Alkoholfreier Wein: Dieser Riesling aus dem Rheingau zeigt, was möglich ist

Der Auftritt macht schon einiges her: Eine verzierte Holzkiste mit rotem Lacksiegel, darin eine schwere Flasche auf Holzwolle, mit edlem Etikett und dicker, grüner Wachsversiegelung. Schon auf den ersten Blick spielt der Grünlack XO in einer ganz anderen Liga als die üblichen alkoholfreien Weine. Aber dieser Tropfen soll ja auch mehr sein als nur ein weiteres Angebot unter vielen auf dem stetig wachsenden Markt für Null-Prozent-Weine. Der von dem Berliner Unternehmen Kolonne Null und dem Rheingauer Traditionsweingut Schloss Johannisberg entwickelte Wein soll eine Hommage an die Riesling-Spätlese und vor allem ein „Statement für die Zukunft des alkoholfreien Weins“ sein. Zumindest rein äußerlich wird das schon mal mehr als deutlich.

Den Trend zum alkoholfreien Genuss und damit auch zu alkoholfreien oder alkoholreduzierten Weinen gibt es schon eine ganze Weile – und er hat zuletzt enorm an Fahrt aufgenommen. Das Angebot ist in den vergangenen zwei Jahren förmlich explodiert, kein großes Sekthaus, keine größere Kellerei – egal ob in Deutschland oder in anderen Anbauländern – kommt mehr ohne promillefreie Produkte aus. Und auch viele kleinere Weingüter und selbst Familienwinzer reihen sich mit ihren alkoholfreien Tropfen ein. Aus einzelnen Flaschen sind in den Supermärkten und Weinabteilungen ganze alkoholfreie Regale und aus dem Nischenmarkt ist ein rasanter Wachstumsmarkt geworden.

Reifer Riesling ohne Alkohol: Der Grünlack XO von Schloss Johannisberg und Kolonne Null
Reifer Riesling ohne Alkohol: Der Grünlack XO von Schloss Johannisberg und Kolonne NullJannis Schubert

Diese Entwicklung ist Teil einer breiteren Strömung in der modernen Konsumwelt. In der regiert zwar der Überfluss, immer mehr Menschen wollen aber inzwischen nach der Maxime „Genuss ohne Reue“ leben und postulieren ihren Willen zur Mäßigung vor allem beim Essen und Trinken. Der um sich greifende Verzicht auf Fleisch, Zucker und Alkohol ist kein saisonales oder religiös motiviertes Phänomen mehr, sondern ein Lebensstil, der immer neue Produkte hervorbringt, von fleischlosen Burgern und Würsten über zuckerfreie Süßspeisen und Milchersatz aus Mandeln und Hafer bis zu Bier, Wein und sogar Spirituosen ohne Promille.

Verglichen mit den Brauereien, haben sich die Hersteller von Weinen und Sekten allerdings spät auf „Low-Alcohol“ und „No-Alcohol“ eingestellt. Beim Wein waren die Großkonzerne wie Rotkäppchen und Henkell/Freixenet zwar nicht die Pioniere, aber dann doch die Taktgeber, und der Grünlack XO zeigt, dass sich nun auch im Premiumsegment etwas tut. Wobei es der Begriff Premium in diesem Fall nicht einmal ganz trifft. Denn als Premiumprodukte muss man im Grunde schon die vielen Weine und Sekte bezeichnen, die zum Beispiel auch Kolonne Null in seinem Angebot hat. Darunter ist etwa der Session No. 07 Riesling Reserve, der mit 27 Euro je Flasche schon weit über dem liegt, was im alkoholfreien Markt normalerweise geboten, aber auch preislich aufgerufen wird. Der Grünlack XO liegt mit seinen 100 Euro je Flasche noch einmal deutlich darüber, in der Hi-Fi-Branche würde man wohl von High-End sprechen.

Schloss Johannisberg gilt als die Wiege der Spätlese und hat gerade deren Erfindung – oder besser Entdeckung – vor 250 Jahren gefeiert. Die Riesling-Spätlese Grünlack des Weingutes ist ein legendärer Wein, der weltweit bekannt und begehrt ist; knapp 50 Euro kostet eine Flasche des aktuellen Jahrgangs. Für die alkoholfreie Variante hat Gutsdirektor Stefan Doktor nicht auf den aktuellen Jahrgang, sondern auf ältere Jahrgänge zurückgegriffen: Der Grünlack XO ist eine Komposition aus sieben Jahrgängen zwischen 1951 und 1977.

Was die Entalkoholisierer von Kolonne Null damit gemacht haben, ist bemerkenswert – und könnte auch anspruchsvolle Weintrinker, die alkoholfreien Wein bisher für untrinkbar gehalten haben, überzeugen. Der Grünlack XO zeigt, wie sehr sich die Technik in den vergangenen Jahren entwickelt hat und wie qualitätsschonend Vakuumdestillation und Aromarückgewinnung inzwischen eingesetzt werden können. Diesem Wein mit seiner feinen Restsüße fehlen die typischen Entalkoholisierungsnoten und die spitze, aber flache Säure ohne jeglichen Nachklang, die andere Null-Prozent-Weine meist zu nichts weiter als trockenen, sauren Säften macht.

Wer sich bei Kolonne Null vom Basis-Riesling über den Session No. 07 Riesling Reserve bis zum Grünlack XO „hochtrinkt“, kann erahnen, was den Unterschied macht: Schon der Reserve-Riesling zeigt sich mit seiner Reife und leichten Firne viel voller, tiefgründiger und traubiger als der normale Riesling, und der goldig schimmernde Grünlack XO präsentiert sich dann als „richtiger“ Wein mit viel reifer Frucht in der Nase, einer schönen weinigen Geschmeidigkeit am Gaumen und einem spürbaren, einigermaßen langen Abgang. Natürlich ist das Fehlen des Alkohols deutlich zu spüren – auch wenn es nur acht Prozent wären. Aber für einen alkoholfreien Tropfen ist der Grünlack XO tatsächlich aller Ehren wert, angesichts des Preises allerdings auch reiner Luxus. Wer Glück hat, kann vielleicht noch eine Flasche bei dem einen oder anderen Onlinehändler ergattern, unter www.kolonnenull.com ist dieses Statement leider schon ausverkauft.