Handball-EM: Schöpferische Zerstörung | DIE ZEIT

Im modernen Handball kommt es nicht oft vor, dass das Fernsehen sich auf einen zur Auswechselbank eilenden Profi konzentriert. Zu schnell ist das Spiel, zu rasant kommt der folgende Angriff und das nächste Tor. Im ersten Halbfinale der 17. Europameisterschaft entschied sich jedoch der zuständige Bildregisseur, einen jungen Mann einzublenden, obwohl dieser nach dem Wechsel mit dem Spielgeschehen nichts mehr zu tun hatte. Damit bewies der Fernsehkollege ein ausgesprochen feines Gespür für die Sportart.

Denn Justus Fischer, der sich nun abseits des Balles mit seinen Mannschaftskameraden lächelnd abklatschte, hatte in den gut 60 Sekunden davor die kroatischen Angreifer mit seinen blitzschnellen Armen förmlich demoralisiert. Erst blockte der 22-Jährige einen gewaltigen Sprungwurf von Ivan Martinović, dann eine Schleuder von Tin Lučin – und schließlich noch einen Wurf von Mateo Maras. „Diese Sequenz nach der Halbzeit“, sagte Fischer nach Abpfiff mit einem breiten Grinsen, „die war schon ganz cool.“ 

Ein folgenreicher Hattrick

Dieser Hattrick im deutschen Mittelblock erwies sich, um ein Schlagwort des Ökonomen Joseph Schumpeter zu benutzen, als schöpferische Zerstörung. Denn nun glänzte plötzlich auch die Offensive und kreierte viele klare Wurfpositionen. In einer Phase, „in der alles funktionierte“ (Kapitän Johannes Golla), zog das Team von Bundestrainer Alfred Gíslason auf 24:17 (40.) davon. 

Und da die deutschen Handballer trotz einer schwächeren Phase nicht mehr die Nerven verloren, retteten sie diesen Vorsprung über die Zeit und gewannen im dänischen Herning mit 31:28 (17:15) gegen Kroatien – und dürfen nun tatsächlich vom Titel träumen.

Er sei extrem stolz auf sein Team, freute sich Bundestrainer Gíslason, „das war eine starke Teamleistung“. Der Isländer, der ein Faible für Abwehrspiel hat, konnte selbst nicht glauben, was Fischer da geleistet hatte. „Ich glaube, das war Turnierrekord.“ Am Sonntag geht es nun gegen den Weltmeister und turmhohen Turnierfavoriten aus Dänemark, das im zweiten Halbfinale Island mit 31:28 (14:13) Toren besiegte.

Sie ruinieren leidenschaftlich die Spielzüge des Gegners

Gegen die Dänen haben die deutschen Handballer seit 2016 nicht mehr gewonnen. Es setzte dabei viele derbe Pleiten wie im Olympiafinale 2024, als man bei 26:39 Toren eine Niederlage historischen Ausmaßes kassierte. Eigentlich ist die nächste Niederlage vorprogrammiert. Doch nicht erst die recht knappe 26:31-Niederlage gegen die Dänen in der diesjährigen EM-Hauptrunde hat die junge deutsche Mannschaft Blut lecken lassen. 

Es ist insbesondere das Abwehrbollwerk, das nun sogar den dritten EM-Titel nach 2004 und 2016 nicht mehr als utopisch erscheinen lässt. „Wir haben überragend verteidigt“, sagte Rechtsaußen Lukas Zerbe, der mit sechs Treffern beste deutsche Schütze. Und fügte mit entschlossenem Blick hinzu: „Wenn wir so verteidigen wie heute, dann können wir jede Mannschaft schlagen.“ Womit er meinte: auch diese Dänen.

Dabei hatte der deutschen Defensive sogar „der beste Abwehrspieler des Turniers“ (Gíslason) wegen eines Magen-Darm-Infektes gefehlt. Der Gummersbacher Tom Kiesler, der in seinem Turnierdebüt erstaunlich abgeklärt alles wegverteidigt hatte, was ihm entgegenkam, hatte bereits beim Sieg gegen Frankreich passen müssen. Aber im Abwehrzentrum hat Gíslason, anders als viele andere Topnationen, viele herausragende Profis, die die Spielzüge des Gegners leidenschaftlich ruinieren.