröselten Gemeinschaft in der Mixed Zone ins Gewissen redete: „Wir müssen bei Null anfangen und unsere Basics machen.“

Meinung
:Toppmöller ist am immer gleichen Gegentor gescheitert – und am Frankfurter Import/Export-Betrieb
Vielleicht war der neue Trainer Albert Riera gut beraten, mit dem slowenischen Tabellenführer NK Celje lieber noch am Wochenende das Topspiel gegen Maribor zu begleiten. Der spanische Ex-Nationalspieler mit der facettenreichen Vita wollte partout erst am Montag in der Mainmetropole beginnen. Ob da einer geahnt hat, dass die Werkself aktuell eine Nummer zu groß würde? Die Gäste warteten geduldig auf die Lücken in der porösen Frankfurter Deckung. Erst der von Alejandro Grimaldo per Hackentrick freigespielte Arthur (26.), dann der von Christian Kofane bediente Malik Tillmann (33.) stellten die 2:0-Pausenführung her.
Bayer-Trainer Kasper Hjulmand freute sich über das „hohe Level“ seines Teams im ersten Durchgang, das sich allerdings danach merkwürdige Passivität gönnte. Frankfurts Abwehrchef Robin Koch weckte mit dem im Nachsetzen erzielten Anschlusstreffer (50.) das Publikum wieder auf, doch dass sich mit Ellyes Skhiri ein seit Monaten unter Form spielender Führungsspieler eine Gelb-Rote Karte einhandelte (71.), sollte der Eintracht schon wieder den Stecker ziehen. „In unserer besten Phase war das der Nackenschlag“, hielt Interimstrainer Dennis Schmitt ernüchtert fest, der im Duett mit dem Klubheiligen Alexander Meier nicht den erhofften Impuls gesetzt hat.
Eintracht Frankfurt verliert zu oft nach demselben Muster
Alle vier vom Gespann verantworteten Begegnungen gingen nach ähnlichem Muster verloren. Krösche räumte kleinlaut ein, dass der Plan „ergebnistechnisch nicht funktioniert hat“. Die Hessen hätten keinen schlechteren Januar erleben können: Sieben Pflichtspiele mit fünf Niederlagen und zwei Unentschieden haben nicht nur zum endgültigen Aus in der Champions League geführt, sondern gefährden auch akut einen internationalen Startplatz. Leverkusen hat sich als Tabellensechster auf acht Punkte von Frankfurt abgesetzt.
Es bedarf schon viel Phantasie, dass die gerupften Frankfurter schnell wieder in den Aufwind kommen. Riera wird das Gewand eines Retters überstreifen müssen. Zudem spielt ein gewisses Risiko bei seiner Verpflichtung mit: Der mit einem Vertrag bis 2028 ausgestattete 43-Jährige bringt die Erfahrung von 430 Pflichtspielen als Aktiver in großen Ligen mit, seine Reputation als Coach ist im Vergleich allerdings überschaubar. „Wir haben uns bewusst für einen Trainer entschieden, der für modernen, intensiven und offensiven Fußball steht“, sagte Krösche, der den Begriff „Zeitenwende“ nicht in den Mund nehmen wollte. Sein unerwarteter Wunschkandidat solle zuerst „Prinzipien und Struktur“ in die Mannschaft transportieren. Es gehe bis zur nächsten Partie am Freitag bei Union Berlin darum, verlorene Selbstsicherheit herzustellen, so der Manager, der längst selbst unter Druck steht.
Kritik an der sich hinziehenden Trainersuche wollte der Macher nicht gelten lassen: „Albert war halt noch unter Vertrag und dann geht das Ding auch nicht immer ganz so schnell.“ Riera, der wegen seiner Frau übrigens auch im Besitz eines russischen Passes ist, wird sich zu Wochenanfang vorstellen. Dass dem gebürtigen Mallorquiner eine hohe Emotionalität nachgesagt wird, soll helfen. Zudem sprach Krösche die Empfehlung aus, „die Vergangenheit abzuhaken“. Aber ob das gelingt? Zwingend muss das neue Trainerteam – Riera bringt die Assistenten Pablo Remon Arteta und Lorenzo Dolcetti mit – ausloten, wie mit dem verunsicherten Eintracht-Schlussmann Kauã Santos zu verfahren ist. Der neuerdings auch mit dem Fuß arg fehlerbehaftete Brasilianer musste sich nach einem schlimmen Fehlpass vor dem 1:3 von Aleix Garcia (90.+3) eine längere eine Schimpfkanonade von Kapitän Koch anhören, der sich solche Wutausbrüche gewöhnlich nicht leistet. Die unendliche Fehlerkette in Frankfurt fängt ganz hinten an.
